Deutsche Provinz der Jesuiten

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21.08.2017

Jesuit und Ministerpräsident predigen im Dialog: Lernfähig wie Jesus

© Sankt Peter Köln / Foto Joachim Sigl

Köln - Predigen im Dialog? Geht das? In der Kölner Jesuitenkirche Sankt Peter passiert das seit Jahren. Einmal im Monat hat Pfarrer Werner Holter SJ das Sonntagsevangelium mit Gästen aus Wissenschaft, Medien,  Kunst und Kirche diskutiert.

Zu seiner letzten Dialogpredigt - Pater Holter verlässt Sankt Peter zum 1. September - konnte er einen besonderen Gast begrüßen: Armin Laschet, bekennender Katholik und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Glanzvoller Höhepunkt einer liebgewordenen Tradition.

Das Evangelium des vergangenen Sonntags (Mt 15,21-28) erzählt von der kanaanäischen Frau, die Jesus bittet, ihre kranke Tochter zu heilen und einem Jesus, der ihr das - mit dem Hinweis, dass er nur zu den Kindern Israels gekommen sei ­ - zunächst verweigert, ihr aber dann am Ende doch hilft. "Dein Glaube ist groß. Was Du willst, soll geschehen", heißt es bei Matthäus. Ein spannender Stoff für den Dialog.

Den eröffnet Werner Holter denn auch mit einer direkten Frage: "Wer ist Ihnen sympathischer- die hartnäckige Frau oder der lernfähige Jesus?" Armin Laschet muss nicht lange überlegen: "Die Frau natürlich, gerade, weil sie hartnäckig ist und für ihr Anliegen kämpft. Und überhaupt", setzt er noch drauf: "In welcher Weltreligion ist das möglich, dass man Gott als lernfähig erlebt!"

Auch Jesus habe nicht alles gewusst, entgegnet der Pfarrer. Sein Leben sei ein Lernprozess gewesen, wie unser aller Leben - und das der Kirche. Von Lernfähigkeit hänge auch in der Politik alles ab, überlegt der CDU-Politiker und erzählt von seinen Jahren als Integrationsminister in der Landesregierung von Jürgen Rüttgers (2005-2010). "Wenn Menschen ihre Lebensgeschichten erzählen, man ihnen zuhört und sich dann einfühlen kann in deren Nöte, dann kommen andere politische Entscheidungen dabei heraus als diejenigen, die am grünen Tisch gefällt werden."

In jenen Jahren schärfte der 56-Jährige sein politisches Profil. Seither vertritt er vehement die Position, dass alles getan werden müsse, um Migranten Bildungschancen zu ermöglichen. Nur so sei Integration möglich. Damals habe er viel gelernt. Zum Beispiel wurden Sprachtests für türkische Kinder in den Kitas eingeführt.  Dabei stellte sich heraus, so Laschet, dass das Kind des türkischen Rechtsanwalts besser Deutsch sprach als manches deutsche Kind. "Damals  habe ich begriffen, dass Integration kein ethnisches, sondern ein zutiefst soziales Problem ist."

Lernfähigkeit sei auf allen Seiten gefragt. "Wir können viel von den Muslimen lernen." Auch die Katholiken. "Zum Beispiel würde ich mich freuen, wenn wir unsere Fastenzeit vor Ostern genau so ernst nähmen wie die Muslime den Ramadan", sagt der engagierte Katholik. Der Pfarrer und der Politiker stimmen darin überein, dass Religion so vermittelt werden muss, dass sie nicht ausgrenzt. Wenn etwa der Muslim Navid Kermani über das Christentum nachdenke, so Laschet, "öffnet  uns das doch die Augen".

Auf die Frage, ob sein christliches Fundament auch sein politisches Handeln bestimme, antwortet der Christdemokrat mit einem klaren Ja. Ihn habe die Sozialenzyklika von Johannes Paul II. "Centesimus annus" , die aus Anlass des 100. Jahrestages von "Rerum novarum", der Sozialenzyklika von Leo XIII., veröffentlicht wurde, besonders beeindruckt. Hier habe der polnische Papst eindeutig festgestellt, dass die Niederlage des Kommunismus kein Sieg des Kapitalismus gewesen sei.

Eine Position, die Laschet absolut teilt. Der Zusammenbruch der Kapitalmärkte von 2008 spreche eine beredte Sprache. "Diese Milliardenblase, die keiner menschlichen Arbeit entsprochen hat!" Da seien Werte mit Füßen getreten worden. Für ihn leistet deshalb ein Politiker, der sich für den Erhalt von Arbeitsplätzen einsetzt, einen moralischen Dienst.

Ökonomie und Ökologie sind für Laschet keine Gegensätze. "Für mich ist das immer eine Gratwanderung, die ökonomischen und Umweltschutzgesichtspunkt verantwortlich gegeneinander abzuwägen. Deshalb sei die Enzyklika von Papst Franziskus "Laudato si'" (2015), die die Bedeutung von Klima-und Umweltschutz in den Mittelpunkt stellt und den Raubtierkapitalismus der Industriegesellschaften anprangert, ein wichtiger Anstoß für die Politik.  Es gelte, die Auswüchse des Kapitalismus zu verhindern. "Aber Menschen brauchen Arbeit!" Das sei ein Wert, der nicht hoch genug geschätzt werden könne!

Zum Schluss spricht Pater Holter noch den hohen, wenig familienfreundlichen  Zeiteinsatz eines Berufspolitikers an. "Gehören Ihnen die Sonntage?" fragt er Laschet. "Natürlich nicht. Aber das habe ich doch so gewollt!"

Das Resumee des Dialogs fasst Werner Holter SJ am Ende so zusammen: "In der Politik wie auch in der Kirche geht es darum, sich auf Lernprozesse einzulassen. Aber wir sind lernfähig. Und das macht Hoffnung! "

Es war eine  anregende halbe Stunde an diesem Sonntag in der Kölner Jesuitenkirche. Die Gemeinde hat einen sympathischen, offenen Menschen kennengelernt, der aus seiner christlichen Überzeugung kein Hehl macht -  und auch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist.

Brigitta Lentz




letzte Aktualisierung am 02.08.2017