Zum Motto »Aufbruch in die Welt«

Jubiläen und Gedenktage zwingen in ein Ritual des Erinnerns hinein, das sich irgendwann dem Punkt nähert, an dem wir über alles geschrieben, uns aber nichts angeeignet haben. Wer heute gefeiert ist, scheint morgen vergessen, weil tags darauf andere in den Mittelpunkt treten. Wir sind über alle informiert und kennen deswegen niemanden wirklich. Solchen Gezeiten unterliegt auch Franz Xaver. Er ist gerühmt und gewürdigt worden, wurde 1622 heilig gesprochen, siebzig Jahre nach seinem Tod, 1748 wurde er zum Schutzheiligen Indiens und des ganzen Fernen Ostens und 1927 zum Patron aller katholischen Missionen auf dem Globus ernannt. Er wird von Christen ebenso verehrt wie - man höre und staune - von Hindus, Buddhisten und Muslimen. In unzähligen Kirchen ist er anzutreffen, zumeist mit Taufgebärde, und vielerorts gibt es nach ihm benannte Missionskreise.

Es ist nicht schwer, große Gestalten der Geschichte historisch einzumotten, indem man sie feiert. So bleiben sie harmlos: angesehenes Symbol, aber letztlich wirkungslos. Was können wir heute von Franz Xaver lernen? Was sollen wir uns von seinem Erbe aneignen, um ihn nicht endgültig zu verlieren, indem wir ihn gleichsam musealisieren, es bei einer Art Pionierromantik belassen? Gerade wer Franz Xaver vermisst, darf nicht bloß erinnern, sondern muss sein Erbe erwerben, muss heute sein Schüler werden, um morgen damit wuchern zu können. Franz Xaver erwerben: Was heißt das? Erwerben nicht im Sinn eines mehr oder weniger pietätvollen Umgangs mit einer Gründergestalt der Gesellschaft Jesu, vor der man natürlich schnell den Hut zieht, um dann doch ganz selbstverständlich weiterzumachen wie bisher? Die Antwort gibt das Motto des Jahresthemas: »Aufbruch in die Welt«.

Bei Franz Xaver in die Schule gehen heißt den Mut fassen, (wie er) immer wieder aufzubrechen. Der Adelige aus Navarra hat sich ständig herausfordern lassen und Neues angepackt. Er ist ausgebrochen aus seiner Familie und einem vorgezeichneten Lebensweg, der eine einträgliche Pfründe als Domherr vorsah und ein unbeschwertes Dasein garantiert hätte. Der 19-Jährige brach von Xavier nach Paris auf, brachte es dort nicht nur zu einem der besten Spitzenathleten der Universität, sondern erwarb mit großem Ehrgeiz etliche akademische Grade. Gleichzeitig lebte er sich im Quartier Latin aus, ließ seinen Charme spielen, genoss, von chronischem Geldmangel geplagt, sein Studentenleben. Fröhlich und sensibel zugleich zählte er zur Jeunesse dorée der Stadt, sperrte sich jahrelang gegen das hartnäckige Werben des Basken Iñigo de Loyola, spottete über den humpelnden Zwerg, der ihm finanziell ständig aushalf - aber 1534 findet er sich unter den sieben Gefährten, die auf dem Montmartre Gelübde ablegen. 1540 gehört er zu den Gründungsvätern der Gesellschaft Jesu.

Immer wieder ist Franz Xaver aufgebrochen, er, der für Ignatius anfänglich als "der zäheste Teig" galt, den er je geknetet habe. Von Paris brach er nach Oberitalien auf, von Bologna nach Rom, um sich dem Papst zur Verfügung zu stellen. Von Rom ließ er sich nach Goa senden, weiter nach Südindien, nach Malakka (Malaysia), Indonesien, Japan, um schließlich einsam zu sterben, völlig ausgepowert, mit nur 46 Jahren - China, seine letzte große Sehnsucht, in Sichtweite. Aus dem einstigen Gesellschaftstiger mit ausgeprägtem Ego-Kult war ein selbstloser »Mensch für andere« geworden.

In die Welt aufbrechen, sie nicht nur touristisch bereisen, lässt sich einzig, wenn man weiß, warum man aufbricht und wofür. Franz Xaver wusste sich gesandt, und er ließ sich senden. Es muss (auch theologisch) zu denken geben, dass das Prinzip Zufall dabei eine Rolle spielte: Ursprünglich war Nicolas Bobadilla für die portugiesische Mission vorgesehen gewesen. Es traf Franz Xaver, weil Bobadilla plötzlich erkrankte. Großes lässt sich nicht von Anfang an ins kleinste Detail planen, abschätzen und kalkulieren. Franz Xaver bekam Blankovollmachten von Ignatius in die Hand, der wusste, dass der Freund vor Ort selber werde entscheiden müssen, was nur dort zu entscheiden ist und nicht von einer Ordenszentrale aus geregelt werden kann. Franz Xaver konnte nicht wissen, wie die Reise verlaufen würde, doch sein Pioniergeist und eine tiefe, ja intime Verbundenheit mit den Gefährten in Rom trieb ihn hinaus in die Welt. Der Elan seines Lebens mag erschrecken und überfordern - er spornt auch an.

»Aufbruch in die Welt« bedeutet in erster Linie, in die Welt hinauszuziehen, Gewohntes und Vertrautes hinter sich zu lassen, Neues zu wagen. Darin sind wir ihm zuallererst verpflichtet. Wer im 21. Jahrhundert diese imponierende Gestalt des 16. Jahrhunderts bemüht, sollte sich von ihr an die Hand nehmen lassen, um etwas von ihr zu lernen: Unerschrockenheit, Verfügbarkeit, innere wie äußere Mobilität - lange vor den technischen Möglichkeiten, die unsere Zeit mit ICE, Düsenjets oder mit dem Internet bietet, das nicht zuletzt Kommunikationswege abkürzt.

Die damals bekannte Welt war kleiner als die heutige, scheinbar überschaubarer. Das Internet macht die Welt heute zum Dorf, zum »global village«. Aus unserer Sicht kann Franz Xaver als einer der ersten Weltbürger gelten. Auch darin kann er Vorbild sein: »Aufbruch in die Welt« heißt heute weniger als früher das Hinausziehen in unbekannte Gefilde. Fremde Welten finden wir oft schon in unmittelbarer Nachbarschaft vor.

Franz Xaver musste sich in kürzester Zeit auf Neues einstellen: auf fremde Sprachen und neue Kulturen. Der Hochbegabte mit begründeten Aussichten auf eine glänzende Universitätskarriere tat sich damit nicht schwer, er war ein begnadeter Autodidakt. Seine Missionierungsmethoden erscheinen heute fragwürdig. Den Japanern, die er bekehren wollte, sagte er, dass selbstverständlich alle ihre Vorfahren zur Hölle verdammt seien. Später erkannte er, dass sich ein Missionar dem jeweiligen Land und seinen Gegebenheiten anpassen muss, um Erfolg zu haben. Bei aller Flexibilität blieb sein Talent zur Anpassung notwendig rudimentär. Aber Franz Xaver erkannte deutlich, dass Mission nur unter Berücksichtigung der tieferen Wurzeln der Kultur sinnvoll ist und gelingen kann, eine Erkenntnis, die oft vom Klischee des bis zum Umfallen taufenden Missionars verdeckt wird.

»Aufbruch in die Welt« könnte heißen, im Wissen wie im Ringen um die eigene (religiöse) Identität Offenheit für Fremdes und Neues lernen, ohne Scheu, dabei einen eigenen Standpunkt zu beziehen und diesen auch zu artikulieren; Offenheit für Fremdes und Neues erwerben und erbitten, ohne aber - in vermeintlich toleranter Absicht, alles integrieren und nichts verdammen zu wollen - letztlich alles zu relativieren und (gut getarnte) Beliebigkeit zu predigen, die keine Kriterien kennen und sich auch nicht um solche bemühen will. Franz Xaver hätte von einem christlichen Absolutheitsanspruch gewiss niemals hinter vorgehaltener Hand geflüstert.

»Interreligiöser Dialog« war eine Vokabel, die Franz Xaver nicht kannte. War ihm deswegen der Inhalt fremd? Das darf bezweifelt werden. Wenn das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung »Nostra Aetate« festhält: "Die Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist" (Nr. 2), dann lässt sich an dem Heiligen ablesen, wie im Lauf seiner elf Jahre in der Mission das Verständnis für andere Religionen und Kulturen gewachsen ist. Seine Grundeinstellung beeindruckt auch heute: tiefer Respekt und Achtung, die den gleichaltrigen Peter Faber, jahrelang sein Zimmergenosse in Paris, "für den Papst, für Luther, für Melanchton, für Bucer und für den Türken" beten ließen, keineswegs eine selbstverständliche Bitte im 16. Jahrhundert. Wie seine Gefährten in deutschen Landen auf die Reform »von innen« setzten und das Gespräch der gegenseitigen Verketzerung vorzogen, entwickelte er ein differenziertes Gespür für das Fremde, das nicht fraglos mit einem theologischen Lehrsystem überzogen bzw. ausradiert werden darf.

Bei aller Verschiedenheit in den Ausgangsbedingungen, in Anlage und Temperament, verstanden sich die ersten Jesuiten als »Freunde im Herrn«. Sie waren es! Das nicht zuletzt verband über Kontinente hinweg. Franz Xavers Leben ist eine einzige Pilgerexistenz. »Aufbruch in die Welt« könnte deswegen auch heißen, in den schwierigen Suchbewegungen des interreligiösen Dialogs sich mehr und mehr als Menschen unterwegs zu verstehen, als Pilger - mit einem Ziel, das wir Jesus Christus nennen und als dessen »Sozii« sich Jesuiten verstehen, und andere den »unbekannten Gott«. Unsere Lebensreise muss den offenen Ausgang schätzen lernen anstelle des stillschweigenden Triumphs, mit vorgeprägten Ergebnissen und Totschlagsargumenten aufwarten zu können, die in einem günstigen Augenblick aus der Schublade gezogen werden.

Die Tatsache, dass die Angst um die eigene (religiöse) Identität Begegnung verhindern kann, muss Anlass sein für eine tiefgreifende Reflexion auf das Charisma der ignatianischen Exerzitien, die uns in die Welt hineinschicken, eine Welt, wie sie ist: mit ihrer Pluralität, ihrer Unübersichtlichkeit, ihren Abgründen. Franz Xaver verpasste Etiketten wie »Kosmopolit« oder »Globetrotter« übersehen leicht, dass aus der historischen Betrachtung ein Anspruch für die Gegenwart erwächst: heute mit unseren Möglichkeiten (und Grenzen) vom Geheimnis Jesu Christi zu reden, ihn zu verkündigen - gelegen oder ungelegen -, dafür Herzblut zu investieren, den mühsamen Weg eines (vierfachen) Dialogs des Lebens, des Handelns, der religiösen Erfahrung und des theologischen Austausches anzutreten und zu suchen, soll er nicht allein Spezialistensache bleiben.

Nicht selten beginnt die fremde Welt, finden sich andere Religion bereits in unmittelbarer Nachbarschaft: im Hinterhof, im Plattenbau nebenan. Nicht zuletzt dürfte der interreligiöse Dialog die Voraussetzung für eine nachhaltige Friedenspolitik sein. Interreligiöser Dialog ist nicht nur "ein neuer Weg, Kirche zu sein" (Paul VI.), sondern "ein Dialog des Heils" (Johannes Paul II.). Wo er offen und ehrlich geführt wird, darf er sich, wie die letzte Generalkongregation der Jesuiten 1995 in Rom festgehalten hat, als "unsere Form der Mitwirkung bei Gottes andauerndem Dialog mit der Menschheit" (Dekret 5/5) verstehen. Dem können sich Jesuiten nicht verschließen. Franz Xaver hat diesen Dialog geführt.

Andreas R. Batlogg SJ
Redaktion »Stimmen der Zeit«

 

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