|
Bis an den Rand der Erde
Franz Xaver - der erste JesuitenmissionarDer hagere, bärtige Mann allein auf der Klippe, eine Hand mit einem
Kruzifix ausgestreckt über das Meer, die Augen in den Himmel gehoben, mit
einem flammenden Herzen: so stellen ihn die Heiligenbilder in vielen
älteren Kirchen dar. Franz Xaver war einer der ersten Jesuiten und wurde
der Patron der Missionen. Jahrhundertelang war er ein Symbol sowohl für
die Faszination, die die fremden Kulturen in Übersee auf die Christen in
Europa hatten, als auch für den Mut der ausziehenden Missionare und deren
Bereitschaft, alles für ein Glaubenswagnis zurückzulassen. Was kann dieser
Heilige, der über Jahrhunderte eine so große Faszination ausstrahlte, aber
kaum noch bekannt oder anerkannt ist, heute sagen?
Student in Paris

Franz Xaver wuchs in einer adeligen baskischen Familie in Navarra auf.
Mit der Aussicht auf eine gute Pfründe als Domherr ohne allzuviel Arbeit
hatte er das Studium an der damals besten Universität Europas in Paris
begonnen. Er genoss das unbeschwerte Studentenleben, bis eines Tages ein
neuer Mitbewohner ins Studentenwohnheim kam: der um 15 Jahre ältere
Ignatius von Loyola.

In Gesprächen und mittels der von ihm entwickelten neuartigen
»Geistlichen Übungen«, den Exerzitien, warb er für ein Leben ganz aus der
Kraft des Glaubens. Auch wenn Franz sich nicht schnell von dieser
Radikalität überzeugen ließ, Ignatius war beharrlich. Mit dem Bibelwort:
“Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber
seine Seele Schaden nimmt?” entfachte Ignatius langsam ein dauerhaftes
Feuer in Xaver, das ihn um die ganze Welt treiben würde.
Einer der ersten sieben Jesuiten

Mit fünf weiteren Studenten, die Ignatius gewonnen hatte, bildeten sie
den Kern einer später wachsenden Gruppe, die selber sehr arm lebte und
sich aus dem Glauben heraus für die Ärmsten einsetzte, besonders im Dienst
in den Spitälern: die ersten Jesuiten. Nach Beendigung der Studien im Jahr
1539 stellten sie sich dem Papst zur Verfügung aus der Überlegung heraus,
dass dieser in der Verantwortung für die Weltkirche wahrscheinlich am
besten beurteilen könne, wo die Not am größten sei. Dorthin wollten sie
gesandt werden.

In diese Situation fiel eine Anfrage des portugiesischen Königs beim
Papst nach Priestern dieser neuen Gemeinschaft. In seinen indischen
Territorien waren erste Einheimische getauft worden, ohne aber wirkliche
Unterweisung im Glauben zu erhalten. 1541 zog Xaver los in die unbekannte
Welt.
Der Weltentdecker und Missionar

Es wurde eine besondere Art der Welteroberung: 11 Jahre lang
durchstreifte Franz Xaver Asien. In Goa, Indien, errichtete er die erste
Jesuitenniederlassung, das St.-Pauls-Kolleg zur Ausbildung einheimischer
Jugendlicher. Hierher kehrte er nach jeder Reise zurück.

Von Goa ging er zuerst zu den Fischerdörfern an der Südküste Indiens.
Tausende unterrichtete er im Glauben und taufte sie. Er lernte etwas
tamilisch und ließ die wichtigsten Gebete übersetzen, damit die Menschen
sie auswendig lernen konnten. Wichtiger als die Verkündigung mit Worten
war das gelebte Vorbild: alle waren beeindruckt von Xavers
leidenschaftlicher Liebe zu den Menschen. Er lebte selber in einer
primitiven Hütte, kümmerte sich um die Kinder, besuchte die Kranken,
Sterbenden und Ärmsten und half, wo immer es ging. Bislang waren die
Europäer, die dorthin kamen, nur an den kostbaren Perlmuscheln
interessiert, die sie vom Meeresgrund holten. Xaver und seine Mitbrüder
verteidigten die Fischer gegen die ausbeuterische Behandlung von Seiten
der portugiesischen Händler, die immer mehr Perlen verlangten.

Die nächste große Reise ging über Malakka (heute Malaysia) nach
Indonesien, wo Xaver in gleicher Weise voranging.
Das unbekannte Japan

Indien, Malaysia und Indonesien gehörten noch zum Einflussbereich der
Portugiesen, die in Asien ein Netz von Hafenfestungen errichtet hatten, um
die kostbaren Gewürzschiffe nach Europa zu beschützen. In Malakka traf
Xaver einen Japaner, der ihm von seiner Heimat erzählte. Diese Berichte
übten eine große Faszination auf Xaver aus. Ob diese den Europäern noch
unbekannte Hochkultur für das Christentum aufgeschlossen wäre? Xaver
beschloss, nach Japan zu reisen.

Eine selbstbewusste Oberschicht nahm ihn dort freundlich auf und
beeindruckte ihn. Er war wohl der erste Europäer, der auf dem Weg zum
Kaiserhof ins Landesinnere vordrang. Mit buddhistischen und
shintoistischen Mönchen diskutierte er über den Glauben. Aber die
Gespräche waren voller gegenseitiger Missverständnisse. Es gab nur einige
wenige Bekehrungen zum Christentum. Hier machte Xaver die Erfahrung, dass
Mission nur unter Berücksichtigung der tieferen Wurzeln einer Kultur
sinnvoll ist.

Da er gehört hatte, dass die japanische Kultur von China her gegründet
worden sei, reifte sein Entschluss, zunächst nach China zu gehen, um
vielleicht nach einer Bekehrung des chinesischen Reiches in Japan mehr
Erfolge zu haben. China hatte aber seine Tore für alle Fremden
dichtgemacht. Gegen den Rat guter Freunde versuchte Xaver, doch
hineinzukommen, allein auf Gott vertrauend. Aber dies sollte ihm nicht
mehr vergönnt sein. Er starb im Jahr 1552 einsam und erschöpft auf der
Insel Sanzian vor dem chinesischen Festland, wo er vergeblich auf eine
Überfahrt wartete.
Aufbruch und Gründung

Der unerschöpfliche Eifer für seine Sendung ist es, was zu allen Zeiten
an Xaver faszinierte. Das Evangelium in Asien zu verkünden und den “Seelen
zu helfen und sie zu retten”, ließ ihn kaum ruhen. Meistens hielt er sich
nur kurze Zeit an einem Ort auf. Die Menschen, die ihn trafen, waren
beeindruckt von der inneren Glut, mit der er den Gott verkündete, der ihn
all diese Wege leitete, und von dem selbstlosen Dienst an allen Menschen
ohne Unterschiede.

Immer wartete Xaver sehnsüchtig auf die Ankunft neuer
Jesuitenmissionare aus Portugal. Als Oberer aller Jesuiten in Asien
schickte er diese dann an die Orte, die er selber schon besucht hatte, mit
genauen Instruktionen für die Fortsetzung seiner Anfänge. So war er selber
frei für neue Herausforderungen und gleichzeitig wurde sein Werk
gefestigt.

In seinem letzten Brief mahnt selbst Ignatius von Rom aus, Xaver solle
vielleicht besser in Indien bleiben, den Orden von dort aus leiten und
andere auf die Missionsreisen schicken. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte
Xaver sich bereits in seiner Mission so verausgabt, dass er mit nur 46
Jahren vor den Toren Chinas gestorben war. Alle vorsichtige Klugheit
verblasst vor dieser Dynamik der selbstlosen Verkündigung.
Einsamkeit und Gemeinschaft

In seinem Eifer drängte Xaver immer weiter, egal ob die anderen
mitkamen oder nicht. Auch wenn er Begleiter mitnahm, ließ er diese oft an
entscheidenden Orten zurück und zog alleine voran. Nirgendwo blieb er
lange. Immer ging es weiter.

Aber er hätte sich wohl kaum selber als Einzelgänger bezeichnet. Er
hatte viele Freunde sowohl bei den Einheimischen als auch in den Festungen
der Portugiesen. Und er wusste sich immer geborgen in der Gesellschaft
Jesu. Die Unterschriften der Mitbrüder hatte er aus einem Brief von Rom
ausgeschnitten und trug sie immer am Herzen. Seine eigenen Briefe sprechen
von der tiefen Sehnsucht und der Verbundenheit mit den Mitbrüdern.
Seine Briefe wurden Bestseller

In seinen langen Briefe nach Europa beschrieb Xaver ausführlich die
Erlebnisse seiner Reisen und Begegnungen mit den fremden Kulturen, seine
Vorgehensweise in der Verkündigung, seinen Glauben, der ihn weiterdrängte,
und das Fehlen geeigneter Missionare. Vielfach von den Jesuiten in ganz
Europa nachgedruckt, wurden diese Briefe zu Bestsellern. Über Jahrhunderte
weckten sie in vielen Jugendlichen ein missionarisches Engagement.

Gleich in seinem ersten großen Brief nach Europa schreibt er:
Angesichts der großen Herausforderung in der Mission “packt mich oft das
Verlangen, in die Universitäten Europas zu stürmen, schreiend mit lauter
Stimme, wie einer, der nicht mehr bei Sinnen ist”; um in den Studenten
dieses Feuer zu wecken, “bis sie sagen: Herr, siehe hier bin ich. Was
willst Du, dass ich tun soll? Sende mich, wohin Du willst, und wenn es gut
ist, selbst bis nach Indien!”

Nicht nur Asien, auch das alte Europa fordert Franz Xaver durch seine
missionarische Dynamik heraus, damals wie heute. Die Jesuiten in den
deutschsprachigen Ländern wollen im kommenden Franz-Xaver-Jahr durch
Veranstaltungen und Veröffentlichungen dazu beitragen, den Elan ihres
ersten Missionars wieder zu beleben.
Bernd Günther SJ
Missionsprokur der deutschen Jesuiten
Auszug aus: weltweit – Das Missionsmagazin der deutschen Jesuiten
(Dezember 2001)
|
 |