Deutsche Provinz der Jesuiten

Jesuiten haben hier einen großartigen Raum für Glauben und Denken geschaffen

Jonas Bedford-Strohm in der Aula der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München.

Der Journalist Jonas Bedford-Strohm forscht an der Münchner Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Sein Thema: die digitale Revolution in Institutionen wie den Kirchen. Das diskutiert er auch mit seinem Vater, dem bayerischen Landesbischof und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Herr Bedford-Strohm, Sie sind evangelisch, Sohn des Landesbischofs in Bayern, aber Sie studieren bei den Jesuiten. Wieso das?

Wieso denn nicht? Die konfessionelle Spaltung ist ja zum Glück heute lange nicht mehr so stark, wie das früher der Fall gewesen ist. Es ist auch nicht so, dass ich konvertieren möchte, ich bin bewusst und gern evangelisch, aber ich habe überhaupt keine Berührungsängste mit der katholischen Kirche. Ganz im Gegenteil! Es geht doch bei aller Vielfalt zentral um die christliche Grundhaltung. Das, was uns als Christen ausmacht, eint die beiden großen Konfessionen übrigens auch mit vielen freien Kirchen wie der methodistischen Peace Church, die ich mit meiner Frau in München besuche.

Wieso haben Sie sich für die Hochschule für Philosophie entschieden?

Das lag zunächst daran, dass ich Professor Reder in der Politischen Philosophie für mein Promotions-Thema gewinnen konnte: den digitalen Strukturwandel und seine Herausforderungen für öffentliche Institutionen wie Ministerien, Rundfunkanstalten und Kirchen. Ich hatte vorher in Heidelberg, Südafrika und den USA studiert und bin dann durch meine Arbeit in der digitalen Entwicklung beim Bayerischen Rundfunk nach München gekommen. Dass ich nun auch bei Professor Filipovic am neuen Zentrum für die Ethik der Medien und der Digitalen Gesellschaft die ethischen Herausforderungen der technischen Entwicklung reflektieren und erforschen darf, hat mich endgültig zum Fan der Jesuiten und der Hochschule gemacht.

Was ist für Sie das spezifisch Jesuitische an der Hochschule für Philosophie?

Mit ihrer langen Bildungstradition und der weltweiten Ausrichtung haben die Jesuiten hier einen großartigen Raum für Glauben und Denken mit offenen Augen geschaffen. Jesuiten, wie ich sie bisher kennengelernt habe, setzen das Nachdenken über wichtige Themen, die mich bewegen, sehr lebenspraktisch um. Sie verbinden echte und tiefe Frömmigkeit mit hohem intellektuellen Anspruch. Sie sind der Welt und ihren Menschen zugewandt und bringen theologische Tiefe in gesellschaftliche Fragen, genau wie gesellschaftliche Weite in theologische Fragen. Gerade auch aus meinen evangelischen Wurzeln heraus weiß ich das sehr zu schätzen. Es ist ein Spielfeld, auf dem ich mich also sehr wohl fühle.

"Digitalisierung und Kirche" - was genau interessiert Sie daran?

Es ist ein Wesensmerkmal der Kirchen, dass sie auf Basis der biblischen Geschichten von Glaubenswahrheiten erzählen. Sie wissen daher sehr gut, wie wichtig die Sprache für unser Leben ist. Nicht ohne Grund waren Übersetzungen der Bibel ins Griechische, dann ins Lateinische, später auch ins Deutsche stets theologisch wichtige, oft sogar wahrhaft heilige Angelegenheiten. Die Tragweite der Lutherübersetzung ins Deutsche beruhte damals vor allem auf dem Buchdruck, der massenhafte Vervielfältigung von notierten Ideen ermöglichte. Ohne die Dynamik des neuen Mediums wäre Luthers Reformanliegen vermutlich recht schnell wieder verpufft. Die Reformation wäre nicht, oder zumindest völlig anders passiert. An einem historischen Wendepunkt der Medienentwicklung stehen wir mit der Digitalisierung auch heute.

Was macht diesen Wendepunkt aus?

Die neuen Möglichkeiten der digitalen Vermittlung erzeugen völlig neue Dynamiken in der Kommunikation. Geographie ist keine Hürde, und Nutzer werden zu ihren eigenen Navigatoren. Das ist für die Kirchen eine unglaubliche Herausforderung, weil ihre Kernkompetenzen neue Konkurrenz bekommen haben und sie viele dieser Kompetenzen neu erfinden müssen. Sichtbar wird das nicht zuletzt in der Verkündigung. Natürlich ist die Vermittlung von Glauben auf digitalem Weg allein nicht nachhaltig, und wir müssen auch darauf achten, die Inhalte nicht aufgrund der Funktionsweisen digitaler Plattformen zu verfälschen. Aber die Kirchen sind gut beraten, die Sprache der Digitalisierung für ihre Botschaft zu nutzen. Sie bietet ja nicht nur neue Möglichkeiten für das Ausdrücken theologischer Inhalte, sondern auch Chancen für völlig neue Eindrücke von den Menschen, die die Kirchen mit ihren Ideen und Erfahrungen bereichern können. Das gemeinsame Navigieren von Institution und Individuum wird zum Kommunikationsgeschehen.

Die Hochschule für Philosophie München steht in der seit über 400 Jahren geschätzten Bildungstradition des Jesuitenordens.

Wo sehen Sie die Defizite bei den Kirchen in Sachen Digitalisierung?

Die Kirchen gehen sehr oft noch vom alten Sendermodell aus. Jemand hat eine Nachricht, in diesem Fall die Frohe Botschaft, und verbreitet sie dann über bestimmte Medien an einen mehr oder weniger definierten Empfängerkreis. Kommunikation ist aber keine Einbahnstraße. Sie war es nie. Das wird durch die sozialen Medien in neuer Weise sichtbar. Schlichtes Ansagen-machen funktioniert heute einfach nicht mehr. Die Interaktion wird wichtiger. Gerade für Kirchen, die ja eine öffentlich relevante Botschaft haben, ist das entscheidend: Öffentlichkeit entsteht da, wo Interaktion ist. Das Vorhalten von Senderstrukturen wird also sekundär und der Fokus auf die Inhalte, die begeistern und zur interaktiven Kommunikation anhalten, wird wichtiger.

Was stellen Sie also an Defiziten fest?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Kirchen mit dieser kommunikativen Pluralität noch schwertun, mit dem ständigen Feedback, dem möglichen Hochschaukeln von Kritik. Damit wissen sie noch nicht recht umzugehen, weil sie dieses neue mediale Ökosystem noch nicht ganz verstehen. Das führt meines Erachtens zu oft zu einer gefährlich risikoaversen Haltung: Bloß keinen Fehler machen, also lieber gar nichts probieren. Das spiegelt sich bisher zumindest in der Ressourcenverteilung in den großen kirchlichen Institutionen. Für die sozialen Medien gibt es oft nur vereinzelte "Beauftragte", auf denen der ganze Digitalisierungsdruck lastet. Das muss sich ändern.

Und wie kann sich das ändern?

Dazu braucht es einen Bewusstseinswandel, Mut und Neugier auf diese neue Art der interaktiven Kommunikation. Dafür braucht es auch immer das richtige Personal. Denn es ist ja wirklich sehr schwer, in dieser neuen Umgebung authentisch und markengerecht zu kommunizieren. Genau das ist für Verantwortungsträger in Institutionen das Schwierige: Soziale Medien bedeuten immer einen gewissen Kontrollverlust. Das lässt sich weder umgehen, noch verleugnen.

"Wer's glaubt, wird selig" – das ist der Titel des Buches, das der evangelische Landesbischof Heinrich-Bedford-Strohm gemeinsam mit seinem Sohn Jonas geschrieben hat.
Pro Kapitel haben sie ein Interview geführt zu den Themen: Glück, Gott, Jesus, Bibel, Kirche, Tod, Spiritualität, Konfessionen. Ein Buch, das vor allem junge Menschen zum persönlichen Gespräch über ihren Glauben anregen soll.


Wie können kirchliche Akteure mit diesem Kontrollverlust umgehen?

Ein Kollege bei uns im Social-Media-Team ermutigt die Community-Manager in den verschiedenen Redaktionen immer mit einem Kernsatz: Liebet Eure Trolle! Die Menschen, die auf Eure Plattform, Euren Kanal, Eure Kommunikation bezogen sind, ob als Nörgler oder Cheerleader, und sich stets beteiligen, helfen Euch, eine Öffentlichkeit für das Thema herzustellen. Mit durchdachter Strategie, klaren Regeln, echter Neugier und menschlicher Wärme kann man das öffentlichkeitswirksame Gespräch dann auf eine thematisch immer tiefere und intellektuell immer interessantere Ebene heben. Die Frage für die kirchlichen Akteure ist aber natürlich nie nur eine Frage der institutionellen Strategie, sondern immer auch die theologische Rückversicherung, welche Grundorientierung die christliche Botschaft in dieser neuen Umgebung in Anschlag bringt. Da können die christlichen Kirchen im digitalen Raum auch Vorbild für uns alle sein.

Was können die kirchlichen Institutionen tun?

Ganz entscheidend ist gutes Talentscouting, sowohl für das bezahlte, als auch für das ehrenamtliche Personal. Für die Kommunikation im digitalen Raum ist zum Beispiel wichtig, dass die Kirchen digitale Talente in den eigenen Reihen und in ihrem Umfeld erkennen, fördern und neu für die Idee Kirche und die konkret gelebte Gemeinschaft begeistern. Bislang laufen sie der technischen Entwicklung nämlich viel zu oft hinterher. Wenn sie ganz bewusst kirchenaffine Programmierer, Webdesigner und Social-Media-Manager suchen und einbinden, dann wäre viel gewonnen. Aber dazu müssen die Verantwortlichen wirklich verstehen wollen, wie digitale Kommunikation funktioniert.

Und die Trends nicht verschlafen?

Das ist fast mehr eine anthropologische Fragestellung als eine technische. Ob mit digitalen oder analogen Mitteln: Es kommunizieren immer Menschen. Aber klar: Mit neuen plattformsensibel umgesetzten Formaten erreichen wir für christliche Inhalte neue, oft jüngere Zielgruppen und können mit kreativen Inhalten auch neues Interesse für unsere Botschaft wecken. Aber die Kirchen müssen prinzipiell aufpassen, dass sie an den Entwicklungen dranbleiben.

Welche Trends wären denn zu beobachten?

Mit Facebook erreicht man zum Beispiel die ganz Jungen heute schon nicht mehr wie noch vor einigen Jahren. Zwar bleibt Facebook mit mehr als 30 Millionen Nutzern in Deutschland ohne Frage eine der wichtigsten Plattformen. Die Art der Nutzung verändert sich aber. Der Trend geht insgesamt wieder weg von großen Follower-Kreisen hin zu kleineren, agilen, sich dauernd wandelnden Netzwerken. Die Peer-to-Peer-Kommunikation auf WhatsApp und Snapchat wird dadurch wichtiger. Dort ist es allerdings als Institution deutlich schwerer mit Öffentlichkeitsarbeit präsent zu sein. Deswegen ist ganz entscheidend, dass die Digitalisierung nicht nur in den Kirchenämtern und Ordinariaten als strategische Komponente der Öffentlichkeitsarbeit interpretiert wird, sondern dass Pfarrerinnen, Pfarrer, Priester, Diakone und grundsätzlich alle kirchlichen Mitarbeiter dieses Thema in ihrer täglichen Arbeit mitdenken.

Jonas Bedford-Strohm vor einem Bild des spanischen Jesuitenphilosophen Francisco Suárez SJ (1548 - 1617).

Sollen Bischöfe, Pfarrer, Ordensleute also jetzt alle twittern?

Ich persönlich finde Twitter super, ein spannendes Medium für Information und Meinungsbildung. Aber es geht für jeden darum, authentisch zu kommunizieren. Ob das so ist, merkt man in den sozialen Medien sofort. Ich glaube grundsätzlich, dass wir Christen mit unserer Botschaft, die für uns ja Herzensfrage und damit wirklich authentisch ist, gerade für solche Medien prädestiniert sind, und das gilt nicht nur für Bischöfe und andere Funktionsträger. Zur Authentizität in den sozialen Medien gehört auch, dass man für sich die richtige Plattform findet. Manch einer mag die Reflexion in einem Blog, andere die multimediale Kommunikation auf Facebook, andere die prägnanten Pointen auf Twitter, viele organisieren Gruppen per WhatsApp und wieder andere bevorzugen bildliche Kommunikation per Snapchat.

In Sachen moderner Mediennutzung waren Jesuiten in der Vergangenheit häufig Trendsetter, sind sie das immer noch?

Mir fallen spontan gleich drei Trendsetter bei den Jesuiten ein: Papst Franziskus, Pater Bernd Hagenkord von Radio Vatikan und Pater James Martin von America Magazine. Alle drei sind für mich kirchliche Pioniere im digitalen Raum. James Martin hat zum Beispiel das Gespräch mit dem katholischen Late-Night-Talker Stephen Colbert gesucht und in mehreren Youtube-Videos zugänglich gemacht. Die beiden zeigen, dass Glaube und Humor zusammen geht, sich befruchtet und vielleicht sogar bedingt. Das wird mit den entsprechenden Views belohnt. Martin betreibt außerdem eine Facebook-Seite, die über eine halbe Millionen Menschen erreicht. Auch Twitter nutzt er sehr gut. Angesprochen auf die Kürze der Tweets und den Vorwurf, dass in solcher Kürze nichts mit Substanz zu vermitteln sei, hat er mal geantwortet: "Ich habe alle Seligpreisungen gecheckt und keine ist länger als 140 Zeichen." Jesus hätte Twitter also drauf gehabt und in 140 Zeichen sehr viel Substanz vermittelt.

Was beeindruckt Sie an der Arbeit von Pater Bernd Hagenkord?

Pater Hagenkord hat als Maxime für Radio Vatikan ausgegeben: Wir sind nicht mehr nur Radio, wir sind Kommunikation. Und das bedeutet in der Praxis, dass vom Inhalt her gedacht wird und nicht die Verbreitungstechnologie in den Vordergrund gestellt wird. Solch eine Strategie ist zukunftsfähig! Der Inhalt ist für alle Kanäle relevant und kann dann je nach Zielgruppe und Priorität für die verschiedenen Verbreitungswege in Print, Fernsehen, Radio, Podcasts, Apps, Blogs, Webseiten und Social Media konfektioniert und aufbereitet werden.

Dem deutschen Account von Papst Franziskus folgen auf Twitter über 437.000 Nutzer - er selbst folgt aber nur seinen eigenen Accounts in anderen Sprachen. Ist das der Sinn dieses Mediums?

Es ist natürlich eine sehr politische Frage, wem der Papst folgt und wem nicht. Insgesamt haben seine Accounts ja um die 30 Millionen Follower. Dass sein Apparat in dieser Frage daher sehr vorsichtig ist, verstehe ich, da evangelische wie katholische Kirche sich nicht so einfach dem Vorwurf der Parteilichkeit aussetzen wollen. Vor dem Problem stehen bei Twitter auch Staatschefs und Journalisten. Insofern halte ich diese Entscheidung des Vatikans für konsequent, auch wenn es natürlich komisch aussieht und das Potenzial des Mediums Twitter nicht voll ausschöpft. Auch meinem Vater wurde immer wieder vorgeworfen, er nutze Facebook nur als Schaufenster für kirchliche Arbeit und daher als Einbahnstraße.

Und stimmt das?

Das liegt bei ihm vor allem an der limitierten Zeit. Mein Vater würde sicher liebend gerne den ganzen Tag mit Menschen nicht nur analog, sondern auch digital kommunizieren. In seinem neuen Buch Radikal Lieben hat er der Digitalisierung daher auch ein ganzes Kapitel gewidmet. Aber wenn ein Bischof den ganzen Tag vor dem Computer hängt, bleiben eben andere wichtige Aufgaben liegen. Die einzige Alternative wäre, die Social-Media-Kanäle vom Apparat bespielen zu lassen. Das ginge aber zu Lasten der Authentizität und schöpft daher genauso wenig das Potenzial aus. Klar ist: Den heiligen Gral für die sozialen Medien hat bisher noch keiner gefunden. Papst Franziskus hat zum Beispiel vor kurzem in einem lesenswerten Aufsatz beschrieben, wie die Kirche eine integrierte Ethik der analogen und digitalen Kommunikation leben kann.

Was heißt das?

E-Mail, SMS, soziale Netze oder Chat sind Formen ganz und gar menschlicher Kommunikation. Nicht die Technologie bestimmt, ob Kommunikation authentisch ist oder nicht, sondern das Herz der Menschen und ihrer Fähigkeit, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel gut zu nutzen. Die sozialen Netze sind imstande, Beziehungen zu begünstigen und das Wohl der Gesellschaft zu fördern, aber sie können auch zu einer weiteren Polarisierung und Spaltung unter Menschen und Gruppen führen. Der digitale Bereich ist ein Platz, ein Ort der Begegnung, wo man liebkosen oder verletzen, eine fruchtbare Diskussion führen oder Rufmord begehen kann. Der Wert der Technologie hängt also direkt von der Moral ihrer Nutzung ab. Ich würde noch hinzufügen, dass auch diejenigen, die die technische Infrastruktur bereitstellen, sich ihrer Verantwortung bewusster werden müssen. Es gibt keine neutrale Technologie. Die Tech-Branche muss darüber noch viel ernsthafter nachdenken und diskutieren.

Wo sehen Sie das Potenzial für Kirchen in den sozialen Medien?

Das hat Franziskus in seinem Text wunderbar beschrieben: Christen sollten offen sein, barmherzig, realistisch, authentisch, am Evangelium orientiert. In Begegnungen in Fleisch und Blut genau wie in den sozialen Medien. Wenn wir Christen dort genauso entschlossen auftreten wie die vom Hass Erfüllten, dann werden wir zum digitalen Salz der Erde und unserem Auftrag gerecht. Dafür lohnt es sich zu arbeiten!

Interview: Gerd Henghuber

letzte Aktualisierung am 06.08.2017