Deutsche Provinz der Jesuiten

Wenn Flüchtlingshilfe das Christsein erfüllt

© SJ-Bild (3): Peter Loewy

Helfen oder Abschotten: Was ist der richtige Umgang mit Flüchtlingen? Viele Christen lassen sich herausfordern und packen an. / Von Erhard Brunn

Bernd Günther ist Jesuit und Pfarrer der Innenstadtgemeinde Sankt Ignatius in Frankfurt am Main. Zuvor hatte der Geistliche mit dem Titel "Kirchenrektor" beim ordenseigenen Flüchtlingsdienst gearbeitet, weshalb er 2015, als die nach Europa flüchtenden Menschen aus dem Orient und aus Afrika massiv zunahmen, die Pfarrgemeinde motivierte, rasch Hilfestellungen zu leisten. Eine große Zahl von Gemeindemitgliedern zeigte Interesse - und tut dies bis heute.

Alles begann, als ein Verein, der unbegleitete junge Geflüchtete betreut, nach Räumen für deren täglichen Deutschunterricht anfragte. Die Pfarrei sagte zu und bot außerdem an, einmal in der Woche für diese Jugendlichen zu kochen, da sie zu diesem Zeitpunkt nur mit Fast-FoodNahrung versorgt wurden. Das war der Startpunkt. Von nun an kochten Freiwillige einmal in der Woche für die jugendlichen Flüchtlinge. Bernd Günther zieht eine vorläufige positive Bilanz: "Wir machen weiter, solange dies sinnvoll ist. Und das wird wohl noch einige Zeit sein. Immerhin konnten wir dann einigen Dutzend Leuten den Start in Deutschland erleichtern. Und dies kann sich dauerhaft positiv auswirken. Ein gelungenes Hineinfinden hierzulande ist die beste Hilfe. Und dies ist auch der Bereich, in dem die Kirchen kompetent und stark sind. Es steht einer Pfarrgemeinde gut an, ein solches Projekt zu haben. Es ist ein großer Imagegewinn nach innen bei Kirchenmitgliedern, die der Flüchtlingshilfe an sich positiv gegenüberstehen, nach außen den Flüchtlingen gegenüber, die christliches Engagement positiv kennenlernen."

St. Ignatius ist die Jesuitenkirche im Frankfurter Westend. © SJ-Bild (2): Christian Ender

"Immer erst mal probieren"

Wie Inken Schoenauer aus Frankfurt das Gemeinde-Engagement erlebt hat, hat sie in einem Gemeindebrief, der auch neue Helfer gewinnen will, beschrieben: "Gut riecht es in der Küche von Sankt Ignatius. Schwere Töpfe mit Chili con Carne und Reis dampfen auf eiern Herd. Der Nachtisch aus verführerischer Quarkcreme mit Mandarinen und Keks wird gerade noch mit Schokostreuseln verfeinert. Einer der Jungs wird später einen kritischen Blick auf das Dessert werfen und dann nochmals Nachschlag holen. ,Immer erst mal probieren', sagt die Betreuerin und lacht. Der Junge lacht zurück und wiederholt: ,probieren'. Ein schweres Wort für jemanden, der erst seit wenigen Wochen die deutsche Sprache lernt. Die Jugendlichen kommen überwiegend aus Afghanistan, Eritrea und Somalia. So unterschiedlich sie sind, sie eint, dass sie einen langen Weg hinter sich und auch noch vor sich haben. Dabei wollen wir weiterhelfen... Jetzt suchen wir nach weiteren Möglichkeiten, die jungen Leute in ihrem Alltag zu unterstützen... Vielleicht geht nicht immer alles, vielleicht auch nicht sofort, aber ein Teil. Denken Sie an den afghanischen Jungen: ,probieren'." Kurz vor dem Weihnachtsfest wurden diese Jugendlichen allerdings von den Behörden über die hessischen Gemeinden verteilt.

Ab Februar 2016 gab es die Möglichkeit, interessierte Bewohner einer benachbarten Flüchtlingsunterkunft, des sogenannten Labsaals, einer ehemaligen Mensa, einzuladen. Hier war die Idee aber, dass die Pfarrei ihre große Küche zur Verfügung stellt, damit die Gäste selber kochen können. Dieses Projekt läuft noch immer. Im ersten Protokoll der Initiative hieß es: "Einhellig wurde festgestellt, dass das Projekt gut angenommen wird und sowohl den Flüchtlingen als auch den Helfern viel Freude bereitet. Eine Mitarbeiterin aus dem Labsaal berichtete, dass sie immer erkennen könnte, wenn die Frauen vom Kochen zurückkommen. Sie hätten dann ihre Würde wieder. Ein schönes Kompliment!"

Sekt oder Selters?

Ende September 2016 entstand Unruhe unter den Geflüchteten, da sie zur Anhörung im Asylverfahren nach Gießen gebracht werden sollten. Ihnen stand so gar nicht der Sinn nach Kochen. Kurz entschlossen, sozusagen aus dem Stegreif, organisierte die Gemeinde für die Geflüchteten eine Rechtsberatung. In der Zwischenzeit ist der Status, ist die Frage, wer wo steht, wer eine Bleibemöglichkeit für wie lange bekommen hat oder wer abgelehnt wurde, ganz oben auf der Liste der Gesprächsthemen bei den Mittwochstreffen.

In dieser veränderten Situation stellte sich diese Gemeindegruppe darauf ein, verstärkt in Richtung Integrationshilfe zu gehen. So wurden auf Anfrage der Betroffenen eigene Sprachunterstützungsgruppen gestartet. Dies ist auch deswegen sinnvoll, weil die Gruppen, die nach Sankt Ignatius kommen - es sind hauptsächlich Afghanen und Iraner -, darauf keinen rechtlichen Anspruch haben.

Die Koordinatorin der Treffen, Gabriele Holland, schrieb über das Kochen: "Zunächst war es eine eher feste Gruppe aus dem Labsaal, die zu uns kam. Dann aber waren es mal Iraner aus Rödelheim oder Menschen aus einem Hotel am Bahnhof. Das Kochen in Sankt Ignatius ist bei den geflüchteten Menschen zu einer Institution geworden. Von den Problemen im Hintergrund, der schwierigen Betreuung der Kinder, den knappen Helferressourcen und nicht zuletzt den schwindenden finanziellen Mitteln, wissen sie natürlich nichts. Nun kam neulich der Wunsch bei den Menschen auf, einmal von uns bekocht zu werden. Schnell fand sich eine Gruppe, die gerne bereit war, diesem Wunsch nachzukommen. Wir planten in diesem Fall mit sechzig Essen. Typisch frankfurterisch, entschieden wir uns für Grüne Soße, eine kalte Kräutersoße, die mit Kartoffeln zu Fleisch oder Eiern gereicht wird. Sofort ergab sich die Frage: Sekt oder Selters? Wie viel können wir für ein solches Essen veranschlagen? Gibt es nur Grüne Soße und Eier oder auch Rindfleisch? Wir haben uns für Sekt, also Rindfleisch, entschieden in der Hoffnung, dass sich die finanziellen Mittel dafür finden lassen." Ein entsprechender Aufruf brachte eine stattliche Summe ein.

Die Helfer und die Flüchtlinge reden beim Essen oder Kochen oft über den Stand der Asylverfahren verschiedener Bekannter. Amtliche Dokumente werden herumgegeben und diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht. Warum wurde dies bei der Anhörung gefragt, warum das? Eine mir gegenübersitzende Frau hat gerade eine dreijährige Bleibeerlaubnis erhalten. Letztes Mal, als ich sie traf, war sie noch fast in Tränen aufgelöst: Sie hatte einen Unfall auf dem Fahrrad gehabt und neben den Schmerzen noch einen Zettel mit einer Riesenrechnung in der Hand. Heute sagt sie, sie sei in guter Behandlung. Und die Rechnung ist wohl auch vom Tisch. Ich wende mich leicht nach rechts und sehe ein sehr hübsches kleines Mädchen mit schokoladenverschmiertem Mund vor mir, die, verschmitzt lächelnd guckt, aber nicht spricht. Meine Nachbarin spricht erst vertraut mit dem Mädchen, dann mit ihrer Mutter daneben. Ich frage, wie es kommt, dass sie so vertraut miteinander sind. Sie sagt, das erkläre sich einfach: Sie habe die Familie seit Januar 2016 in ihrem Haus - als Mieter.

Christian Troll, Jesuit und Islamwissenschaftler, steht derweil in der Küchentür und übt Deutsch mit einem vielleicht neunjährigen Kind namens Mustafa. Mit dem Schwung eines frisch an die Schule gekommenen Junglehrers, mit der Linken mit einem großen Schreibblock, mit der Rechten mit einem Stift wedelnd, spricht Troll derweil ständig wechselnd zwischen Deutsch und Arabisch auf Mustafa ein und fordert ihn auf, nachzusprechen und die neuen deutschen Wörter in ein Notizbuch einzutragen. Dem vor ihm stehenden Kind ist dies sichtlich unangenehm, so "festgenagelt" zu sein, doch es kann sich den durchaus berechtigten Worten dieses "weisen Mannes" schlecht entziehen. Es ist vermutlich auch eine absolut faszinierende "Performance" für den Jungen.

Große Herzlichkeit

Natürlich spricht der "Junglehrer" mit Afghanen oder Iranern ein wenig Dari, Farsi oder mit Pakistanis Urdu. Seit Monaten erlebe ich einen liebevollen Umgang, eine große Herzlichkeit. Manche Deutsche zeigen ein Sich-verantwortlich-Fühlen auch für die Kinder der Geflüchteten. Als wären es die eigenen Enkel.

Später treffen sich viele in der Küche zum Spülen wieder. In die Reihe hat sich auch Mustafa eingefunden. Er wäscht anscheinend gerne ab, vor allem, wenn er den Rhythmus vorgeben und reichlich Spülmittel verspritzen kann.

Unser Hilfsbeitrag ist hier sicher nicht groß. Aber er ist ernst gemeint. Wie viel schöner ist es, hier die kleinen spielenden Mädchen um sich zu haben, als sich vorzustellen, sie lägen irgendwo tot am Strand oder mit Blut und Asche verschmiert nach einem Bombenhagel in Aleppo.

Ein Wermutstropfen dieser Tage: Mit Ablehnungen einiger Asylanträge ist zu rechnen, mit Problemen, Wohnung und Arbeit für Geflüchtete zu finden, sowieso. Und wir fragen uns, wie es sein kann, dass so viele kleine Kinder ganz allein den Weg vom Labsaal hierher gehen und dass auch die Eltern sich nicht gerade wie Erziehungsberechtigte aufführen. Oder fühlen sie sich nicht mehr berechtigt, nicht mal zum Erziehen ihrer Kinder? Aus den Hallen, den großen Schlafsälen im Labsaal, hören wir auch, dass die Eltern die Kinder um sich herum gewähren lassen und sich zu wenig um sie kümmern würden. Werden Menschen so, wenn sie in so vielen Teilen ihres Lebens nicht mehr selbst handeln, sondern auf Entscheidungen von oben warten?

Frauen nicht ernstgenommen

Es brauchte einen monatelangen Lernprozess, bis die Gemeindemitglieder als Helfende die Komplexitäten der Flüchtlingslage verstanden hatten, beispielsweise die Unterscheidung der einzelnen Nationalitäten. Sie mussten auch unterscheiden lernen, was landsmannschaftlich geprägte Mentalität ist und was zu den je persönlichen Zügen des Einzelnen zählt. Denn es gibt kulturelle Unterschiede, etwa bei der Rolle der Geschlechter. "In der Gemeinde erleben die Flüchtlinge starke Frauen und Männer, die nicht ,auf stark machen' müssen. Das gibt ihnen auch zu denken. Recht so", sagt der Jesuit Günther.

Andererseits gab es schon mal Situationen, in denen sich Frauen aus der Pfarrgemeinde auch nach Monaten noch nicht von männlichen Gästen ernstgenommen fühlten. Hier stoßen im Integrationsprozess manchmal die Kulturen aufeinander. Bernd Günther: "Wir haben bei den Flüchtlingen nicht den rechten Einblick in ihre Verhältnisse. Da gibt es auch starke Frauen, die sich anders, nämlich auf ihre Weise, einbringen. Da musste so manches voneinander erst erlernt und geklärt werden. Es gab ja wenig Vorerfahrung. Es war ein großer Lernprozess."

Erleichternd war für das Miteinander, dass es sich bei den Geflüchteten aus dem Labsaal anfangs vor allem um Familien handelte, weniger um einzelne junge Männer. Die Familienebene brachte einen Zugang zueinander. Da fragte man natürlich eher nach den Kindern, ein guter Anknüpfungspunkt.

Improvisierte Hilfe

Auf die sehr emotionale Frühphase des großen Engagements in der Pfarrei sei eine Phase der routinierten Hilfe gefolgt. Konflikte mussten geschlichtet werden. Ein Klassiker: Beim Austeilen des Essens wollen die Kochgruppen oftmals vor allem ihrer eigenen Gruppe das beste Essen geben. Die Helfer wurden sensibler für Spannungen zwischen Flüchtlingsgruppen oder unterschiedliche Geschwindigkeiten beim Sprache-Lernen. Die Zurückhaltung und die Unsicherheit unter den Geflüchteten haben sich inzwischen gewandelt. Mittlerweile gehen die Kinder in die Schule, und für die meisten Erwachsenen gibt es Deutschkurse. Und jetzt: Auch aus diesem Kreis haben jüngst einzelne Familien eine Wohnung in Frankfurt gefunden und sind ausgezogen. Manchmal kommt noch einer von ihnen zu den Mittwochstreffen, aber es wird immer seltener. Ein Stück Normalität.

P. Bernd Günther SJ: "Freiraum und herzliches Willkommen in St. Ignatius."

Pater Günther ist froh, dass das Projekt von Anfang an klein angelegt war. "Es war gut, nicht ein solch ausgearbeitetes systematisches Angebot zu machen. Das bieten viele andere besser an. Das hätte uns sicher schnell überfordert. Wir haben gegeben, was wir leisten konnten: einen Freiraum und ein herzliches Willkommen." Bernd Günther beobachtet ebenfalls, dass am Beginn der Flüchtlingshilfe viele Behörden überfordert waren. "Da gab es manches Hin und Her und eher chaotische Momente. Mit wenig geschultem Personal, ohne Vorbereitung." Dennoch habe Frankfurt letztlich die Unterbringungsfragen doch relativ gut gemeistert."

Gabriele Holland, die Lehrerin für Deutsch und katholische Religion war, erläutert ihre Motivation, die Einsätze zu koordinieren, so: "Mein Engagement kommt aus meinem Unterricht in Gesellschaftslehre, Politik und Geschichte und natürlich Religion. Ich hatte viele ausländische Schülerinnen und Schüler, denen ich deutsche Geschichte und das Grundgesetz der Bundesrepublik beibringen musste." Dies und ihre christliche Orientierung brachten sie zum Einsatz für die Flüchtlinge.

Dynamisierung der Gemeinde

Auch im privaten Bereich hat Gabriele Holland Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund. Sie ist mit einer afrikanischen Familie aus Äthiopien befreundet, die drei Kinder hat. Die Frau, eine ausgebildete Tierärztin, putzt bei ihr, und sie hilft den

Kindern in der Schule. Mit dem Ältesten ist sie sechs Jahre lang jeden Tag gemeinsam zur Schule gefahren und hat dabei viel mit ihm geredet und so dazu beigetragen, dass er heute besser Deutsch spricht als seine Brüder. Alle drei unterstützt sie bis heute in ihrer schulischen Entwicklung. Zusätzlich gibt es einen Stamm von Interessierten, den Gabriele Holland regelmäßig mit Informationen versorgt und auf den sie zurückgreifen kann, wenn Hilfe materieller oder finanzieller Art nötig ist.

Verändert diese ehrenamtliche Aufgabe der Gläubigen nicht auch die Kirche selber? Gabriele Holland ist skeptisch. Soziales Engagement in der katholischen Kirche war schon immer hauptsächlich eine Aufgabe für Laien, besonders für Frauen. Das sei nichts Neues. In der Pfarrgemeinde Sankt Ignatius schätzt sie aber den partnerschaftlichen Umgang zwischen hauptamtlichen Priestern und ehrenamtlichen Laien. Claudia Eberling ist die Hauptansprechpartnerin beim Mittwochskochen. "Ich sehe es als meine christliche Pflicht an, dass ich anderen Menschen, die Hilfe brauchen, beistehe. Und das tue ich mit Freude!" Sie kommt aus einer Familie, in der sie als Kind über die Jahre immer an den Gemeindeaktivitäten teilgenommen hat. Sie sei hier aufgewachsen und gefirmt worden und habe hier auch ihren Mann kennengelernt. Wenn sie nach den Treffen mit übervollem Herzen nach Hause kommt, so Ebeling, sorgt ihr Mann schon dafür, dass er nicht zu viel mit Flüchtlingsgeschichten überschüttet wird.

Im Leben der Ignatius-Gemeinde lässt sich eine Dynamisierung bemerken: Der "harte Kern" der Frauen und Männer ist bereits längere Zeit ehrenamtlich in anderen Aufgaben der Gemeinde aktiv gewesen. Es wurden jedoch auch Menschen aktiviert, die zwar zu Sankt Ignatius gehören, sich dort bisher aber außerhalb des Gottesdienstes nicht engagierten. Gläubige aus anderen Pfarreien kamen hinzu, weil sie Gutes über das Flüchtlingsprojekt in dieser Gemeinde gehört hatten. Und vereinzelt kamen Menschen, die nicht kirchennah waren. Alle wirken mit an der wohl nächsten Stufe des Flüchtlingsprojekts: der Integration.

Lesetipp:

Erhard Brunn: Über alle Grenzen hinweg. Flucht und Hilfe - Berichte und Meinungen aus dem In- und Ausland, 2017, 244 Seiten, 14,8 cm x 21 cm; Preis: 14,95 Euro; Edition DV 61

Bestellmöglichkeit: http://www.dehm-verlag.de/shop/ll-ueber-alle-grenzen-hinweg.asp

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART (Nr. 35/2017, Freiburg i. Br., www.christ-in-der-gegenwart.de).

letzte Aktualisierung am 30.08.2017