Deutsche Provinz der Jesuiten

Die Jesuiten und die Reformation

Beide ringten um kirchliche Reformen: Martin Luther und Ignatius von Loyola.

Das Reformationsjahr 2017 wirft viele Fragen auf, auch die nach dem Verhältnis des Jesuitenordens zur Reformation. So wie Luther, Melanchthon, Calvin, Zwingli und viele andere die Reformation geprägt haben, so wurden die Jesuiten Protagonisten der katholischen Reform. Sie alle gehören zu den Reformbewegungen mit Ursprung im 16. Jahrhundert; die Ziele Luthers und der Jesuiten weisen zudem große Überschneidungen auf.

Von Spanien und Portugal aus werden von 1492 an neue Kontinente entdeckt, die Erde offenbart ihre Kugelgestalt. Die überseeischen Kulturen sind so fremd, daß es unmöglich erscheint, ihre Menschen als gleichwertig zu akzeptieren. Mit Buchdruck und Wiederentdeckung der Antike öffnen sich zudem andere, geistige Welten, zeitlich zurückreichend bis zu den Ursprüngen der Zivilisation. So zerbricht die mittelalterliche Gesellschaftsordnung in der Zeit zwischen 1450 und 1550.

In Italien bringt die Renaissance einen kulturellen Umbau der Kirche mit sich, wobei Wissenschaft und Künste eine zentrale Rolle spielen. Petersdom und Papstpalast, von Raffael, Tizian und Michelangelo erbaut und gestaltet, zeugen bis heute davon. Nördlich der Alpen bedeutet das kirchliche "ad fontes" vor allem ein Zurück zur Heiligen Schrift. Der christliche Humanismus eines Erasmus von Rotterdam steht neben der Kirchenreform Luthers, die ganz Mitteleuropa erfasst. In Genf schafft Calvin das theologische Fundament für eine neue Kirche. Auch England strebt nach Unabhängigkeit in kirchlichen Angelegenheiten. Die Täuferbewegung auf dem Kontinent wiederum zieht mehr religiöse, der Bauernaufstand mehr die politischen Konsequenzen aus der Lektüre der Bibel. Aus Flandern kommend, verbreitet sich die Frömmigkeitsbewegung der Devotio moderna unter Laien. In Spanien gewinnen charismatisch-mystisch Erleuchtete gesellschaftlich an Bedeutung.

Es bildet sich eine Mystik heraus, die in Personen wie Teresa von Avila oder Johannes vom Kreuz herausragende Vertreter findet. Ignatius von Loyola gründet den Jesuitenorden. Angesichts all dieser Aufbrüche, Reformen und Wirren versucht der Papst mit dem Konzil von Trient, die diversen Bewegungen in verbindliche Bahnen zu lenken.

Reformen im Plural

Diese Schlaglichter rufen sehr unterschiedliche kirchliche, soziale und politische Reformbewegungen der Zeit vor und nach 1500 in Erinnerung. Wenn wir der Reformation als eines vor 500 Jahren stattgehabten Geschehens gedenken, sollte die spätere Konstellation der Großkirchen nicht zurückprojiziert werden. Vielmehr gilt es, das vielfältige Ringen um Reformen in der Kirche zu ver-stehen. Die einen waren kurzlebig, die anderen wurden gewaltsam vernichtet, die einen konnten sich politisch durchsetzen, die anderen entfalteten kirchlich-spirituell ihre Wirkung. Das Ringen war höchst konfliktreich, denn es wurde als existenziell erlebt.

Ähnlich wie Martin Luther (1483-1546) hat sich Ignatius von Loyola (1491-1556) für eine existenzielle Bekehrung des einzelnen Menschen eingesetzt. Beide errangen für sich und andere eine innere Freiheit, die sich allein von Christus und Gott gebunden weiß und sich in den Dienst des Evangeliums stellt. Als 1540 der Jesuitenorden gegründet wurde, geschah dies nicht zur Bekämpfung der Reformation. Der Blick des Spaniers richtete sich zuerst auf die neu entdeckten Kulturen, denen das Evangelium zu bringen war, nach Südamerika, Indien sowie ins ferne Japan und nach China. Kirchenpolitisch aber wollten die ersten Jesuiten keinesfalls zur Kirchenspaltung beitragen. Kirchenreform von innen, nicht von außen, war ihre Devise. So meinte Peter Faber, einer der ersten Gefährten des Ignatius, die Protestanten sähen die kirchlichen Missstände durchaus richtig, nur wendeten sie die falschen Mittel zur Heilung an. Ebenso radikal wie die Etablierung eigenständiger Kirchen sollte die Reform des Jesuitenordens innerhalb der römisch-katholischen Kirche wirken. Wie die Apostel und deren Nachfolger, die Bischöfe, sollten die Jesuiten Gesandte Christi sein. Und wie die Bischöfe unterstellten sie sich dazu keiner kirchlichen Autorität außer der des Papstes. Wie auch immer sich Päpste (moralisch) verhalten - als Stellvertreter Christi und Nachfolger des Apostels Petrus sind sie anzuerkennen. So entstand das Papstgelübde der Jesuiten und mit dem Orden analog zur bischöflichen eine Parallelstruktur, die in der Geschichte so bedeutend werden sollte, dass der Jesuitengeneral im Volksmund sogar "schwarzer Papst" genannt wurde. Die Reform der Jesuiten war wie jene der Reformatoren von der Heiligen Schrift getragen, knüpfte an die Tradition der Apostel an und gründete in einer Christusnachfolge und einer trinitarischen Spiritualität.

Die gegenseitige Bekämpfung von Jesuiten und Protestanten der letzten Jahrhunderte soll weder verschwiegen werden, noch sind ihre unterschiedlichen Positionen zu Kirche und Amt zu leugnen. So wie Luther, Melanchthon, Calvin, Zwingli und viele andere die Reformation geprägt haben, so wurden die Jesuiten Protagonisten der katholischen Reform. Sie alle gehören zu den Reformbewegungen mit Ursprung im 16. Jahrhundert. Beiden, Luther und Ignatius, ging es um die christliche Freiheit des Menschen, der gemeinschaftsfähig ist, genährt aus den tiefsten Glaubensquellen, nicht aus dem Zeitgeist. Mehr denn je ist auch heute ein Ringen um kirchliche Reformen sowie um die Relevanz des Glaubens für Gesellschaft und Kultur notwendig. Europa befindet sich wieder in einem kulturellen Umbruch. Reformversuche gibt es viele. Die reformatorischen Kirchen haben ebenso wie die Jesuiten und die römisch-katholische Kirche gelernt, sie in ökumenischer Sensibilität anzugehen.

Christian Rutishauser SJ

Pater Christian Rutishauser SJ (*1965) ist Provinzial der Schweizer Jesuiten. Er studierte Theologie und promovierte in Judaistik. 1998 wurde Christian Rutishauser zum Priester geweiht. Von 2001 bis 2012 war er Bildungsleiter im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn mit Schwerpunkten in christlicher Spiritualität, jüdisch-christlichem Gespräch und interreligiösem Dialog. Er ist Mitglied der vatikanischen Kommission für die Beziehungen zum Judentum.

letzte Aktualisierung am 29.01.2017