Deutsche Provinz der Jesuiten

Zuerst geht es um den Menschen

Offene Ohren und Empathie sind wichtige Voraussetzungen für die seelsorgliche Begleitung im Krankenhaus.

Seelsorge im Krankenhaus heute - von Pater Wolf Schmidt SJ

"Was? Von der Seelsorge sind Sie? Geht es mir denn wirklich so schlecht?" - Zugegeben, damit beginnen wir mit einem alten Witz. Was aber unterscheidet die Seelsorge heute von der vergangener Jahrzehnte? Was ist denn der Unterschied? Zuerst geht es um den Menschen. Das ging es doch immer schon? Nein, vielleicht ging es vorher mehr um die Institution Kirche, um regelmäßigen Sakramentsempfang...

So bunt wie das Logo für unsere Seelsorge im St. Theresien-Krankenhaus Nürnberg sind heute auch die Menschen: Kirchlich Gebundene und Freigeister, Gott Gläubige und Zweifler, in allen möglichen Beziehungen Lebende, Einwanderer und Eingesessene, Evangelische, Katholische, Orthodoxe und Andere: auf ihren Wunsch hin haben alle ein Recht auf seelsorgliche Begleitung, besonders in einer Krisensituation. Und Kranksein ist oft auch eine Krise.

Begleitung und das Entdecken von eigenen Ressourcen

Meine Erfahrung ist, dass alle Menschen das Potential in sich haben, zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Vergleichen wir das mit dem, was Paulus den Korinthern in seinem ersten Brief schreibt: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe" (1 Kor 13, 13). Glauben, Hoffen und Lieben hängen nicht mit unserem Wohlstand oder der materiellen Armut zusammen. Sehr arme Menschen können sich freuen und glücklich sein und der Zukunft vertrauen. Die Reichen sind oft vom Leben angewidert oder überdrüssig und gelangweilt. Was kann meinem Leben Sinn und Erfüllung geben? Gute Seelsorge heißt: mit dem Gesprächspartner diese Seelenkräfte ansprechen und nach seinen Ressourcen im Leben suchen. Ich selber nenne das oft: die "Paradiese" im Leben des Anderen suchen. Dort sind seine Kraftquellen. Das kann die Freude an den Enkelkindern sein; oder der eigene Garten; oder Reisen, die gemacht wurden; das Haustier, das treu zu mir hält. Der Möglichkeiten sind viele. Die Seelsorgerin fragt sich während des Gespräches: Wie kann ich den Menschen mit seinen eigenen Ressourcen und Kraftquellen verbinden, damit er selbst wieder neu sehen und handeln kann?

Seelsorge ist eine Kunst, die man erlernen kann

Geduldiger Zuhörer, dem man etwas anvertrauen kann.

In diesem Jahr 2017 bereiten sich sieben Frauen und zwei Männer in Nürnberg darauf vor, ehrenamtliche Seelsorger zu werden. An 16 Abenden und zwei Wochenenden werden sie dafür ausgebildet; zusätzlich sind sie wöchentlich drei Stunden im Krankenhaus "im Praktikum"; d.h. sie besuchen und sprechen mit den Patientinnen und Patienten. Gemeinsam mit dem Leiter der Evangelischen Seelsorge im Klinikum Süd, Pfarrer Richard Schuster, leite ich diesen Ausbildungskurs.

Von den Teilnehmern angefertigte Gesprächsprotokolle sind die beste Arbeitsweise, um miteinander Seelsorgegespräche anzuschauen und um zu lernen. Hat die Seelsorgerin während des Gespräches etwas überhört? Oder etwas bewusst oder unbewusst ausgeblendet? Wie war sie präsent? Fand adäquate seelsorgliche Begleitung statt? Gibt es andere Möglichkeiten im Gespräch, das stattgefunden hat?
Gefragt ist im seelsorglichen Gespräch nicht das "für den Anderen entscheiden" oder ihm Ratschläge zu geben. Doch kann die Seelsorgerin verschiedene andere Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und so den Horizont des Anderen erweitern und offenhalten. Und schon das "ins Wort Bringen" ist immer der erste Schritt, um eine Situation zu ordnen und selbst bearbeiten zu können, um dann nach einer Lösung zu suchen. Dabei bleibt der Seelsorgende dem Patienten zugewandt und freundlich und das Gespräch ist immer vertraulich. Es ist erstaunlich, wie viel Vertrauen den Seelsorgern immer entgegengebracht wird.
In der Seelsorgeausbildung geht es ganz viel um das Hinhören, Mitgehen und Mitfühlen. Oftmals ringen Menschen um ihre Fassung beim Erzählen von schmerzhaften Erlebnissen. Oder sie fangen an zu weinen. Sie "dürfen" das. Hier zeigt es sich, dass das vertrauliche seelsorgliche Gespräch ruhig so in die Tiefe gehen kann, dass der Mensch berührt wird. Das ist in Ordnung und muss nicht peinlich sein.

Der Experte ist der Patient selber 

Das seelsorgliche Gespräch wird bestimmt von den Themen, die der Patient ansprechen möchte. Der Seelsorger bringt keine neuen Themen ein, auch nicht "Gott und Kirche und christliche Lebenspraxis". Das mag Ungeübten seltsam erscheinen. Ist es aber nicht. Erinnern wir uns? Jeder Mensch glaubt, hofft und liebt. Wie und wo sich das im Leben des Anderen ausdrückt, ist seine Sache. Natürlich ist der Seelsorger ein Gesandter der Kirche(n). Aber das macht ihn nicht zum Mitgliederfänger, Steuereintreiber oder Missionierenden um jeden Preis. Glaubwürdig soll der Seelsorger sein, das schon. Und: ein wahrer Mensch. Jemand, mit dem man reden kann und auch gemeinsam schweigen kann, wenn die Worte ausgehen. Jemand, der da ist und Zeit hat und ein Interesse an dem, wie es mir geht.
Oft sind die Menschen angenehm überrascht von der heutigen Art der Seelsorge. "Kirche" wird anders und besser als vorher erlebt. Niemand will mich einwerben oder niemand will, dass ich spende. Seelsorge ist freundliche Begleitung durch ein achtsames Gespräch. Das ist wohltuend.

Das wichtigste Instrument - der Seelsorger selber

Schwester Edith Thill und Pater Wolf Schmidt SJ vom Seelsorgsteam.

Darum vermittelt der Ausbildungskurs Ehrenamtliche Seelsorge auch die Möglichkeiten, die die Seelsorgenden kennen sollten, um gut für sich selbst zu sorgen. Themen wie "Nähe und Distanz", "Übertragung und Gegenübertragung", "Burnout", "Wie begrüße ich den Kranken und wie verabschiede ich mich wieder von ihm?", werden miteinander erkundet und besprochen.

"Wie gläubig muss ich sein, damit ich Seelsorge machen kann?" Die Teilnehmenden stellen fest, dass  jeder auf seinem individuellen Glaubensweg ist. Glaube, aber auch Fragen, ja selbst Zweifel kommen zur Sprache. Nicht nur die der Patienten, auch die Seelsorgenden sind immer unterwegs im Glauben. Wir sind miteinander unterwegs, als Schwestern und Brüder. Das seelsorgliche Gespräch findet "auf Augenhöhe" statt; alles Belehrende, Besserwissende oder Proselytisierende bleibt besser außen vor.

Unsere Auszubildenden erfahren, dass Seelsorge anstrengend ist und dass auch Pausen sein müssen zwischen längeren Gesprächen. So ist nach 3 Wochenstunden mit Gesprächen oft ein "Sättigungspunkt" erreicht. Die Seelsorgerin und der Seelsorger wissen dann, wie man sich wieder erholt: durch Musik, Sport oder das Wertschätzen der Natur oder ein Gespräch mit Freunden. Dann ruht sich "das wichtigste Instrument der Seelsorge", der Seelsorger, aus und erholt sich von dem anstrengenden Dienst. Begleitung und Supervision, auch in und von der Gruppe, helfen immer wieder, Mensch zu bleiben. Seelsorge bleibt ein notwendiger Dienst an den Menschen. Besonders, wenn diese in einer Krisensituation sind. Und Kranksein ist eine solche.

Wer einfach Stille sucht, findet sie in der Krankenhauskapelle.

Die Zukunft der Kirche: alle sind mitverantwortlich

Schon das 2. Vatikanische Konzil schien dieser Zukunft den Weg zu bahnen. Der heutige Mangel an Priester- und Ordensberufen kann auch als Chance gesehen werden, dass alle Christen mündig werden in der Kirche und das Ihre tun. Auch die Seelsorge.
Ich bin sehr froh, dass im St. Theresien-Krankenhaus durch den Einsatz von ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern jeden Monat fast 100 Stunden zusätzlich Seelsorgegespräche stattfinden. Damit ist unsere Seelsorge "gut aufgestellt" und leistet einen wirksamen Beitrag zur Gesundung und zum Heilwerden der Menschen im Krankenhaus.

Pater Wolf Z. Schmidt SJ ist 1956 in Altena/Westfalen geboren und 1979 in den Jesuitenorden eingetreten. Er war mehr als 15 Jahre lang in Simbabwe als Religionslehrer und Schulkaplan tätig. Seit 2005 ist er war Krankenhausseelsorger, zunächst in Frankfurt/M. und heute im St. Theresien-Krankenhaus, Nürnberg.

letzte Aktualisierung am 28.04.2017