Deutsche Provinz der Jesuiten

Menschwerdung im Transitbereich

Liebe Freund_innen. Liebe Begleiter.
Es gibt eine Geschichte aus Prizren, die wir Euch erzählen möchten.

Fabiola

Sie war unter den ersten Schülern, die mit nach Tranzit kamen. Dass dort einmal alle lesen und schreiben können ist ihr Herzenswunsch. Sie kennt die Zeit des Anfangs, als wir uns draußen auf einem Teppich versammelten. Seither ist viel passiert. Sie war es, die unseren Raum für unsere Kinder eröffnete. Das Photo hält das Staunen fest. Wie gebannt alle auf den Schlüssel schauen! Selbst hinter der Säule lukt noch jemand hervor.

Mitten in Tranzit, dem Zigeunerviertel, hat sie einen Raum aufgeschlossen. Für uns ist es ein Raum, in dem Verwandlung geschieht. Ein Transitbereich. Ein Ort des Übergangs. Ein Raum der Menschwerdung.

Fabiola tut sich schwer, die Verwandlungen zuzulassen. Fast hätte sie das Schulungswochenende zum Kippen gebracht. Loyola-Schüler und Tranzit-Jugendliche waren versammelt. Sie könne vor ihren Schülern nicht frei über sie sprechen, sagte Fabiola. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich die Jugendlichen aus Tranzit von Schülern zu Mitarbeitern gewandelt hatten. Sie konnte den Transit nicht zulassen: Augenhöhe statt Machtgefälle; mit ihnen statt für sie. Wie schwer fällt es so manchem Loyola-Schüler, diesen Perspektivwechsel mitzugehen. Der knallende Konflikt auf der Schulung hat erste Bewegung gebracht. Die Übergänge geschehen langsamen Schrittes.

Was konnte oder wollte Fabiola nicht sehen? Welche Verwandlung ist den Jugendlichen aus Tranzit geschehen?

Emran

"Komm schnell, komm schnell!" Aufgebrachte Kinder zerren uns durch die Menschentraube, die sich vor unserem Raum gesammelt hat. Die großen Fensterscheiben sind zerbrochen, Benzingeruch in der Luft, Bluttropfen auf dem Boden. Ein kleiner Traktor war geradewegs gegen unseren Raum geprallt. Der Fahrer war hineingeschleudert worden, durch die Fensterscheibe hindurch. Übel verletzt wird er von den Jungs aus Tranzit versorgt. Plötzlich sind sie da, die immer störenden "Halbstarken", wie wir sie nannten. Ausgerüstet mit ihren Schubkarren, in denen sie sonst Metallreste sammeln, führen sie das Aufräumkommando an. Seit Wochen störten sie, machten sich über uns lustig, stachelten die Kinder gegen uns auf. Auf einmal übernehmen sie Verantwortung.

Der Traktorunfall war ein Wendepunkt. Die Halbstarken sind zu tragenden Säulen geworden. Verwandlung ist geschehen. Sie haben einen Transit geschafft. Emran sticht heraus. Er ist den ganzen Tag für uns da.

Morgens schließt er den Raum auf und feuert den Holzofen an. Dann kommt Mikail, unser erster Musiklehrer. Ein junger Roma aus einem anderen Viertel, noch keine 18 Jahre alt. Er ist von der Schule geflogen, aber er kann wunderbar singen und tanzen, Klavier und Klarinette spielen. Emran hilft ihm am Vormittag beim Kinderchor. Zusammen mit einigen der Älteren und dem Keyboard unter dem Arm ziehen sie danach in das Haus von Emrans Familie, um Klavier zu lernen. Damit die anderen in unserem Raum weiter singen können. Die Gitarrenklasse trifft sich auf dem Bürgersteig. Eigentlich ist es schon zu kalt. Wird uns bald eine andere Familie zu sich einladen?

Dann ist es Zeit, alle Kinder für unsere Schule zusammenzutrommeln. Emran geht von Haus zu Haus. Jeden Nachmittag kommt eine Gruppe von Loyola-Schülern und schenkt den Kindern Unterricht. Die Kinder lernen, was die fehlende Schule ihnen vorenthält. Die Loyola-Schüler lernen Verantwortung. Bei der Reflexion danach ist auch Emran dabei.

Am Abend lernt er gemeinsam mit der älteren Jugend aus Tranzit deutsch. Der Deutschunterricht ist mehr Sozialexperiment als Sprachkurs. Nirgends sonst ist die Gruppendynamik so explosiv.

Bei den Fußballspielen Loyola vs. Tranzit muss er sich jedesmal für seine Wutanfälle entschuldigen. Und bei unseren Sonntagswanderungen war er erstmals in den Bergen. Nur beim Mädchenabend und den Müttertreffen darf er nicht dabeisein...

Emran kam es zu, das große Eröffnungsfest in der Schulaula zu moderieren. Er begann mit seiner eigenen Geschichte. "Mein Leben hat sich verändert."

Menschwerdung

Eine Schule im Transitbereich. Kleine Geschichten der Menschwerdung geschehen.
Fabiola und Emran sind auf dem Weg und viele Menschen aus Loyola und Tranzit mit ihnen. Vom Schüler zum Lehrer. Vom Störenfried zur Verantwortungssäule. Die umzäunte Eliteschule lässt zu, dass ihre Grenzen überschritten werden. Aussichtslose Langeweile verwandelt sich in Gebrauchtwerden. Macht wagt den Übergang in Freundschaft.

Wir stehen am Anfang der Verwandlungen. Mit den Schülern und den "Ganzstarken" steht Anfang des Jahres eine mehrtägige Schulung an. Ein Teil der Tranzit-Kinder wird zum Nachmittagsunterricht in das Loyola-Gymnasium umziehen. Vor allem der Musikbereich ist in Bewegung. Das Feuer brennt lichterloh, seit uns die "Şatra Elijah" besucht hat. Der Chor wächst, die Kinder lernen Blockflöte und Notenlesen. Jetzt suchen wir Musikinstrumente. Jedes Kind soll eines erlernen dürfen. Schon brauchen wir neue Räume und weitere Musiklehrer. Menschwerdung im Transitbereich soll weitergehen.

Wir wünschen Euch ein transitreiches Fest der Menschwerdung!

Euer Moritz Kuhlmann SJ und Tomislav Vujeva SJ
Kontakt: moritz.kuhlmann(at)jesuiten.org

Der gesamte Bericht zum DOWNLOAD >>

Loyola Tranzit - Një shkollë miqësore/eine Schule der Freundschaft - ist eine Initiative der Asociation
"Loyola-Gymnasium" in Prizren/Kosovo.

Spendenkonto Jesuitenmission
IBAN: DE61750903000005115582
SWIFT-BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Kosovo Jugendsozialprojekt Loyola

letzte Aktualisierung am 10.11.2017