Deutsche Provinz der Jesuiten

Wir brauchen eine Theologie, die auf einen Bierdeckel passt

Pater Manfred Hösl SJ im Gespräch mit Gottesdienstbesuchern. © SJ-Bild: Christian Ender (3).

Göttingens Pfarrer über Citykirche, Basisdemokratie und eine Pastoral für Suchende

Nach bald neun Jahren verabschiedet sich Pater Manfred Hösl SJ als Pfarrer von Sankt Michael und Cityseelsorger in Göttingen, um sich auf seine neue Aufgabe in Berlin vorzubereiten.

Was nehmen Sie aus Göttingen mit nach Berlin?

Göttingen ist - allein durch die vielen Studierenden - eine junge quirlige Stadt. Es gibt kritische Geister und konservative Volkskatholiken aus dem benachbarten Eichsfeld. Als kleinere Konfession gibt es einen starken Zusammenhalt, aber es wird einem auch nichts geschenkt: die Medien und die Öffentlichkeit stellen kritische Fragen. Die Zeiten der Unangreifbarkeit sind vorbei. Nicht immer bleibt es nur beim dummen Spruch. Als bekennender Christ muss man Flagge zeigen: Im Klassenzimmer, an der Uni, im Büro und auch im Altersheim.
Bei allem was das Glauben schwieriger macht als früher, so genieße ich doch, dass es endlich zur Sache geht! Viele Trittbrettfahrer, die nur in der Kirche sind, weil man in der Kirche ist, sind weg, frei nach dem Motto: Tritt ganz ein oder lass es ganz sein!

P. Manfred Hösl SJ kurz vor Ende der Renovierungsarbeiten in St. Michael.

Wie erklären Sie die Begriffe "Evangelisation" oder "Neu-Evangelisierung" jemandem, der davon noch nie etwas gehört hat?

(Neu-)Evangelisation bedeutet den Menschen (wieder)die gute Nachricht von Jesus Christus in der Sprache von heute und den Mitteln von heute zu berichten. Besonders wir Katholiken haben tolle Glaubens-Accessoires: Liturgien, Segnungen, Symbole, Traditionen, usw. Aber all diese Dinge funktionieren nur, wenn die Mitte gesehen, bekannt und gefeiert wird - und das ist eben nicht der herzergreifende Martinsumzug oder das Krippenspiel, nicht Kräuterweihe oder Blasiussegen, sondern Jesus Christus! Von dieser Mitte aus ist alles möglich, ohne diese Mitte geht gar nichts.
Im Unterschied zu früher müssen wir Christen heute schneller zum Punkt kommen. Die Leute wissen immer weniger und sind auch nicht mehr bereit, langatmigen Vorträgen zuzuhören. Wir brauchen eine Theologie, die auf einen Bierdeckel draufpasst - in Anspielung auf ein einfaches Steuerkonzept, für das ein Politiker einst warb. Natürlich ist das dann nicht die ganze geballte Theologie, aber damit kann es losgehen. Die ausführenden Katechesen kommen dann später.

Blick in die renovierte St. Michaels-Kirche. © SJ-Bild: Stefanie Florenz (2).

St. Michael ist die "Citykirche" mitten in Göttingen und wirbt damit, "Citypastoral" anzubieten. Was meint das?

Die Citypastoral ist das "Außenministerium" von Sankt Michael! Sie möchte die Menschen erreichen, die durch die üblichen (Pfarr-) Wege nicht mehr erreicht werden. Gute Erfahrungen machten wir mit benachbarten Sektoren wie Musik, Kunst, Literatur, usw. So feiern wir z.B. in einer knallgrünen Kirche mit an den Wänden  projektierten Kleeblättern den Saint Patrick's Day mit einer englischen Messe mit anschließender Parade zum Irish Pub. Am Valentinstag segnen wir in einer roten, pappsüßen Kirche Liebespaare und trösten Singles. Der hiesige Germanist und Bob Dylan-Experte Prof. Heinrich Detering arbeitet bei uns mit und hielt einen Multimediavortrag über den frisch gekürten Nobelpreisträger und Songwriter. Wir machen Exkursionen und Geistliche Stadtführungen, wo wir ein touristisches Interesse mit Verkündigung verbinden und vieles andere.

Was gibt es da für neue Formate von Kirche?

Vor 20 Jahren war Sankt Michael von seinem Ideal her eine basisdemokratische Gemeinde: Alle kennen sich, und alle entscheiden alles gemeinsam! Heute sind wir mehr eine Art Marktplatz. Die meisten sind nur in einem oder zwei Bereichen engagiert: Manche singen in einem Chor oder kochen beim Obdachlosenmittagstisch, andere kommen nur zu Erstkommunion ihres Kindes, manche nur zu den Gottesdiensten und auch da unterschiedlich: täglich, nur am Sonntag, nur an Festtagen oder nur an Weihnachten - alle sind willkommen!
In Sankt Michael kann man Freunde finden, sich austauschen, vernetzen. Jeder bestimmt sein Tempo und seine Intensität, mit der er / sie sich einbringt. Vieles blüht auf und welkt auch wieder. Bei uns laufen etwa 30 Nationalitäten rum, und nicht alle sprechen Deutsch. Mal haben wir einen Freak und können tolle Podcasts machen, dann zieht der wieder weg, dafür kommt ein fantastischer Musiker oder ein leidenschaftlicher Praktikant. Kaum einer überblickt alles, aber jeder und jede wird hoffentlich eine Nische für sich finden.

In St. Michael bestimmt jeder, wie er/sie sich einbringt: Fürbittbuch, in das man seine Sorgen schreiben kann.

Aber ist die Kirche denn selbst bereit, von den Suchenden zu lernen und sich zu verändern?

Natürlich müssen wir als Jesuiten oder Hauptamtliche immer schnell reagieren und neue Stimmungen ausloten, aber grundsätzlich sind die Suchenden ja schon "Kirche" und ein Teil von uns. Es ist nicht so, dass bei uns die geballte Kompetenz zu finden wäre und bei denen, die zu uns kommen, die absolute Ignoranz. Bei uns gilt: Wer hier nicht blasphemisch ist und mit keinen rechtsradikalen Thesen um sich wirft, der darf und soll loslegen! Wir müssen beim Kalender etwas aufpassen, dass es nicht zu Doppelbelegungen und Zoff kommt, wenn die Meditationsgruppe neben der Blaskapelle übt, und es muss klar sein, dass jeder hinterher wieder aufräumt - aber grundsätzlich sagen wir zu allen die was ausprobieren möchten: Leg los! Probier's aus! Und: Schreib ein "Berichtlein" für unsere Homepage...

Praktische Gastfreundschaft gibt es in Göttingen auch beim Mittagstisch oder bei Tea Time International. Ist das ein besonderes Anliegen der Gemeinde?

P. Manfred Hösl SJ vor dem Kreuz von Tobias Haseidl aus Oberammergau.

Ein echtes Problem hier ist: Wie können wir den Laden hier zusammenhalten? Es gibt Köche im Mittagstisch, die kommen nie in die Kirche. Und es gibt Kirchgänger, die waren noch nie beim Mittagstisch. Die Eltern unserer Grund- oder Realschule haben keine Ahnung von Citypastoral oder von den bei uns angedockten Italienern der Communità Italiana - und umgekehrt!
Aber es geht nicht nur um unterschiedliche Gruppen, sondern auch Milieus. Unsere Gemeinde hat eine starke sozialpolitische 68er Tradition. Da sind einige zwar schon in die Jahre gekommen, aber deren Werte sind uns auch weiter wichtig. Unsere Afrikagruppe kümmert sich um eine (Mädchen-) Schule in Burkina Faso, die TEA TIME erreichte phasenweise Duzende Flüchtlinge und GöttingerInnen, usw. Gleichzeitig wollen wir uns für neue, ästhetischere Milieus öffnen. Das scheint uns z.B. mit der radikalen Innenrenovierung unserer Kirche gut gelungen zu sein.
Es gibt hier vieles was an Sankt Michael kreucht und fleucht. Deshalb ist unsere Homepage (www.samiki.de) und unser wöchentlicher Pfarrbrief so wichtig, weil dort drauf- und drinsteht, was bei uns überall los ist. Selbst wenn man nur die Überschriften überfliegt hat man schon einen kleinen Überblick. Ich persönlich würde mir wünschen, dass die einen von uns bei den anderen von uns öfters reinschauen würden, einfach mal so. Sankt Michael ist (noch) breiter aufgestellt als viele denken!

letzte Aktualisierung am 31.05.2017