Deutsche Provinz der Jesuiten

Ökumene in Berlin

© SJ-Bild: Stefan Weigand

Gastfreundschaft und gemeinsames Engagement für eine humanere Gesellschaft

Als Kind habe ich lange nicht verstanden, warum meine Mutter, eine Lutheranerin, nicht mit uns zur Kommunion ging. Hatte unser katholischer Pfarrer sie nicht mehrfach freundlich eingeladen? Später fügte er auf seine schelmische Art an: "Hast Deinen Buben so erzogen, dass er Pfarrer geworden ist. Warum solltest ausgerechnet Du nicht dazu gehören?" Mutter fürchtete aber, weil sie ihn mochte, dass ihm Schwierigkeiten entstehen könnten. Menschen lebten noch immer im Kampfmodus des Recht-Habens und machten ausgerechnet den Gottesdienst zum Schauplatz von Bespitzelung. Die eigenen Reihen geschlossen halten und den wahren Glauben vor den Feinden, vor allem den inneren Feinden bewahren - Deformationen des blutigen, konfessionellen Zeitalters, das uns mitteleuropäischen Christen in den Knochen steckt. Luthers Thesenanschlag begründete zunächst eben keine Kirche der Freiheit, weder auf der einen noch auf der anderen Seite des Grabens, auch wenn die Auseinandersetzungen des konfessionellen Zeitalters unabdingbar gewesen sein mögen, damit uns Europäern am Ende der Auseinandersetzungen Glaubens- und Meinungsfreiheit als Kernbestand menschlicher Würde und Freiheit aufging. Im Blick auf das Reformationsjubiläum ist offenbar kollektiv beschlossen worden, die unschönen Seiten im gemeinsamen Familienalbum geschlossen zu halten. Vielleicht kommt bisher ja keine rechte Feierlaune auf, weil Versöhnung nie am Schmerz vorbei vorankommt?

Mein Gedenken kreist in diesem Jahr also mehr um die Menschen, die für mich am Ausgang des konfessionellen Zeitalters stehen. Ich feiere jeden Sonntag Eucharistie in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum. Sie wurde in Erinnerung an Christen errichtet, die über die Grenzen der Konfessionen hinweg gemeinsam Widerstand gegen den NS leisteten. Die Erfahrung des gemeinsamen Widerstandes führte sie zu einer tieferen konfessionsübergreifenden Identität als Christen in einer geteilten Verantwortung für eine humane, offene Gesellschaft. Wenigstens im Todestrakt des Gefängnisses in Tegel durften sie diese Verbindung im gemeinsamen Abendmahl feiern. Was bedeutet mir das heute?

In Berlin gehöre ich als einer von gerade einmal 9% Katholiken zu den unter 50% der Bevölkerung, die sich überhaupt noch als religiös bezeichnen. Angesichts dessen erscheint auch mir die konfessionelle Spaltung manchmal noch absurder. Viele warten auf keine "Erlaubnisse" mehr und gehen dort zum Abendmahl, wo sie es für richtig halten. Und gar nicht wenige lassen ihre Kinder nicht mehr unbedingt in der "eigenen", sondern in der Konfession taufen, in der am konkreten Ort noch am ehesten die Chance besteht, lebendigen Anschluss an andere engagierte Christen zu finden. Konfessionsfragen sind eben inzwischen auch - je nach Wohnort - Luxusfragen. Und doch scheint es mir geradezu zynisch zu sein, zu warten, bis sich Unterschiede einfach abschleifen. Warum? Wer sagt uns, dass hinter dem, was wir als lästige Unterschiede erleben, nicht ein Reichtum von Erleben und Verstehen verbirgt, den wir noch dringend benötigen?

20% der Schüler am Canisius-Kolleg sind evangelisch und erhalten evangelischen Religionsunterricht. Denn Gemeinschaft zu haben und eine eigene Identität zu entwickeln gehört zusammen. Das ist aber nur die Oberfläche: Tatsächlich entwickeln Katholiken und Evangelische Christen ein gemeinsames pädagogisch-katechetisches Programm, um Schülern, die wenig religiöse Sozialisation mitbringen, den Zugang zum Raum religiöser Erfahrung zu erschließen, Stille zu üben, die Schrift zu entdecken und das gemeinsame Singen. Mit einem abgestimmten Lehrplan stellen wir uns gemeinsam den intellektuellen Herausforderungen der modernen, offenen Gesellschaft. Das gemeinsame Arbeiten hat Wertschätzung, Verständnis füreinander und tiefe Freundschaften wachsen lassen. Aber die Nähe nivelliert nicht die Unterschiede.

Für mich gehört zu gelebter Ökumene wie zur Freundschaft, den je Anderen offen ans Herz des eigenen Erlebens und Nachdenkens zu laden, eine Einladung, welche die zur offenen, angstfreien Auseinandersetzung einschließt. Gerade, wo uns Christen auf diese Weise eine "ehrliche" Ökumene der Selbstachtung und des Respekts vor Anderen gelingt, haben wir Instrumente und Modelle des heilenden Dialogs in der Hand, die aktuell dringender gebraucht werden denn je: Für den Dialog mit Muslimen ebenso wie mit vielen säkularen Milieus. Der Ort des Dialogs zwischen unterschiedlichen Kulturen und nach Jahrhunderten gegenseitiger Verwundungen ist seit jeher die Gastfreundschaft beim Mahl. Denn bei Tisch zeigt sich, wer ich bin in aller Unterschiedlichkeit der Traditionen. Für den Fremden und Anderen aber wird die Andersartigkeit geöffnet und versöhnt durch die Gastfreundschaft, die Einladung teilzuhaben. Es ist der Weg Jesu. Es ist Zeit, diesen Weg unter uns Christen endlich beherzt anzugehen, nicht trotz, sondern wegen unserer Unterschiedlichkeit, als Beginn eines gemeinsamen Engagements für eine humanere, gerechtere Gesellschaft und den Dialog der Kulturen.

Tobias Zimmermann SJ

P. Tobias Zimmermann SJ ist 1967 in München geboren und 1990 in den Jesuitenorden eingetreten. 2003 wurde er zum Priester geweiht. Nach Studien der Theologie, Philosophie und Kunstpädagogik in München ist er seit 2003 am Canisius-Kolleg in Berlin tätig, zunächst als Schulseelsorger, ab 2011 als Rektor.

letzte Aktualisierung am 21.03.2017