Deutsche Provinz der Jesuiten
Wer bin ich? Wir sind Kinder eines durch Jahrtausende gewobenen Netzwerks genealogischer Zusammenhänge. Und doch sind auch wir Kinder unseres Vaters im Himmel.

Meine Wurzeln: Wer bin ich?

Man hielt ihn für den Sohn Josefs (Lk 3,23)

Wer bin ich? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Und das aus vielerlei Gründen. Wir alle tragen einen Kosmos aus Erfahrungen, Eigenschaften, Ängsten und ungeahnten Wünschen in uns, weshalb es schwierig ist, all das in einem Satz oder etwa einer ganzen Autobiografie zu beantworten.

Wer bin ich? Die Frage ist auch deshalb schwierig, weil sie eine innere Spaltung voraussetzt. Denn ich muss "außer mir" sein, mir selbst gegenüber treten, wenn ich Auskunft über mich erhalten möchte. Doch diese notwendige Trennung macht es unmöglich, meine Identität unmittelbar zu bestimmen.

Für die aktuelle Ausgabe der Publikation JESUITEN hat die Augsburger Kalligrafie-Künstlerin Ruth Wild die biblische Gestalt des Josef illustriert.

Wer bin ich? Das ist auch deswegen eine enorme Frage, weil sie uferlos ist. Mich gibt es nicht ohne die Beziehungen, die mein Leben ausmachen: die Menschen, aus denen ich hervorging, von denen ich Leben, Sprache, Anschauungen und Gewohnheiten übernommen habe. "Im Anfang ist die Beziehung", schreibt Martin Buber in "Ich und Du". Es gibt mich also nicht als isoliertes Individuum inmitten anderer Monaden, sondern nur als Knotenpunkt im Geflecht von Beziehungen aller Art. Wo höre ich auf - und wo fängst du an? Die Luft, die eben noch tief in meinen Lungen war, ist bereits in dir.

Wer bin ich? Diese Frage stellte sich Jesus von Nazareth sicher auch immer wieder. Und die Bibel versucht uns vielfältige Antworten darauf zu geben. "Man hielt ihn für den Sohn Josefs", heißt es bei Lukas im 3. Kapitel. Und dann folgt ein Stammbaum, der aufzeigt, dass Jesu Vorfahren via Josef, David und Abraham auf Adam selbst zurückgehen. "Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird." (Mt 1,16) So endet der Stammbaum bei Matthäus, wo Jesus ein zweites Mal in die Reihe von Abraham, David und Josef gestellt wird.

Ganz unabhängig von der Tatsache, dass die beiden Stammbäume im Detail voneinander abweichen, stellt sich die Frage, was mit ihnen überhaupt ausgesagt werden kann. Denn Josef gilt ja nicht als Jesu leiblicher Vater. Und gemäß jüdischer Rechtsvorstellungen behält ein Kind nach einer Adoption den Status seiner biologischen Eltern. Damit wäre also ohnehin keine Ahnenfolge über Josef herstellbar - es sei denn, man sieht Josef eben doch als Jesu leiblichen Vater. An der Stelle ruft allerdings die Stimme aus dem Himmel: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." (Lk 3,22)

Auch wenn unsere Verwandtschaftsverhältnisse nicht ganz so kompliziert sein mögen wie bei Jesus Christus: die Frage nach unseren biografischen Wurzeln ist in jedem Fall komplex. Wir sind Kinder eines durch Jahrtausende gewobenen Netzwerks genealogischer Zusammenhänge. Und auch wir sind Kinder unseres Vaters im Himmel.

Mit all diesen Überlegungen möchte ich Sie nicht entmutigen, sich mit der Frage nach Ihrer Identität zu beschäftigen. Ganz im Gegenteil: im Bewusstsein darüber, wie vielschichtig die Angelegenheit ist, empfehle ich dringend, dass Sie sich ihrer Biografie annähern. Und das auf mehreren Ebenen. Deshalb noch einmal: Wer bin ich?

Mit Verweis auf die DNS könnte man sagen, dass wir die Mischung aus Mischungen des genetischen Erbguts ungezählter Vorfahren sind. Doch selbst die Biologie macht es uns mittlerweile nicht mehr so einfach und gesellt der Genetik die Epigenetik bei - also jener wissenschaftlichen Disziplin, die erforscht, wodurch erbliche Veränderungen an Chromosomen hervorgerufen werden. Dabei wurde herausgefunden, dass Erfahrungen eines Vorfahren sich im Leben eines Nachfahren wiederspiegeln. Demnach ist unser Leben selbst auf biologischer Ebene nicht nur durch Gene bestimmt. Auch konkrete Erfahrungen unserer Vorfahren prägen unser Dasein heute. Klingt nach Science-Fiction, ist jedoch ernstzunehmende Biologie.

Wer sich mit sich selbst beschäftigt, kommt also an Ahnenforschung nicht vorbei. Das hat auch der Begründer der Systemtherapie, Murray Bowen, zum Grundsatz seines therapeutischen Ansatzes gemacht. Jeder Familienstammbaum kennt genuine Verhaltensmuster, die sich auf die einzelnen Elemente dieses Systems auswirken - und das häufig negativ. Wer diese Dynamiken kennt, kann sich davon distanzieren, anstatt unbewusst von ihnen bestimmt zu werden - so die Überzeugung der Systemtherapie.

Gnóthi sautón - Erkenne dich selbst. Das stand über dem Orakel in Delphi. Auch nach 2.500 Jahren ist das ein aktuelles Lebensprogramm. Im Bewusstsein darüber, dass es mich nicht isoliert gibt, wende ich mich vertrauensvoll an jenes Du, das es wissen muss: "Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen. Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter." (Ps 139)

Simon Lochbrunner SJ

Simon Lochbrunner SJ (*1982) wuchs im schwäbischen Kirchheim auf. Seit seiner Jugendzeit und bis zum Ordenseintritt 2008 arbeitete er auch im elterlichen Biohof in Derndorf mit. Von 2002 bis 2007 studierte er Theologie in Augsburg. Nach einem Praktikum in der Jugendarbeit in Hamburg (KSJ) studierte er Pastoral Counseling in Chicago. Seit seiner Priesterweihe 2016 ist er für das Gebetsapostolat der Jesuiten in Deutschland verantwortlich und unterstützt den Novizenmeister in Nürnberg.

letzte Aktualisierung am 25.06.2017