Deutsche Provinz der Jesuiten

Matthias Erzberger - "ein Märtyrer für die Sache Gottes"

Beisetzung Erzbergers am 31. August 1921 in Biberach unter großer öffentlicher Anteilnahme. © SJ-Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung

Unser Provinzarchiv verwahrt manche historische Kostbarkeiten, deren Bedeutung als Quelle für die Kirchen- und Ordensgeschichtsschreibung nicht hoch genug angesetzt werden kann. So dokumentiert ein Brief des Jesuitenpaters Peter Sädler SJ (1877-1931) dessen enge Verbindung zu Reichsminister Matthias Erzberger (1875-1921), einer der interessantesten politischen Gestalten des Kaiserreichs und der jungen Weimarer Republik. Der Zentrumspolitiker, der den Waffenstillstand zur Beendigung des Ersten Weltkriegs unterzeichnet hatte, wurde 1921 von Rechtsextremisten ermordet.

Erzberger 1919 als Abgeordneter der Weimarer Nationalversammlung. © SJ-Bild: Bundesarchiv, 146-1989-072-16 / Kerbs, Diethart / CC-BY-SA

Am 19. April 2017 wird sich zum 100. Mal die Aufhebung des bismarck'schen Jesuitengesetzes jähren, das 1872 den Ausschluss des Ordens vom Gebiet des Deutschen Reiches und die Auflösung seiner Niederlassungen verfügt sowie die Errichtung neuer Niederlassungen verboten hatte. Obwohl die Jesuiten bereits seit Ende der 1870er Jahre - vor allem von den Ordenshäusern in den Niederlanden aus - wieder im Reich hatten tätig werden können, stellte diese Entscheidung - der Bundesrat trat mit knapper Mehrheit dem bereits 1913 gefassten Reichstagsbeschluss bei - für die deutschen Jesuiten eine epochale Wende dar, die ihre Vollendung schließlich in den Bestimmungen der am 24. August 1919 in Kraft getretenen Weimarer Reichsverfassung mit dem Grundrecht der Vereinsfreiheit fand. Einen überaus engagierten Mitstreiter für die Aufhebung des Jesuitengesetzes hatte der Orden in dem 1921 ermordeten Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der seit 1903 Mitglied des Reichstages war.

Erzberger stand mit verschiedenen Jesuiten in Kontakt. Einige Korrespondenzen haben sich in unserem Provinzarchiv erhalten. Ein besonderes Verhältnis zu Matthias Erzberger unterhielt P. Peter Sädler SJ (1877-1931). Nachdem ihn der Erste Weltkrieg für kurze Zeit nach Frankreich geführt hatte, wurde er in Freiburg im Breisgau Diözesanpräses der Müttervereine. In dieser Eigenschaft erwarb er später das Kurhaus Bad Griesbach im Renchtal für die Müttervereine Badens. Dorthin lud er auch Matthias Erzberger ein, der am 19. August 1921 eintraf. Bei ausgedehnten Spaziergängen pflegten beide in den folgenden Tagen einen intensiven Austausch. Am 26. August wurde Erzberger dort bei einem Spaziergang mit seinem Parteifreund Carl Diez (1877-1969) Opfer eines politischen Mordes.

In dem hier gezeigten Brief vom 10. September 1921 an Erzbergers Tochter Maria (1902-1937), damals Postulantin und später Ordensschwester (Maria Gertrudis) im Karmel von Echt (Niederlande), berichtet P. Sädler auf deren Bitten hin sehr eindrucksvoll über die letzten Tage und Stunden vor der Ermordung Erzbergers.[1]


[1] Vgl. Peter Sädler SJ, Griesbach, 10. September 1921, an Maria Erzberger, in: Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten, Abt. 00, Nr. 828,34.

Griesbach, den 10. September 1921

Ehrwürdige Schwester,

gestatten Sie, dass ich Sie so nenne, wenn Sie auch erst auf dem Wege dazu sind. Ihre Bitte, Ihnen noch einiges aus den letzten Tagen Ihres seligen Vaters mitzuteilen, erfülle ich recht gern, so schmerzlich die Erinnerung an das furchbare Ereignis auch für mich ist. Wie wird Sie aber erst diese schreckliche Nachricht in Ihrem stillen Klosterfrieden aufgeschreckt haben! Ihr sel. Vater freute sich so auf Ihre Einkleidung, und ich sagte ihm noch, als wir davon sprachen, dass er in Ihnen einen Schutzengel im Kloster habe, was er freudig bejahte. Und nun haben wir ihn schon zur letzten Ruhe gebettet und können uns nur immer wieder sagen: Der liebe Gott ist auch unendlich in seinen Zulassungen. Wir kennen seine Wege nicht.


Der Besuch Ihres sel. Vaters hier war uns allen und mir persönlich insbesondere die größte Freude und Ehre. Ich habe das herrlich gelegene sehr umfangreiche Bad Griesbach vor etwa 1 3/4 Jahr für die christl. Müttervereine der Erzdiözese Freiburg gekauft und einen Teil der Gebäude als Müttererholungsheim eingerichtet, während der andere Teil als Kurhaus für unsere gut kath. Familie unter Leitung der Hegner Kreuzschwestern weiter betrieben wird. Anfangs Juni sprach ich gelegentlich eines Besuchs bei dem mir befreundeten Reichskanzler Dr. Wirth auch bei Ihrem Vater vor und lud ihn ein, sich meine zukunftsreiche Schwarzwaldgründung einmal anzusehen, was er freudig zusagte. Am 19. August traf er dann auch, von Offenburg kommend, wo er Ihre Tante besucht hatte, mit Ihrer Frau Mutter und Gabrielchen hier ein. Es gefiel ihm ausgezeichnet hier und er erholte sich in der idyllischen Ruhe unseres prachtvoll gelegenen Kurortes auf das beste. Morgens und Nachmittags machte er ausgedehnte Spaziergänge in den herrlichen Schwarzwald, der unser Bad von allen Seiten umgibt. Nachmittags nach dem Kaffee von 4-7 begleitete ich ihn immer. Wir beide gingen dabei stets voraus, während Ihre Frau Mutter und Gabi in einiger Entfernung folgten.

Auf diesen mir zeitlebens unvergesslichen Spaziergängen hatte ich bei dem großen Vertrauen, das Ihr sel. Vater mir schenkte, das große Glück, tief in seine herrliche Seele hineinzuschauen. Als politisch und sozial interessierter Mensch von aufrichtig fortschrittlicher Gesinnung benützte ich diese köstliche Gelegenheit, alle großen schwebenden Fragen mit ihm zu besprechen. Es war geradezu erstaunlich, mit welcher Klarheit er deren Lösung in sich trug, mit welchem Geschick und welcher Tatkraft er den Weg dazu zu ebnen wusste und mit welcher Einsicht und welchem Weitblick er auf alle Anregungen und Ideen, die zur katholischen Volkserneuerung beitragen, einging und deren praktische Verwirklichung sofort erkannte. Das Herz ging einem förmlich auf, wenn man daran dachte, was dieser durch und durch edle, wie nur ganz wenige reichbegabte Mann mit seiner staunenswerten Tatkraft nach menschlicher Voraussicht für Kirche und Volk noch zustandebringen würde. Und dann kam die namenlos entsetzliche Stunde, wo der schwerverwundete Abg. Diez sich in mein Zimmer schleppte und mir die schrecklichen Worte sagte: Erzberger ist erschossen. Ich glaubte zu versinken bei diesen Worten und war eine Zeitlang wie betäubt. Dann sorge ich für Herrn Diez und eilte zu Ihrer Mutter. Es war mir der härteste Gang meines Lebens, als ich dieser edlen, ahnungslosen Frau dieses Furchtbare mitteilen musste. Dann eilte ich in den Wald, wo ich Ihren guten Vater entseelt an der betreffenden Stelle fand. Auf der breiten Landstraße war eine große Blutlache und unten am Abhang, der seine blutige Spur aufwies, lag er, tot.

Der Anblick war wahrhaftig das Erschütterndste, was man sich nur denken kann. Es krampfte einem das Herz zusammen. Da lag nun der größte Mann Deutschlands mitten in der Blüte seines Lebens, auf der Höhe seines Schaffens, von ruchloser Hand gemordet. Alle Einsichtigen trauern um den Toten, der uns allen ganz unersetzlich ist. Unser kath. Volk ist nun verwaist, mitten in den furchtbarsten Kämpfen seines Führers beraubt. Wie werden sie ihn schmerzlich vermissen, auch diejenigen seiner Partei, die seine Gegner waren! Wie vieles, das er glaubte und als klares Ziel in seinem Herzen trug, bleibt jetzt unausgeführt! Nur eines kann uns trösten: Er ist als Märtyrer für die Sache Gottes und der Kirche gefallen. Die Kugeln galten nicht nur dem sozialen Volksführer, sondern auch dem katholischen Politiker. Am Thron Gottes, wo er jetzt in Gott alle Rätsel schaut, auch weshalb er so und so früh fallen musste, wird er uns allen und insbesondere den lieben Seinigen ein treuer und mächtiger Fürbitter sein. Für unser verirrtes, armes Volk bedeutet sein Tod aber Schreckliches, was die nahe Zukunft zeigen wird. Ihre Frau Mutter hat den entsetzlichen Verlust mit ihrer Gottergebenheit und Kraft einer Heiligen getragen. Die kleine Gabi, nun ihr ganzer Trost, hat das Schreckliche, Gott sei Dank, nicht ganz erfasst. Ich werde Ihren Vater, an dessen Seite ich immer stand und für den ich stets, auch als viele ihn verließen, eingetreten bin, nie vergessen und täglich am Altar seiner gedenken.

In schmerzlicher Teilnahme

Ihr in Xo ergebenster P. Saedler S.J.

Dr. Clemens Brodkorb

Dr. Clemens Brodkorb  (Jg. 1966) ist Kirchenhistoriker. Seit 2000 leitete er das Archiv der Norddeutschen Provinz (in Köln), seit der Provinzvereinigung 2004 ist er der Leiter des Archivs der Deutschen Provinz der Jesuiten in München.

letzte Aktualisierung am 04.07.2017