Deutsche Provinz der Jesuiten

Reich-Gottes-Politik

Weil Rupert Mayer SJ trotz Redeverbot in der Münchner Kirche St. Michael predigte, wurde er durch die Gestapo verhaftet.

Rupert Mayer - kämpferisch lieben

Eine spannende Begegnung: Der Jesuit Wendelin Köster SJ nimmt in seinem neuen Büchlein ("Reich-Gottes-Politik. Rupert Mayer - kämpferisch lieben", Ignatianische Impulse 75, Würzburg 2017) mit seinem Mitbruder Rupert Mayer SJ (1846-1945), einem Mann des öffentlichen, kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich einen fiktiven, sehr persönlich gehaltenen Gedankenaustausch auf. Dieser vermittelt Wirken und Worte des 1987 selig gesprochenen Jesuiten mit seelsorglichen Erfahrungen aus der Jetzt-Zeit. Dies geschieht auf dem Hintergrund der ignatianischen Exerzitien. Sie sind ein persönliches Lebensgeschehen  zwischen Gott und Mensch. Zugleich aber rücken sie eine globale Weltperspektive in den Blick. Wie leben wir als "Bürger des Reiches Gottes" Gottes-Politik, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit -  mitten in unserer zugleich kleinen wie großen Welt?

"Der Knacks", die Lebenslüge und die Wahrheit

Wendelin Köster greift in der folgenden Textstelle den Buchtitel des 2016 verstorbenen Journalisten Roger Willemsen als Bildwort auf, um unsere Gegenwartssituation zum Ausdruck zu bringen. Er stellt dabei die "Lebenslüge" in den Mittelpunkt und den Kampf Rupert Mayers für die Wahrheit vor dem Gericht.

Hafteintrag im in Landsberg/Lech: Durch eine Amnestie kam Rupert Mayer am 3. Mai 1938 nach fünf Monaten frei.

"Was ist eine Lebenslüge? Sie ist eine Selbsttäuschung, die man zur Leitlinie seines Lebens macht. Man hält an ihr fest und tut so, als ob alles in Ordnung sei...

Lebenslügen verursachen den Zusammenbruch großer Imperien. Totalitäre Staatsgebilde wie das Drittes Reich und die Sowjetunion gingen an Lebenslügen zugrunde. Sie hielten sich für stärker als sie waren und setzten alles daran, es die Zeitgenossen glauben zu machen. Sie erheben einen totalen Machtanspruch und versuchen, ihn mit Gewalt und Tücke durchzusetzen. Schwierigkeiten werden ausgeblendet. Aber das hochglänzende Selbstbild trügt. Irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit.

Mich beschleicht die Frage, ob nicht auch die Zivilisation, in der ich heute lebe, ihre Lebenslüge hat. Gibt es nicht auch hier den Anspruch auf totale Weltgeltung unserer Werte? Verbirgt sich hinter der Proklamierung von Freiheit, Toleranz und Demokratie nicht doch die knallharte Verteidigung des hohen Lebensstandards? Wird diesem Ziel nicht das Glück vieler anderer Menschen, Staaten und Kulturen geopfert? Werden nicht auch bei uns die Kosten klein und die Erfolge groß gerechnet? Zweifellos wird es auch für uns Muster-Demokaten eine Stunde der Wahrheit geben. Vielleicht ist sie schon angebrochen.

Kann auch die Kirche Opfer einer Lebenslüge werden? Ja, wenn sie leugnen würde, einen Knacks zu haben; wenn sie leugnen würde, dass sie durch die Barmherzigkeit Gottes in der rechten Spur gehalten wird; wenn sie zu sich selber barmherzig ist, aber nicht zu anderen; wenn sie sich nicht mehr die Zeit nehmen würde für das Gespräch mit dem Barmherzigen.

Was kann man gegen die Lebenslüge tun? Ich für mich versuche, bei der Wahrheit zu bleiben. Ich muss wahrhaben wollen, dass ich einen Knacks habe und immer wieder abdrifte. Ich muss wahrhaben wollen, dass ich einen blinden Fleck und einen toten Winkel habe. Meine Hör- und Sehfähigkeit ist beschränkt. Ich muss bereit sein, mir etwas zeigen und sagen zu lassen von einem Freund, einer Freundin, einem Mitbruder. Ich brauche diesseitige Schutzengel. Aber auch jenseitige. Rupert Mayer ist einer von ihnen. Ich brauche aber vor allem das Gespräch mit Jesus Christus, dem Retter und Richter, der es gut mit mir meint, dem ich vertraue."

Klar in der Haltung und kämpferisch liebend

Pater Rupert Mayer als Caritas-Sammler vor St. Michael am 18. Mai 1935.

Rupert Mayer hat mehrere Verhaftungen und Verhöre erlebt. Das Regime wollte ihn mundtot machen. Doch er konnte nicht schweigen, wo die Wahrheit unterdrückt wurde... Eine von Josefa Huber verfertigte Mitschrift der Verhandlung vor dem Münchener Sondergericht am 22./23. Juli 1937 belegt seine klare Haltung. Er kapitulierte nicht wie Pilatus vor den Intriganten, denen jedes Mittel recht ist, um Jesus zu beseitigen. Laut Mitschrift erklärte Rupert Mayer vor dem Richter:
"Mir hat wunderbar geholfen das Wort, das der Führer gesagt hat, 'deutsch sein heißt wahr sein'. Wenn ihm ein Wort der Herrgott eingegeben hat, dann war es das. Das ist für mich eine Rechtfertigung nach oben und unten. Wenn es zur deutschen Art gehört, wahr zu sein, dann muss man doch auch die Wahrheit sagen dürfen und dann müssen doch die Leute auch die Wahrheit ertragen müssen."

Die Frage wäre: Wie Rupert Mayer in unserer heutigen "postfaktischen" Zeit der gegenseitigen Bezichtigungen  von Verlogenheit den Anspruch der Wahrheit des Evangeliums "kämpferisch liebend" zum Ausdruck bringen würde?

Willi Lambert SJ

Pater Wendelin Köster SJ wurde 1939 in Meppen geboren und trat 1959 in die Gesellschaft Jesu ein. Nach seiner Tätigkeit als Jugendseelsorger in Münster und Trier sowie als Regens des Priesterseminars Sankt Georgen war er von 1995 bis 2008 Berater des Generaloberen in Rom. Von 2009 bis 2015 war er Rektor des Kollegs Sankt Georgen in Frankfurt/M. Seit 2009 ist er auch Spiritual des Bischöflichen Priesterseminars in Limburg. Seit 2015 lebt Wendelin Köster SJ im Ignatiushaus in Frankfurt/M.

letzte Aktualisierung am 06.05.2017