Deutsche Provinz der Jesuiten

Fahrenheit 451

Der Geist Gottes "klebt" nicht am Buchstaben oder einem gelehrten Buch

In nicht allzu ferner Zukunft: Das höchste Ideal der Gesellschaft ist das individuelle Glück, lauter Freude und Vergnügen. Leiden, Schmerz, Konflikte sind unbedingt zu vermeiden. Deswegen hat man auch alle Bücher verboten. Denn Bücher erzählen von Problemen, stiften Unruhe und gefährden damit in höchstem Maße das gesellschaftliche Glück. Die Feuerwehr hat die Aufgabe, noch die letzten versteckten Bücher aufzuspüren und zu verbrennen. Eifrig dabei ist auch Feuerwehrmann Guy Montag. Er ist glücklich mit Linda verheiratet und liebt seinen Beruf. Demnächst soll er überdies für seinen vorbildlichen Einsatz befördert werden. Da lernt Guy auf einem seiner Einsätze Clarisse kennen. Sie hat die letzte Gesinnungsprüfung nicht bestanden und liest heimlich Bücher. Clarisse erzählt ihm auch von den geheimnisvollen Büchermenschen, die zurückgezogen im Wald leben und angeblich ganze Bücher auswendig lernen. Denn was man im Kopf und im Herzen hat, kann nicht verbrannt werden. Verwirrt und zugleich fasziniert fängt Guy an, bei seinen Diensteinsätzen heimlich Bücher mit nach Hause zu nehmen und sie nachts zu lesen. Linda findet derweil ihr Glück in Tabletten und Unterhaltungsmedien. Immer mehr zieht es Guy in die Bücherwelt - doch seine Frau versteht das überhaupt nicht. Schließlich zeigt sie ihn bei der Feuerwehr an, so dass Guy gezwungen wird, seine eigenen Bücher zu verbrennen. Aber statt brav zu gehorchen, setzt er nur seine Einrichtung in Brand und flieht zu den Büchermenschen. Dort trifft er Clarisse wieder und beginnt, genauso wie sie, Bücher auswendig zu lernen.

Mit "Fahrenheit 451" hat François Truffaut 1966 den erfolgreichen Roman des  US-amerikanischen Schriftstellers und Drehbuchautors Ray Bradbury und dessen Vision einer bücherlosen Gesellschaft verfilmt. Bradburys Annahme, Fahrenheit 451 (ca. 233 Grad Celsius) sei die Temperatur, bei der jegliches Papier sich von selbst entzünde, mag chemisch nicht exakt sein, der literarischen Stimmigkeit des Titels tut das keinen Abbruch. "Fahrenheit 451" ist der einzige englischsprachige Film, den Truffaut je produziert hat. Viele haben den Film als eine Hommage an die Literatur gesehen, andere nur als eine sehr pessimistische Zukunftsvision. Der Held flieht aus einer repressiven und angepassten Gesellschaft und versucht, abgesondert mit Gleichgesinnten zu leben, denen der geistige Fortbestand ihrer Kultur wichtiger ist als ihre persönliche Freiheit.

Gott sei Dank ist die Vision einer bücherlosen Gesellschaft nicht Realität geworden, im Gegenteil: Noch nie sind so viele Bücher in so vielen Sprachen geschrieben und publiziert worden.

Nicht von ungefähr setzt sich auch das Buch der Bücher mit der Sprache auseinander. Im 11. Kapitel des Buches Genesis lesen wir die Geschichte vom Turmbau zu Babel. "Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. [...] Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen" (Gen 11:1-4). Das machtvolle Kommunikationsmittel Einheitssprache verlockt den Menschen, die ganze Welt zu beherrschen und am Ende wie Gott zu sein. Und in der Tat gehörte in der damaligen Zeit das Schaffen einer einheitlichen Sprache zu den Weltherrschaftsstrategien der assyrischen Könige. Hier ist es Gott selber, der eingreift, denn "jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab, und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht" (Gen 11:6,7).

Jeder, der eine andere Sprache gelernt hat, weiß um die Mühen und die Zeit die es braucht, sie sich anzueignen. Man lernt ja nicht nur Vokabeln, sondern auch eine neue Kultur, eine neue Weise zu denken, die Welt zu sehen. Und jeder macht die Erfahrung, dass sich nicht alles in der anderen Sprache sagen lässt. Oft muss man kompliziert umschreiben, und manchmal fehlen die Wörter sogar ganz. Wenn wir demnächst Pfingsten, das Geburtsfest der Kirche feiern - dann ist das eine ganz andere (Sprach-)Erfahrung. Der Geist Gottes überwindet alle Sprachbarrieren. Vielleicht eine der prägendsten Ur-Erfahrungen der Kirche, die uns der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte beschreibt: das Reich Gottes als Völkerverständigung. Das Erleben von tiefer Einheit in Vielheit. Der Geist Gottes "klebt" nicht am Buchstaben oder einem wohlformulierten Ausdruck, einem wissenschaftlichen Aufsatz oder einem gelehrten Buch. Die frohe Botschaft der Auferstehung, die Petrus verkündet, hört jeder Mensch in seiner Muttersprache, und sie trifft ihn mitten ins Herz.

Christof Wolf SJ

P. Christof Wolf SJ ist 1970 geboren und 1993 in die Gesellschaft Jesu eingetreten. 2004 ist er zum Priester geweiht worden. Er hat Dramaturgie in München und Leipzig studiert und gibt seit 2004 Filmexerzitien. Christof Wolf SJ ist CEO/Executive Producer der Loyola Productions Munich GmbH und der DOK TV & Media GmbH. Außerdem ist er Geistlicher Beirat der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

letzte Aktualisierung am 07.05.2016