Deutsche Provinz der Jesuiten

"Hallo, du, Gott!"

... Bischof Cosma Hoang Van Dat SJ (m.), P. Stefan Taeubner SJ (l.) © SJ-Bild

"Und warum erzählen wir das nicht allen Menschen?"

"Hallo, du, Gott!" Es dauerte eine ganze Weile, bis ich verstand, dass der kleine Junge mich mit diesen Worten angeredet hatte: "Hallo Gott, was machen wir hier?" Ich musste erst mal schlucken. So eine Anrede ist zu ungewöhnlich und der erste Impuls in mir drängte sich auf, sie sofort abzuweisen: Bin ich etwa Gott? Doch halt, dieses Kind war ganz neu hier, eine Familie hatte ihn wohl einfach mal zu unserem Gemeindetreffen mitgenommen und er hatte wohl irgendwie von anderen erfahren, dass dieser Mann dort irgendwas mit Gott zu tun hat.

In einer kleinen katholischen Pfarrei bei Dresden, in Sachsen, in einem Land, wo Christen die absolute Minderheit bilden, kann sich schon mal ganz plötzlich eine völlig überraschende missionarische Situation ergeben, wie diese, die ich an dem Sonntag erlebt, bevor wir mit der vietnamesischen Gemeinde unseren Gottesdienst feiern wollten. Das Kind hatte mich also ganz unvermittelt nach "Gott" gefragt. Ich musste ihm doch jetzt antworten: "Also weißt du, ich bin nicht Gott, aber ich komme von Gott, ich möchte von ihm erzählen, verstehst du das?" versuchte ich den Faden aufzunehmen. Der Junge schaute mich an. Dann zeigte er unvermittelt auf das Holzkreuz mit dem Korpus, das deutlich sichtbar im Pfarrsaal hing: "Und der da, ist das Gott?"

Wie jetzt weiter, dachte ich. Schnell alle meine theologischen Formeln auspacken und wieder vergessen und dann sagte ich: "Ja, das ist Gott, das heißt, der Sohn Gottes, Jesus! Hast du schon mal was von Jesus gehört?" Der Junge ging aber nicht auf diese Frage ein. Er zeigte weiter auf den Leidenden am Kreuz und fragte nur: "Ist der tot?" Oh, Schreck, dachte ich. Jetzt ist unser neu entdeckter Gott auch schon wieder tot, und aus ist es mit der Geschichte? "Ja, also der ist gestorben", fing ich an: "Aber dann ist er wieder auferstanden, er lebt, jetzt ist er bei Gott und immer für uns da." Gut, die Antwort war wohl formal korrekt, aber würde der Junge etwas davon verstehen können? Würde ihm das irgendetwas sagen? Ich war gespannt, wie es nun weiter gehen würde.

Zu meiner großen Überraschung fragte der Junge dann nur kurz und bündig: "Und warum feiern wir das dann nicht vor Freude? Und warum erzählen wir das dann nicht allen Menschen, damit sie sich auch darüber freuen?" Jetzt war ich wirklich platt. Eine bessere Katechese zur Einleitung für die Sonntagsmesse hatte ich ja noch nie gehört. Da hört einer ganz neu die Botschaft und reagiert spontan! "Ja, äh, genau..also", beeilte ich mich seinen Gedanken nachzufolgen: "Genau, das machen wir jetzt gleich, gleich nachher in der Kirche machen wir das: Wir freuen uns über seine Auferstehung und erzählen allen davon! Ja, das ist es, was wir gleich tun!", wiederholte ich dann mehr noch zu mir selbst, immer noch ganz verblüfft.

Als wir uns wenig später in der Runde versammelt hatten, um uns inhaltlich auf den Gottesdienst vorzubereiten, erzählte ich sofort allen, was ich von diesem Jungen gerade gehört hatte, sein Staunen, seine spontane Freude und sein Wunsch, es allen weiter zu erzählen. Ich dankte dem Kind, dass er uns an diese wichtige Feier erinnert hatte. Oh, wir Christen, wo ist unser Staunen, unsere Freude über die Auferstehung? Wo ist unser Wunsch geblieben, davon mitzuteilen, es allen Menschen zu erzählen, und zwar auch denen, die wohl noch niemals etwas davon gehört haben?

Stefan Taeubner SJ
stefan.taeubner(at)Jesuiten.org

Pater Stefan Taeubner SJ (54) ist Seelsorger für Katholiken vietnamesischer Sprache, seit 2014 arbeitet er im Bistum Dresden-Meißen.

letzte Aktualisierung am 07.05.2016