Deutsche Provinz der Jesuiten

Josef

Der stille Heilige

Die christliche Heilsgeschichte beginnt mit einer Verkündigung (Lk 1,26-38). Ein Kind soll Maria vom Heiligen Geist empfangen. Maria ist wohl jung, aber naiv ist sie nicht. Wie das denn gehen solle, fragt sie den Engel. Vor allem aber ist Maria gefordert, eine Entscheidung zu treffen. Falls man die Szene einmal aus der Perspektive des himmlischen "Personals" filmen würde, könnte man in diesem Moment wohl eine Stecknadel fallen hören, da alle bangen und hoffen, dass Maria "Ja" sagen wird. Gott zwingt uns Menschen nicht, Gott lädt uns ein, Gott lockt uns aus unserer Bequemlichkeit und dem Alltagstrott heraus. Dass Maria sich mutig ohne Wenn und Aber auf das "Verrückte" einlässt, ist der Beginn einer Wende in der Menschheitsgeschichte. Gott wird Mensch, und zwar nicht auf dem roten Teppich, sondern als hilfloses kleines Kind. Wir wissen nur wenig über Jesu Kindheit aus den Evangelien. Am wenigsten wissen wir über Josef, Marias Verlobten und späteren Mann. Kein einziges Wort spricht er. Aber zumindest seine Perspektive von Jesu Geburt können wir beim Evangelisten Matthäus lesen: "Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. [...] Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich." (Mt 1,19-25). Gott interveniert sonst nicht direkt im Leben Jesu. In der Anfangszeit jedoch schon, sogar mehrmals. Immer wieder schickt Gott Josef Träume, damit dem kleinen Jesus und der Familie kein Leid zugefügt wird. Später in den Evangelien taucht Josef nicht mehr auf. So heißt es bei Matthäus: "Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter." (Mt 12:46-50). Von Josef aber ist nirgends die Rede. Man nimmt an, dass er früh gestorben ist.

Josef gilt als der Lieblingsheilige der Mystiker. Und zwar nicht nur, weil er nichts sagt, weil er ein Meister des Schweigens ist. Der "gerechte" Josef hat genaue Vorstellungen vom Leben, ebenso von Recht und Gesetz. Und er ist barmherzig, er möchte Maria seine Verlobte nicht bloßstellen. Auch wenn er vielleicht nicht alles versteht, entscheidend ist, dass Josef nicht an seinen Vorstellungen hängt. So hat Gottes Handeln Raum in Josefs Leben, es verändert ihn und durchdringt sein ganzes Wesen. Es macht Josef menschlich und liebesfähig. Wer seine eigenen Konzepte und Vorstellungen von Gott und den Menschen mehr liebt als Gott und die Menschen selbst, wird es schwer haben, eine echte mystische Gotteserfahrung zu machen, mag er sich noch so sehr anstrengen.

Wie für alle Kinder sind auch für den heranwachsenden Jesus die Eltern wichtig. Von Maria und Josef hat Jesus sein Verständnis von Gott und der Welt gelernt, auch wenn er später auf seine Weise darüber hinausgewachsen ist. An Weihnachten dürfen wir uns mit Josef und Maria vor allem über das Kindsein Jesu freuen. Kinder kennen keine Konzepte und sind immer zur Freude bereit. Durch die Geburt Jesu schenkt Gott uns eine neue Schöpfung. Ein Kind hat das Leben noch vor sich. Und wenn es schläft, strahlt es tiefen Frieden und Vertrauen aus. Auf unserer Erde haben Frieden und Vertrauen ihre Grenzen. Gottes Friede ist grenzenlos. Vielleicht staunen wir darüber so still wie der Heilige Josef.

Christof Wolf SJ

P. Christof Wolf SJ ist 1970 geboren und 1993 in die Gesellschaft Jesu eingetreten. 2004 ist er zum Priester geweiht worden. Er hat Dramaturgie in München und Leipzig studiert und gibt seit 2004 Filmexerzitien. Christof Wolf SJ ist CEO/Executive Producer der Loyola Productions Munich GmbH und der DOK TV & Media GmbH. Außerdem ist er Geistlicher Beirat der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

letzte Aktualisierung am 08.12.2016