Deutsche Provinz der Jesuiten

Eine Nachfrage im Gefängnis

.. Gebet in der Haft. © SJ-Bild/Leopold Stübner

"Und er wunderte sich über ihren Unglauben" (Mk 6,6)

Der Mann war aus Libyen, Muslim, geflüchtet mit dem Boot über das Meer, wie so viele, lebensgefährlich. Kam nach Deutschland voller Träume auf eine sichere und bessere Zukunft. Es hatte nicht geklappt mit dem Geldverdienen, er war auf Abwege geraten und jetzt schon im Gefängnis, nach nur einem halben Jahr in Deutschland. Alles ist schief gelaufen: Ich habe hier keine Zukunft mehr! Ich möchte wieder nach Hause zurück, meint er resigniert. Dort hat er noch Familie, Eltern, Geschwister. Sein älterer Bruder war vor ihm im Boot unterwegs, doch das Boot kenterte auf hoher See, einige wurden gerettet, sein Bruder aber tauchte nie wieder auf. So hatte er seine Geschichte erzählt, bei mir im Büro der Gefängnisseelsorge, bei einer Tasse Kaffee. Eigentlich wollte er ja nur einen Fernseher ausleihen, weil er die Einsamkeit auf der Zelle kaum ertragen kann. Mein Kollege verleiht gelegentlich Fernseher, sagte ich, ich werde sein Anliegen weitergeben. Und dann, ganz am Ende hatte er noch eine Frage, eine Frage, die ihm doch noch sehr wichtig zu sein scheint. Nun, was wird das  wohl schon sein, dachte ich etwas skeptisch? Meistens fragen die Gefangenen am Schluss noch nach etwas  Tabak, oder Kaffee oder sonst wichtige Dingen für ihren Alltag in der Haft.

Er aber sagte: Ich habe eine Frage: Warum glauben die Menschen hier in diesem Land so wenig an Gott? Das hat mich überrascht. Diese Frage jetzt? Warum war ihm das so ein wichtiges Anliegen? Und gerade in seiner Situation? Hatte er nicht wichtigere Probleme? Doch seine Frage war ernst gemeint. Er wartete auf eine Antwort. Ich sagte: Sie sehen die vielen Kirchen hier, in jedem Stadtteil, in jedem Dorf. Sie zeugen davon, dass früher die Menschen hier sehr gläubig waren und viele zur Kirche kamen. Dann aber hat es viel Streit gegeben unter den Christen, einen langen Glaubenskrieg in Europa, Kriege zwischen christlichen Nationen, wie im 1. Weltkrieg. Es ist eine lange Geschichte, die viele vom Glauben und der Kirche enttäuscht haben. Ich glaube auch, wir selbst haben viele Fehler gemacht, die die Menschen mit der Zeit von der Kirche und dem Glauben entfernt und auch abgeschreckt haben. Darüber kann man noch lange reden. Er nickte, und doch sagte er noch am Ende: Wie schade, wie traurig, dass hier so wenig Menschen an Gott glauben!

So hatte er eigentlich schon Mitleid mit mir, mit uns wenigen Christen hier gezeigt, sich gewundert über den Unglauben in diesem Land, bedauert die traurige Situation, die daraus folgt. Hatte sich auf diese Weise etwa das Gespräch mit dem Seelsorger umgedreht? Hatte er nicht mich angehört, meine Sorgen geteilt und damit auch in meiner, unserer Not getröstet?  Kann es sein, dass gerade in diesem bärtigen jungen Mann, dem arabischen Flüchtling, Jesus selbst bei mir nachgefragt hat? Es heißt ja, wir würden Ihm im Gefängnis begegnen können. Diese Begegnung hat mich jedenfalls nicht mehr so einfach losgelassen.

In diesen Tagen kommen die Menschen in Scharen aus fernen, armen Ländern zu uns, in Not, verzweifelt, ganze Familien. Sie kommen mit ihrem Glauben, mit ihrer Hoffnung und mit ihrer Frage nach Gott, nach einer menschenwürdigen Zukunft und dem „gerechten Anteil an den Früchten des Landes“, wie die Bibel es sagen würde. Haben wir ein Ohr für sie?

Stefan Taeubner SJ
stefan.taeubner(at)Jesuiten.org

Pater Stefan Taeubner SJ (54) ist Gefängnisseelsorger in der JVA Dresden und Seelsorger für Katholiken vietnamesischer Sprache im Bistum Dresden-Meißen.

letzte Aktualisierung am 07.05.2016