Deutsche Provinz der Jesuiten

Trau deinen Träumen! - Gottes Wirklichkeit ist erfahrbar

.... Jakobs Traum von der Himmelsleiter - Adam Elsheimer

Vor mir sitzt ein etwa dreißigjähriger Rechtsanwalt und erzählt: "Mir ist klar geworden, dass ich so nicht weiter machen kann und auch nicht weiter machen will. Ich bin jetzt drei Jahre im Beruf. Und ich denke mir, nein, das will ich nicht den Rest meines Lebens machen. Schriftsätze verfassen und verschicken. Mit anderen über Erbsachen streiten. Immer über Erbsachen. Und da kommen so schlimme Dinge zutage. Der Gier wird alles geopfert. Nein, das macht mir ganz krank!"

"Ja, und?" "Ja, und ... Mir ist eingefallen, dass ich schon als Kind eine ganz andere Vision hatte. Ich war Messdiener. Und da habe ich davon geträumt, einmal Priester zu werden. Ich habe es sogar zu Hause gespielt. Zusammen mit meiner Schwester. Damals habe ich auch regelmäßig gebetet. Und das war etwas Schönes und sehr Persönliches. Also so mit eigenen Worten zu beten. Aber dann kam die Pubertätszeit und alles Bisherige geriet in eine Krise. Von Kirche und so war ich erstmal weg. Aber dann während der Studentenzeit kam das Gebet langsam wieder. Und ab und zu auch mal der Gedanke, was ganz anderes zu machen, Priester zu werden oder in einen Orden zu gehen."

"Und?" "Ja, ich hab mich einfach nicht getraut. Meinem Traum nicht getraut. Das wäre doch verrückt, habe ich mir gesagt. Und man wird doch für verrückt erklärt. Wenn ich mir vorstelle, das sage ich mal meinen Eltern. Sie sind ganz gut christlich, aber das wäre zu viel für sie. Und noch dazu mit dem ganzen Missbrauchsskandal im Rücken. Unmöglich! Die Tochter eines befreundeten Ehepaares hat mal vorgehabt, ins Kloster zu gehen. Was da los war! Alle haben dagegen geredet. Nein, heute Priester oder Ordenschrist zu werden, das stößt oft innerhalb der Kirche, gerade in der Kirche auf ganz viel Widerstand, ja, auf Angst und so was wie Panik. So blieb bei mir alles nur in Gedanken und wurde vom Alltag verschluckt. Aber die konkrete Berufserfahrung jetzt bringt alles wieder hoch. Was kann ich nun machen?"

"Trauen Sie Ihrem Traum!"

Solche und ähnliche Gespräche habe ich schon oft geführt. Es gab früh schon mal einen Traum. Aber er wurde vergessen. Es gab einen Ruf. Aber er war so leise und wurde übertönt. Es ist gar nicht immer so, dass es den Ruf erst so spät gibt - "spätberufen" ist ja ein richtiger Fachausdruck geworden. Stimmt oft eigentlich nicht! Sollte man nicht lieber sagen, wie es mir jemand jetzt über seinen Weg mitteilte: spät gehört oder auch spät darauf gehört oder spät gefolgt, nicht spät berufen? Vielleicht liest ja jemand jetzt diese Zeilen und erinnert sich, dass er, dass sie auch mal einen Traum hatte, einen Ruf, der auch immer mal wieder kam. Muss gar nicht Priester oder Nonne sein, kann auch einfach ein Traum von einem Leben mit Gott, von einem Leben aus dem Glauben sein, von einem Leben für andere sein. Trauen Sie Ihren Träumen! Lassen Sie diese Träume nicht total im Sand des Alltagsgeschehens versinken! Sie rufen in sinnvolleres und größeres Leben.

Es ist nicht immer möglich, noch Nonne oder Priester zu werden. Aber zu einem Leben aus dem Glauben, zu einem Leben mit Gott ist es nie zu spät. Und Sie müssen damit auch nicht warten, bis sie ins Kloster oder ins Priesterseminar aufgenommen werden. Nein, sie können heute damit beginnen. Trauen Sie Ihren Träumen! Sie können wahr werden! Und es gibt immer noch überraschende Wege und Wenden. Das habe ich auch schon oft erlebt. Und dafür bin ich so dankbar. Wie zum Beispiel nur acht Tage Stille und Gebet, eine Erfahrung machen lassen, die einen ganz neuen Geschmack am Leben und ins Leben bringt. Kann jeder machen. Wird überall unter dem Titel "Exerzitien" angeboten. Gottes Wirklichkeit ist erfahrbar. Er spricht zu uns. Er klopft an. Leise, unaufdringlich, aber hartnäckig. Immer wieder.

Trauen Sie Ihrem Traum!

Das wünscht Ihnen
Thomas Gertler SJ

Pater Thomas Gertler SJ (*1948) war als Novizenmeister und in der Priesterausbildung tätig. Seit 2009 ist er Kirchlicher Assistent und Nationalpromotor für die Gemeinschaft Christlichen Lebens (www.gcl.de).

Der Text ist der aktuelle Wochenimpuls auf "Update Seele", einem Internetprojekt von Thomas Gertler SJ.

letzte Aktualisierung am 07.05.2016