Deutsche Provinz der Jesuiten

Wunschzettel

Über die Dankbarkeits- und die Wunschgalerie

Auf der Spirituale-Konferenz hatte jeder Teilnehmer einen großen weißen Bogen Papier erhalten. "So, dann legen Sie das Blatt bitte im Querformat vor sich hin und falten es einmal der Länge nach in der Mitte durch." 25 Spirituale schauen fragend zum Referenten, und ehe der sich versieht, haben einige das Blatt schon falsch, nämlich im Hochformat in der Mitte, gefaltet.

Nach einiger Aufregung, unter viel Lachen und durch Abgucken beim Nachbarn liegt schließlich vor jedem der Teilnehmer ein im Querformat gefalteter Bogen Papier, der durch zwei weitere Falze in etwa sechs gleich große Rechtecke unterteilt war, drei oben, drei unten.

Das Ganze war kein Origami-Kurs, sondern lief unter dem Titel Biografiearbeit. "Hier sind Buntstifte und Wachsmalkreiden, bedienen Sie sich! Denn Sie bekommen jetzt ausreichend Zeit, um in die oberen drei Felder drei Begebenheiten aus Ihrem Leben zu malen, an die Sie sich gerne erinnern und für die Sie dankbar sind. In die unteren Felder malen Sie bitte drei Wünsche, drei Dinge, die Sie gerne noch erleben möchten."Alle wurden sofort nachdenklich, deckten sich mit Stiften ein, und es wurde still im Raum. Vom jüngsten bis zum ältesten Spiritual, jeder saß hingebungsvoll malend vor seinem Blatt Papier. Keiner ist aus der Übung ausgestiegen. Beim anschließenden Austausch in Kleingruppen wurde das ein oder andere Bild mit den Worten "Ich kann nicht gut malen ..." eingeleitet, aber alle haben die Übung gerne gemacht, und ich kann mich nicht erinnern, dass bei jemand ein Feld leer geblieben ist.

Die Übung aus der Biographiearbeit ist bezaubernd, sie weckt Dankbarkeit und Lebenslust. Ich habe sie in mein Repertoire für Gruppenarbeiten aufgenommen, und selbst in Predigten als Gedankenspiel zeigt sie ihre Wirkung. Ich lade die Hörerinnen und Hörern ein, wenigstens gedanklich zu skizzieren, welche drei Bilder sie für die obere Reihe, die Dankbarkeitsgalerie, und welche sie für die untere, die Wunschgalerie, malen möchten.

Beim letzten Mal kam nach der Predigt ein Hörer auf mich zu und sagte mir mit einem glücklichen Gesichtsausdruck: "Ich habe mein Bild gefunden, ich weiß, was ich noch erleben möchte!" "Wie wunderbar, das freut mich!" Ich wollte an der Kirchentür nicht zu neugierig sein. Deshalb habe ich nicht weiter nachgefragt, aber wir haben uns beide zufrieden schmunzelnd die Hand geschüttelt.

In der Predigt hatte ich erzählt, dass ich mit Blick auf die Kirche für meine Wunschgalerie ein Bild malen möchte, das Unbeschwertheit ausdrückt. Mir kommt vor, vieles in der Kirche ist so schwer, so bedrückend geworden. Deshalb habe ich ein fröhliches Fest, mit einem ausgelassenen Tanz gemalt, der uns alle mitnimmt und außer Atmen, aber heiter, gemeinsam lachend zurücklässt.

Wieder zur Biographiearbeit: Weihnachten ist nicht mehr weit. Warum nicht auch als Erwachsener einen Wunschzettel abgeben? Einen Wunschzettel besonderer Art. Buntstifte müsste jeder zu Hause haben und wenn nicht, sie kosten nicht die Welt. Sie wissen ja jetzt, wie man das Blatt richtig faltet und dann kann es los gehen!

Die obere Blatthälfte, die Dankbarkeitsbilder, sind hierbei nicht zu unterschätzen! Sie sind die Grundlage, ein gutes inneres Fundament für meine Wünsche. Es wünscht sich besser, wenn man dankbar ist, dann geraten die wirklich wichtigen Dinge leichter in den Blick, als wenn man aus einem Mangel und dem Gefühl, zu kurz zu kommen, heraus Wünsche formuliert.

Für die untere Reihe wünsche ich Ihnen Lebenslust und Lebensfreude! Drei Bilder, die das zum Ausdruck bringen, sind meines Erachtens viel mehr Wert als drei Vorsätze zu Neujahr, die man mühsam mit durch das neue Jahr schleppt und die keinerlei inspirierende Kraft haben, weil sie wenig oder nichts mit Freude am Leben zu tun haben.

Viel Freude beim Malen!

Bernhard Heindl SJ

Pater Bernhard Heindl SJ (*1965) ist 1993 in den Jesuitenorden eingetreten. Von 2005 bis 2011 war er Leiter der Katholischen Glaubensinformation Berlin, und von 2011 bis 2014 war er für die Berufungspastoral und die Ausbildung des Jesuitenordens in Deutschland verantwortlich. Seit 2014 ist er als Spiritual und Priesterseelsorger am Kleinen Michel in Hamburg.

letzte Aktualisierung am 06.12.2017