Eduard Profittlich SJ verhalf als Bischof von Tallinn der Kirche Estlands zu neuem Leben. Als er im Zweiten Weltkrieg das Land verlassen sollte, entschied er sich dafür, bei seiner Herde zu bleiben. „Ich muß sagen, daß der Entschluß zwar einige Wochen Vorbereitung kostete, ich ihn dann aber nicht etwa mit Furcht und Angst gefaßt habe, sondern sogar mit großer Freude“, schrieb Pater Profittlich in seinem letzten Brief an seine Geschwister. Wenige Monate später starb er in russischer Gefangenschaft, noch bevor ein gegen ihn ausgesprochenes Todesurteil vollstreckt werden konnte. Am 6. September 2025 wurde Eduard Profittlich SJ seliggesprochen – als erster Seliger Estlands.
Von Toni Witwer SJ
Eduard Profittlich: Der erste Selige Estlands
„Was nun die Zukunft angeht, so weiß ich natürlich nicht, was kommen wird. Keiner kann die Entwicklung der Dinge mit Sicherheit voraussagen. Eines aber weiß ich jetzt sicher: Es ist der Wille Gottes, daß ich hier bleibe und ich bin froh darüber und gehe mit großem Vertrauen der Zukunft entgegen. Was auch immer kommen mag, ich weiß, Gott wird mit mir sein. Und dann wird schon alles gut sein. Und mein Leben und wenn es sein soll mein Sterben, wird ein Leben und Sterben für Christus sein. Und das ist so überaus schön.“
Eduard Profittlich SJ wurde am 11. September 1890 in Birresdorf bei Ahrweiler geboren. Nach seinem Abitur wollte er gleich in die Gesellschaft Jesu eintreten, doch da seine Eltern dies nicht wollten, führte ihn sein Weg zunächst für zwei Semester in das Priesterseminar in Trier. Ein Jahr später entschied er sich jedoch, diesen Schritt zu machen, und so begann er 1913 das Noviziat in ’s-Heerenberg in den Niederlanden. Im März 1922 empfing er die Diakonenweihe und im August die Priesterweihe.
Profittlichs Liebe zu Estland
Da sich Eduard Profittlich für die Mission in Russland gemeldet hatte, wurde er zur Fortsetzung seiner theologischen Studien für zwei Jahre nach Krakau geschickt. Er wirkte drei Jahre als Volksmissionar in Oppeln, ehe er für zwei Jahre als Kaplan, vor allem für die Polenseelsorge, an den Kleinen Michel in Hamburg kam. Im Dezember 1930 brach er für die „Ostmission“ in Estland auf und wurde Pfarrer der Kirche St. Peter und Paul in Tallinn. Schon ein halbes Jahr später, im Mai 1931, ernannte ihn Papst Pius XI. zum Apostolischen Administrator von Estland.
Er lernte die estnische Sprache und trug dazu bei, die katholische Kirche bekannt und in der estnischen Gesellschaft sichtbar zu machen. Um die seelsorgliche Betreuung der auf das ganze Land verstreuten Gläubigen unterschiedlicher Nationalität und Sprache zu verbessern, gründete er neue Pfarreien. Es gelang ihm, den Religionsunterricht in einigen Schulen und auch in verschiedenen Sprachen einzuführen. Weil er sich ganz mit seiner pastoralen Sendung identifizierte und zutiefst mit der Bevölkerung Estlands verbunden fühlte, bat er um die estnische Staatsbürgerschaft, die ihm 1935 verliehen wurde. Im November 1936 wurde er zum Titularerzbischof von Hadrianopolis ernannt und einen Monat später, am 27. Dezember, in der Kirche St. Peter und Paul in Tallinn zum Bischof geweiht. Seit dem 17. Jahrhundert war er der erste in Estland wirkende katholische Bischof.
Große Veränderungen unter Hitler und Stalin
Mit dem Molotov-Ribbentrop-Pakt hatten Hitler und Stalin im August 1939 nicht nur einen Nicht-Angriffs-Pakt geschlossen, sondern auch die zwischen ihnen liegenden Länder aufgeteilt und sich auf die Überführung von deutschen, ukrainischen oder weißrussischen Minderheiten in ihren eigenen Machtbereich geeinigt. Nicht nur der im Juni 1940 begonnene Einmarsch des sowjetischen Militärs in Estland folgte der Logik dieser Vereinbarung, sondern auch die dann folgende Aufforderung an alle Volksdeutschen, zurück nach Deutschland zu gehen.
Diese Anordnung brachte Bischof Eduard Profittlich in einen inneren Konflikt. Es ging um die Frage: Soll er, wie angeordnet, nach Deutschland zurückkehren – oder soll er auf seine deutsche Staatsbürgerschaft verzichten und die sowjetische annehmen, um so in Estland bei seiner Herde bleiben zu können?
Eine schwere Entscheidung – aber die richtige
Wie es Bischof Eduard Profittlich nach der sowjetischen Machtübernahme in Estland ging und was ihn bewegte, wird am besten aus seinem am 8. Februar 1941 an seine Geschwister geschriebenen Brief deutlich:
„Es wird das ein Abschiedsbrief sein, ein Abschiedsbrief vielleicht nur für Monate, vielleicht auch für Jahre, vielleicht auch für immer. […] Man hatte mir dringend geraten, als Deutscher auch an dieser Umsiedlung teilzunehmen. Es gab verschiedene Gründe, die mir den Gedanken der Umsiedlung nahe legten. Ich kann diese Gründe hier nicht im einzelnen darlegen. Jedenfalls waren die Gründe so stark, dass ich mich ernstlich mit dem Gedanken der Umsiedlung befaßte und schon nahe daran war, mich auch bei der Kommission zur Umsiedlung zu melden. Da aber fügten sich verschiedene Umstände in meinem Leben so ganz eigenartig, daß ich erkannte, daß es Gottes Wille sei, daß ich hier bleibe. Den Ausschlag gab dann ein Telegramm von Rom, aus dem ich erkannte, daß dieser Entschluß auch dem Wunsche des Hl. Vaters entspreche.“
Er weist sie danach auf die Konsequenzen seines Entschlusses hin und nennt dabei als erste Konsequenz das Ende der Korrespondenz, da er sich nach dem Abzug der deutschen Gesandtschaft durch einen Briefverkehr mit deutschen Staatsbürgern verdächtig machen würde. Die zweite Konsequenz ist, dass er zu einem Sowjetbürger wird, der sich restlos dem Sowjetstaat unterstellt: „Da Ihr wißt, daß der Sowjetstaat im Prinzip religionsfeindlich eingestellt, im besonderen aber die Katholische Kirche mit schiefen Augen ansieht, dann werdet Ihr verstehen, daß dieser Entschluß von weittragenden Folgen sein kann“.
„Trotzdem also menschlich gesprochen die Zukunft nicht gerade sehr angenehm sein wird, habe ich doch den Entschluß gefaßt, hier zu bleiben. Es geziemt sich ja wohl, daß der Hirte bei seiner Herde bleibt und mit ihr Freude und Leid gemeinsam trägt. Und ich muß sagen, daß der Entschluß zwar einige Wochen Vorbereitung kostete, ich ihn dann aber nicht etwa mit Furcht und Angst gefaßt habe, sondern sogar mit großer Freude.“
Am Ende seines Briefes dankt er noch einmal allen für ihre Liebe wie auch für die Spenden für seine Mission in Estland, er bittet sie aber auch um ihr Gebet für ihn. Mit dem bischöflichen Segen „aus der Ferne“ grüßt er seine Geschwister ein letztes Mal als ihr Eduard.
Ein klarer Blick für alle Konsequenzen
Bischof Profittlich war sich seiner großen Verantwortung wie auch der Tragweite seiner Entscheidung bewusst. Im November 1939 hatte er vor dem ganzen Klerus von Estland und in Anwesenheit des Apostolischen Nuntius die Gelegenheit, alle Anwesenden in bewegenden Worten aufzufordern, mutig die Verfolgung zu ertragen und möglicherweise auch das Martyrium, wenn dies für das Wohl der Seelen und der Kirche notwendig sein sollte.
Die positiven Auswirkungen seiner Entscheidung erlebte er nicht nur an sich selbst als innere Freude und tiefe Dankbarkeit, sondern auch durch die Erfahrung der „Liebe und Dankbarkeit bei den Menschen, als sie hörten, dass er nun sicher hierbleiben werde“. Seine Entscheidung war für sie ein Trost, da sie sich dadurch geschätzt erfuhren, gleichzeitig gab sie ihnen aber auch neuen Mut und Hoffnung in einer schweren Situation, weil sie nicht im Stich gelassen wurden, sondern wussten, dass er ihren Weg mit ihnen gehen wird.
Im Januar 1941 zogen sich sämtliche Patres aus Estland zurück – Eduard Profittlich blieb als eine der wenigen Ausnahmen. Die erste große Welle der Deportationen ereignete sich im Juni: Rund 15.000 Esten wurden in Gefangenenlager nach Russland gebracht. Die sowjetischen Behörden nahmen systematisch die Führungskräfte aus gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen fest. In den frühen Morgenstunden des 27. Juni 1941 wurde das Haus von Eduard Profittlich gestürmt und der Erzbischof unter Spionageverdacht verhaftet. Er äußerte den Wunsch, ein letztes Gebet in der Kirche sprechen zu dürfen, und segnete noch die Ordensfreuen, die ihn begleiteten, bevor er abgeführt wurde.
Nach der Verhaftung von Bischof Eduard Profittlich SJ gab es durch ein halbes Jahrhundert keine gesicherten Informationen über sein weiteres Schicksal. Obwohl er von den Kommunisten gleichsam totgeschwiegen wurde, blieb unter den Gläubigen in Estland, wie auch in seiner Familie und seiner Heimatpfarrei St. Stephan in Leimersdorf die Erinnerung an ihn stets lebendig. Alle kirchlichen Bemühungen, nach der Verhaftung auch nur irgendetwas über seinen weiteren Verbleib in Erfahrung zu bringen, waren erfolglos geblieben. Erst 1990, nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, gaben die russischen Machthaber die Erlaubnis für den Zugang zu Dokumenten, die Deportation Bischof Eduard Profittlichs betreffend.
Nach fast 50 Jahren endlich Gewissheit
Mit dieser schriftlichen Mitteilung war erstmals auch sein Todestag bekannt geworden: Er starb am 22. Februar 1942 im Gefängnis in Kirov, noch vor der Vollstreckung des am 16. Januar ausgesprochenen Urteils zum Tod durch Erschießung. Durch die der katholischen Kirche Estlands ausgehändigten Kopien über die Zeit von seiner Gefangennahme bis zu seinem Tod wurde nun auch das von Bischof Profittlich durchgemachte Martyrium erst wirklich deutlich und öffentlich bekannt, sodass sein Sterben von den Gläubigen unmittelbar als das eines Märtyrers begriffen wurde.
Auf dem Weg zur Seligsprechung
Die für die Causa von Bischof Eduard Profittlich zusammengetragenen Dokumente lassen uns deutlich erkennen, was er bis zu seinem Sterben im Gefängnis in Kirov alles durchgemacht hat und dass sein Tod wahrhaft der eines Märtyrers war. Sie zeigen uns aber auch, wie er selbst im Glauben ringen musste und nur mit Gottes Hilfe dann jene Entscheidung treffen konnte, die sein Leben auf einen Weg zum „Martyrium“ gelenkt hat.
Eduard Profittlich SJ wurde am 6. September 2025 in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, seliggesprochen.
Den ganzen Beitrag von Toni Witwer SJ zu Eduard Profittlich können Sie in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ nachlesen.
Zur Person:
Pater Witwer ist Vorarlberger und ist als Priester in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Die letzten beiden Jahrzehnte lebte er in Rom, hatte verschiedene Aufgaben an der Generalskurie inne und unterrichtet Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Von 2018 bis 2025 war er Superior der Jesuiten in Graz und als Seelsorger im Zentrum für Theologiestudierende und für Akademiker tätig. Seit Sommer 2025 ist Pater Witwer Rektor des Jesuitenkollegs in Innsbruck.
Wissenswertes
SJ-Geschichte
"Tradition ist bewahren und bewegen": der Blick in die Geschichte eröffnet Perspektiven für die Zukunft. Gegründet durch Ignatius von Loyola (1491-1556) waren die Jesuiten die erste Ordensgemeinschaft, deren Ziele ganz von Mission und Lehre geprägt waren. Durch seine starke missionarische Ausrichtung entsprechend der Losung „Gott in allen Dingen finden“ und das Bestreben der Ordensmitglieder, auch die weltliche Umgebung entsprechend ihrer Sendung zu verändern, war der Orden in seiner Geschichte immer umstritten. Einerseits unterstützten die Jesuiten oft kompromisslos die päpstliche Autorität, andererseits geriet der Orden mehrmals in Konflikt mit der Amtskirche. 1773 wurde er sogar ganz aufgelöst. Aber immer wieder hat sich der Jesuitenorden regeneriert und eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervorgebracht.
Lebensgeschichten
Jeder Jesuit ist ein Mensch, der in den Exerzitien darum betet, Gott in allem bereitwilliger zu lieben und zu dienen. So viele Wege es gibt, Gott zu suchen und zu finden, so viele unterschiedliche Wege gibt es im Orden, wie Jesuiten ihre eigene Berufung gefunden und in ihrem Leben Ausdruck gegeben haben. Bis heute stellen sich nach dem Vorbild des hl. Ignatius Jesuiten in der ganzen Welt in den Dienst an Gott und den Menschen. Sie alle sind sich bewusst, dass sie als Sünder berufen sind, der Gemeinschaft anzugehören, die mit dem Namen Jesu bezeichnet wird. Oftmals wird gerade in den Brüchen und Widersprüchen der Biografien und sogar im äußerlichen Scheitern sichtbar, was es bedeutet, "unter dem Banner des Kreuzes“ zu leben und Christus immer mehr nachzufolgen. Gottes- und Nächstenliebe sind immer miteinander verknüpft, und die Beziehung zu Gott realisiert sich in den Beziehungen zu den Mitmenschen und umgekehrt.