Jesuiten 2025-1 (Österreich-Ausgabe)

Entsteht eine Beziehung, ein Resonanzraum, der sich von mir als Beraterin und Seelsorgerin durch Einfühlung, durch Fragen, durch gezielte Strukturierung zu möglicherweise neuen Perspektiven für die Ratsuchenden entwickelt? Entscheidend scheint eine gute „Auftragsklärung“ zu sein. Warum ist jemand gerade heute zum Gespräch gekommen, was gab den letzten Anlass? Gibt es eine konkrete Frage oder Entscheidungssituation, einen inneren oder äußeren Konflikt? Und was lässt sich heute in dem Zeitrahmen, den ich anbieten kann, klären? Was einfach klingt, ist es nicht immer: Mein Gegenüber ist so belastet, springt von einem Thema zum anderen, bietet viele Details an und ist hoch emotional. Ich selbst muss all mein Feingefühl bei gleichzeitig großer Entschiedenheit und Klarheit aufbieten, um das Gespräch zu strukturieren zu der Frage hin: „Was möchten Sie HEUTE klären?“. Dann gibt es die anderen, die ebenso belastet, aber verbittert und verstummt sind, die schon resigniert haben und überhaupt keinen Sinn, keine Perspektive und Hoffnung mehr sehen. Sie können gar nicht benennen, warum sie da sind, nur, „dass ES – diese Belastung, dieser Schmerz – aufhören soll!“. Dann gibt es die, die mit so viel Wut gegen andere kommen, die an ihrem Schicksal und Leid vermeintlich schuld sind und die möchten, dass diese anderen sich ändern. Die „Auftragsklärung“ ist Knochenarbeit. Manchmal benötigt sie den ganzen zur Verfügung stehenden Zeitraum, doch das macht sie nicht überflüssig – im Gegenteil. Gerne mag ich von einer Auftragsklärung erzählen, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: Vor vielen Jahren kam eine Dame in die Beratung. Christin, Pfarrgemeinderatsmitglied, aktive Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. Sie und ihre Familie hatten sich eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings angenommen und diesen immer wieder in die Pfarrei-Aktivitäten und auch ihre Familien integriert. Er machte eine Ausbildung und lebte dann nach einigen Jahren sein eigenes Leben. Die Dame suchte Rat, weil der junge Mann seit einigen Monaten sie immer öfters auch mitten in der Nacht anrief, sichtlich bedrückt und auch betrunken. Sie verstand gar nicht, wie das hatte passieren können bei all der Unterstützung. Auch berichtete sie von einem schlechten Gewissen, ihm Grenzen zu setzen, wollte ihn nicht fallen lassen. Aber gleichzeitig konnte sie nach den nächtlichen Anrufen nicht mehr schlafen, machte sich Sorgen und war morgens in ihrem Berufsalltag völlig gerädert. So sprachen wir über die mögliche Co-Abhängigkeit der engagierten Frau und ihre Möglichkeiten, sich abzugrenzen, ohne dem jungen Mann das Gefühl zu geben, ihn fallen zu lassen. Sie bejahte das alles, blieb aber unruhig. Als wir das Gespräch eigentlich schon beenden wollten und der „Auftrag der Beratung“ schon erfüllt schien, sagte sie tief erschüttert: „Wissen Sie, ich dachte immer, die Liebe vermag alles“. Wir setzten uns wieder und sprachen anschließend über ihre Glaubens-Enttäuschung, dass Jesu Verheißung nicht „stimme“, dass selbst die größte Hilfe und Liebe nicht alles „gut“ werden lasse, dass wir und auch Gott nicht anderen unsere Liebe aufzwingen können. Es war für uns beide eine sehr berührende Erfahrung, dass manch vordergründigem Auftrag ein noch existenziellerer zugrunde liegen kann, den es nicht zu übersehen gilt. Sybille Loew ist katholische Theologin und Leiterin der ökumenischen Krisenberatungsstelle „Münchner Insel“. Die „Auftragsklärung“ ist Knochenarbeit. Foto: © Foto-Video-Studio/iStock.com 9 SCHWERPUNKT

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