Jesuiten 2025-1 (Österreich-Ausgabe)

Die Täuschungen des Alters Aufhören? Loslassen? Für viele Jesuiten ist das so realistisch wie fliegen ohne Flügel. Doch das Altern hält Überraschungen bereit, wenn man sich traut. Wir Jesuiten definieren uns meist stark über Arbeit und Leistung – auch wenn wir es nicht gerne zugeben. Im aktiven Leben üben wir sinnvolle Tätigkeiten aus und genießen Wertschätzung und Anerkennung. Damit aufzuhören, ist nicht leicht. Wenn Aufhören statt Weitermachen angesagt ist, täuschen sich manche in zweifacher Hinsicht. Nicht nur für uns Jesuiten ist die erste Täuschung: Altwerden und Aufhören ist nur eine abstrakte Möglichkeit. Sie mag für andere gelten, „aber nicht für mich“. Da ist der hochbetagte Wissenschaftler, der noch ein wichtiges Buch schreiben will und sich dieser Aufgabe – anders als seine Angehörigen und Freunde meinen – gut gewachsen fühlt. Da ist der wichtige Redebegabte, der von einer Einladung zur nächsten fahren muss. Vorzugsweise reist er mit dem Auto an. Über seine Fahrtauglichkeit gehen die eigene Sichtweise und die seiner Mitmenschen erheblich auseinander. Dass die Welt sich längst weitergedreht hat und dass seine Auftritte wie aus der Zeit gefallen wirken, übersieht er konsequent. Die zweite Täuschung besteht darin: Aufhören und Loslassen beginnt erst dann, „wenn es so weit ist“. – „Ja natürlich ziehe ich mal in eine Pflegeeinrichtung, aber nicht jetzt“, sagt einer, der stramm auf die 90 zugeht. Er muss dringend noch wichtige Aufgaben zu Ende bringen. Danach können wir darüber reden. „Ja klar muss ich mal abgelöst werden“, sagt ein anderer. Aber weil keiner so gut in die vielfältigen Anforderungen seiner Tätigkeit Einblick hat wie er selbst, wird das dauern. In einem Jahr vielleicht könnte das sein oder noch etwas später. Jetzt ist es noch zu früh. Die narzisstische Kränkung, dass es nun um Aufhören und nicht um Weitermachen geht, scheint zu groß und unerträglich. Was ist die Alternative zu diesen beiden Täuschungen? Sehr nützlich und hilfreich wird es sein zu überlegen: • Was geht im Alter nicht mehr? • Was geht nach wie vor? • Und was geht erst jetzt? Den letzten Punkt übersehen manche. Dabei ist er der wichtigste. Nicht jeder findet in vorgerückten Jahren zu Altersmilde und Altersweisheit und zur inneren Gelassenheit, am Leben der nächsten und übernächsten Generation liebevoll Anteil zu nehmen, statt ungefragt gute Ratschläge zu erteilen. Aber keiner ist darauf festgelegt, den Versuch nicht zu wagen. Auch im hohen Alter kann man noch viele Überraschungen erleben. P. Hermann Kügler SJ ist Pastoralpsychologe und Seniorendelegat der Jesuiten, also der Beauftragte des Provinzials für die älteren Mitbrüder. Foto: © live2/photocase.com 12 SCHWERPUNKT

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