Jesuiten 2025-1 (Österreich-Ausgabe)

Aufhören – ein Wort voller Gegensätze Scheitern ist nicht das Ende. Manchmal ist es nur eine notwendige Pause, um Neues zu schaffen. Die militärische Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Überfall war für mich eine Zäsur. Etwas in meinem Selbstbild, meinem Selbstverständnis hatte sich grundlegend gewandelt. Auf der Suche nach einer Haltung zu dieser Unterstützung oder Ablehnung und deren jeweiligen Folgen habe ich mich von meiner ursprünglichen pazifistischen Grundhaltung distanziert – ich hörte auf, ein Pazifist zu sein. In meinem Leben kenne ich das Aufhören wie wohl jeder Erwachsene. Manchmal ist es schön – wenn Zahnschmerzen aufhören, Angst, ein Albtraum. Manchmal ist es aber auch traurig – wenn ein Urlaub aufhört, ein schöner Tag oder gar eine Beziehung. In Bezug auf meinen Beruf als Musiker und Komponist fragte ich mich konkret: Was passiert für mich beim Aufhören einer Komposition? Mir fiel zunächst auf, wie uneindeutig das Wort „Aufhören“ ist. Gerade beim Komponieren betrachtete ich es zunächst als ein Beenden, Vollenden. Allerdings habe ich es auch schon als Abbruch erlebt, als Nicht-Finden einer Lösung, als Aufgeben. Auch eine Mischung dieser beiden Möglichkeiten habe ich schon erlebt. Ich glaubte, etwas abzubrechen, weil ich nicht mehr weiterwusste. Nach längerer Zeit konnte ich aber weiterarbeiten und stellte im Nachhinein fest, dass der scheinbare Abbruch nur eine Pause war, offensichtlich notwendig für eine Lösung. Ich verbinde also mit dem Begriff „Aufhören“ völlig Gegensätzliches, das auch extrem gegensätzliche Emotionen auslöst: Einerseits bin ich beglückt – ich habe etwas geschaffen, das es vorher so noch nicht in unserer Welt gab. Im anderen Fall bin ich äußerst frustriert – ich konnte meine Aufgabe nicht erfüllen, ich bin gescheitert! Jeder Anfang beinhaltet immer beide möglichen Ausgänge: Die Freude über eine gelungene Lösung entsteht nur durch die Möglichkeit des Scheiterns. Das Scheitern muss ich also immer mit in Betracht ziehen und akzeptieren. Es ist Teil des möglichen Erfolges. Zurück zum Ausgangspunkt, der Frage meiner ursprünglich pazifistischen Haltung: In dieser Sache muss ich sagen, dass ich mich als gescheitert betrachte. Im Pazifismus sehe ich in diesem Fall keine Lösung. (Die Gründe zu erläutern, würde hier den Rahmen sprengen). Das bedeutet aber Kampf und Leid, Aufrüstung und Ratlosigkeit. Meine Hoffnung ist, dass es, wie vorher bei den Kompositionen beschrieben, nur eine Pause ist, ein Im-Moment-nicht-weiterwissen und letztlich kein Abbrechen, dass wir also als (Welt-)Gesellschaft eine wirksame gewaltfreie Antwort auf jede Form von Gewalt finden können. Mike Rausch ist Musiker, Komponist und Lehrer. Er komponiert für Film und Stummfilm, Theater und Tanztheater sowie Installationen (u. a. Lutherjubiläum in Worms). 16 SCHWERPUNKT

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