Jesuiten 2025-1 (Österreich-Ausgabe)

Es kann gelingen! Warum ist es besser, von Neuanfang statt von Aufhören und von Verwandlung statt von Veränderung zu sprechen? Ein Gespräch mit der Psychotherapeutin Dr. Ingeborg Peng-Keller. Frau Peng-Keller, warum fällt es vielen Menschen so schwer, mit etwas aufzuhören, das ihnen nicht guttut? Eine der größten Illusionen in unserer Gesellschaft ist der Glaube, dass wir in unserem Wollen rational sind. Viele denken, dass sie einfach aufhören könnten, wenn ihr Leben in die falsche Richtung läuft. Doch in der Praxis merken wir schnell, dass das sehr schwierig ist. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitswesen – und das ist auch gut so, sonst müssten wir unser Leben jeden Tag neu erfinden, was enorm viel Kraft kosten würde. Was macht „Aufhören“ so schwierig? Der Begriff ist negativ konnotiert. Menschen hören ungern auf, ohne eine Alternative zu haben. Deshalb ist es erfolgversprechender, wenn wir ein negatives Verhalten durch ein positives ersetzen können. Wenn ich ein positives Ziel vor Augen habe, kann ich mich viel leichter auf einen Prozess der Verwandlung einlassen. Wie lange dauert eine solche Verwandlung? Ein solcher Prozess braucht sehr viel Zeit, oft Monate oder sogar Jahre. In meiner Arbeit im Strafvollzug habe ich erlebt, wie tiefgreifende Verwandlungen nach langer Zeit möglich werden. Aber auch im normalen Leben braucht es Geduld – mit Rückschlägen, Misserfolgen und den damit verbundenen Enttäuschungen. Denken Sie nur an Neujahrsvorsätze, die oft schnell scheitern. Gibt es Faktoren, die einen Neuanfang begünstigen? Ja, es gibt drei wesentliche Aspekte: Erstens kommen viele Menschen erst dann ins Handeln, wenn sie an ihre Grenzen stoßen – sei es durch starken Leidensdruck oder äußere Zwänge. Zweitens braucht es einen geschützten Raum, in dem wir offen über unsere Sehnsüchte und Fantasien sprechen können, ohne Angst vor Verurteilung. Und drittens ist die Erkenntnis wichtig, dass wir alle in gewisser Weise abhängig sind. Abhängigkeit ist in unserer Gesellschaft oft negativ besetzt. Wie sehen Sie das? Unsere leistungsorientierte Gesellschaft setzt auf individuelle Unabhängigkeit, wodurch Abhängigkeit oft als Schwäche gilt. Doch es kommt immer darauf an, von wem wir abhängig sind. Wir sind von Anbeginn des Lebens an auf andere angewiesen, und das bleibt ein Leben lang so. Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche, sondern ein Schlüssel zum Neuanfang – sei es in einer geistlichen Begleitung oder durch eine Therapie. Gibt es für Sie so etwas wie Wunder in diesem Prozess? Ja, absolut. Wenn Menschen erleben, dass sie nicht perfekt sein müssen, weder nach außen noch vor sich selbst, dann kann Verwandlung geschehen. Und mit Gottes Hilfe können auch heute noch Wunder geschehen. Interview: P. Mathias Werfeli SJ Ingeborg Peng-Keller Klinische Psychologin und Psychotherapeutin, arbeitete 15 Jahre im Schweizerischen Strafvollzug. Daneben ist sie ausgebildete Geistliche Begleiterin und Kursleiterin für kontemplative Exerzitien. 17 SCHWERPUNKT

RkJQdWJsaXNoZXIy MjIwOTIwOQ==