Rechtzeitig aufhören, Gutes zu tun Gedanken von P. Ludger Joos SJ über den Umgang mit To-Do-Listen, den eigenen Ansprüchen und der Bedeutung von bewusstem Innehalten. Es ist Abend. Die Sonne hat sich schon länger verabschiedet. Die Straßenlaternen übernehmen ihren Dienst, damit niemand stolpert oder sich an einem Hindernis wehtut. Die Fenster in der Nachbarschaft sind erleuchtet. In manchen sieht man das Flimmern eines Bildschirms. Ich sitze an meinem Schreibtisch und gehe meine heutige To-Do-Liste durch. Bei den meisten Dingen kann ich einen Haken machen. Jeder Haken ist ein kleiner Genuss. Ich habe etwas erledigt. Das macht mich zufrieden. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Im Laufe des Tages haben sich auch ein paar zusätzliche Punkte auf die Liste geschummelt. Ich spüre den Impuls: Das machst du jetzt noch schnell fertig, dann ist es geschafft. Wie oft bin ich in meinem Leben diesem Impuls gefolgt: Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Dann war es plötzlich später Abend und ich saß immer noch am Schreibtisch – auf der Jagd nach Häkchen, die ich auch noch hinter die letzten Punkte meiner To-Do-Liste machen wollte. Heute lasse ich das. Irgendwann begann ich, schlechter zu schlafen. Die Freude am Erledigen von Aufgaben ist der Erschöpfung gewichen. Wenn ich heute Gutes tun will, dann muss ich rechtzeitig aufhören, Gutes zu tun. Auf die Dauer kann ich nur Gutes tun, wenn ich es auch rechtzeitig loslassen kann. Oder besser: Ich kann Gutes tun, wenn ich genug Zeit habe, das Gute auch zu „verkosten“, wie der heilige Ignatius sagen würde. Ein Häkchen hinter einem erledigten Punkt meiner To-Do-Liste ist kein Verkosten. Es ist eher wie ein Instantkaffee, den man in einem Zug runterschüttet. Verkosten braucht Zeit. Heute Abend koche ich mir einen Tee und lasse ihn einige Minuten ziehen. In dieser Zeit nehme ich schon mal mein Tagebuch zur Hand, wickle mich in eine warme Decke und setze mich in meinen Lesesessel. Dort schreibe ich auf, was mir am heutigen Tag wichtig war. Das merke ich daran, dass es in mir noch nachklingt. Das können auch manchmal Punkte meiner ToDo-Liste sein. Meistens sind es Begegnungen mit Menschen, die mir noch nachhängen. Bis ich damit fertig bin, ist mein Tee meist lauwarm. Das macht nichts. Dafür ist mein Herz ein wenig wärmer. Warm genug, dass ich Gott danken kann für all das Herzerwärmende. Dann bitte ich noch um Segen und Schutz für die Nacht und den neuen Tag … mit seiner je eigenen To-Do-Liste, die ich aber – aus Prinzip – nie ganz abarbeite. P. Ludger Joos SJ ist nach seiner Ausbildung zum Gymnasiallehrer 1996 in den Orden eingetreten. Nach zehn Jahren Seelsorge am Kolleg St. Blasien und sechs Jahren als Pfarrer und Cityseelsorger in Göttingen lebt er nun in München. Bild links: SJ-Bild, Bild: rechts © a_sto/photocase.com 22 GEISTLICHER IMPULS
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