Jesuiten 2025-1 (Österreich-Ausgabe)

Millionen von Menschen dich definieren, beendest. Und du verlässt eine Bühne, die für viele Menschen ein so großes Faszinosum bedeutet, in der du Jahrzehnte nicht nur dabei, sondern mittendrin warst. Dabei sein durftest! Gelebte Emotionalität Abseits der Feierlichkeiten suche ich auf dem Spielfeld meinen eigenen Platz. Wie in einem Spielfilm rasen inmitten der riesigen Arena und 68.000 Zuschauern Jahrzehnte harter Arbeit an mir vorüber, unglaubliche Erlebnisse und Augenblicke großer Spiele in Stadien rund um den Erdball, polarisierende Entscheidungen, Begegnungen mit Menschen auf dem Spielfeld, vor allem aber außerhalb des Spielfeldes, Leidenschaft und Liebe zu meinem so exponierten sportlichen Hobby. Gelebte Emotionalität, zugegeben feuchte Augen und Gänsehaut, definitiv einschneidende Sekunden. Einmal ganz tief durchatmen, den letzten Moment im Stadion nochmal genießen – und dann kam der Augenblick, den ich nie vergessen werde. Die einfache Frage, die uns immer dann begegnet, wenn Entscheidungen Realität werden: War das richtig? Unterschiedlicher konnten die Reaktionen auf mein Wochen zuvor angekündigtes Karriereende aus der Glitzerwelt des Fußballs nicht sein. Verständnis und Respekt auf der einen Seite, auf der anderen Seite versuchten Autoritäten des Sports, mein persönliches sportliches Umfeld, die Familie und Freunde, Menschen, die nah an mir und dem Schiedsrichter Markus Merk waren, mich umzustimmen, machten sich ihre eigenen Gedanken über meine Beweggründe und sogar den persönlichen Zustand von mir. Loslassen – aber selbstbestimmt Von dem Moment des freiwilligen Schlusspfiffes an ist die Antwort auf die Frage „War das richtig?“ bis heute eindeutig. Ja! Es fällt mir gar umso schwerer nachzuvollziehen, wenn Menschen in Sport, Politik, Unternehmen, Wirtschaft oder in anderen Bereichen unserer Gesellschaft an ihrer Position kleben, gar mit Ellbogen und gegen Regeln des Fairplays Menschen und Fortschritt verhindern. Ich durfte persönlich in diesem Bereich alles erleben. Als der kleine, fußballverrückte Junge, dessen Elternhaus gerade mal 300 Schritte hinter dem berühmten Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern steht, habe ich 1988 meinen persönlichen großen Traum, einmal ein Spiel in der Bundesliga zu pfeifen, gegen alle Widerstände erreicht. Und ich durfte 20 Jahre Zugaben erleben. Erstens war es die große Dankbarkeit dafür, die mir meinen selbstbestimmten Schlusspfiff leicht gemacht hat. Und zweitens wollte ich mir meine Energie erhalten, auf dem Höhepunkt nach der dritten Wahl zum Weltschiedsrichter des Jahres abtreten und diese Energie für mein berufliches Umfeld, meine Familie, auch für mich und neue Aufgaben nutzen. Loslassen, dem Abpfiff viele neue Anpfiffe folgen lassen. In vielen Lebensbereichen müssen wir Abschied nehmen, es liegt nicht immer in unserer Hand, aber in den meisten Bereichen haben wir eine Wahl, die eine Entscheidung, aber auch Mut verlangt. Mein Schlusspfiff 2008 war so eine Entscheidung, auch so viele Jahre später definitiv eine der besten meines Lebens. Dr. Markus Merk ist dreifacher Fußball- Weltschiedsrichter, Ausdauersportler, Entwicklungshelfer, Unternehmer und Keynote- Speaker. Bild: © TerryJ/iStock.com War das richtig? Die Antwort ist eindeutig: ja! 3 SCHWERPUNKT

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