Jesuiten 2025-1 (Österreich-Ausgabe)

„Was machen Sie da?“ Schwester Albertis Baumann hört nie auf, für andere da zu sein. Mit einem Herzen voller Mitgefühl zeigt sie, dass Loslassen nicht Stillstand bedeutet – und dass eine Bahnfahrt manchmal der Beginn einer wunderbaren Begegnung sein kann. Sr. Albertis, was war für Sie ein hartes Aufhören? Jeder Prozess des Loslassens von Beziehungen. Ich arbeitete 27 Jahre als Sozialpädagogin in der Erziehungsberatungsstelle in Ludwigshafen am Rhein. Im Kreis von sieben Kolleginnen und Kollegen war ich die einzige Ordensfrau. Gemeinsam begleiteten wir viele schwierige Kinder und deren Familien. Und dann kam das altersbedingte unfreiwillige Aufhören mit 65 Jahren. Es fiel mir sehr schwer, dass ich nicht mehr zu diesem Team gehörte. Hilfreich war für mich die Stelle als ehrenamtliche Seelsorgerin im Krankenhaus. Wir haben dort vier Stationen Psychiatrie, eine Tagesklinik und zwei Stationen Geriatrie. Die Patienten konnte ich gut verstehen und auf ihrem Weg mitgehen und sie begleiten. Was war für Sie ein Aufhören mit einer gewissen Leichtigkeit? Im Ruhestand kann ich sagen: „Jetzt bin ich Freifrau.“ Jetzt sind nur kleine Verpflichtungen zu erfüllen, ich bin freier für spontane Begebenheiten wie dieses Erlebnis: Ich fuhr einmal in der Straßenbahn in die Stadt. Ich saß ganz hinten. Weiter vorn war ein Mann, den ich aus unserer psychiatrischen Station kannte. Sichtlich nicht ganz bei sich fuchtelte er mit seinen Händen, schimpfte vor sich hin und verstörte die Straßenbahngäste. Da fingen einige ebenfalls zu schimpfen an und plötzlich waren es viele: „Können die sich nicht anständig benehmen!“ „So jemand kann man doch nicht frei herumlaufen lassen!“ „In was für einer Gesellschaft leben wir hier eigentlich?“ „Einsperren sollte man solche Leute!“ Ich bin nach vorne gegangen und stand neben dem Mann. Große Verwunderung! „Was machen Sie da?“ Er kannte mich und wurde still. „Rücken Sie mal, ich setze mich neben Sie. Ich fahre dorthin, wo Sie auch hinfahren, und jetzt unterhalten wir uns ganz normal.“ Das Geschrei und die Unruhe waren weg. Wir haben uns, bis wir ausstiegen, ganz normal unterhalten. Ich kann es einfach nicht haben, wenn man über solche Menschen abfällig urteilt. Haben Sie im Orden junge Schwestern? Ja, aber leider nicht bei uns. Nachwuchs haben wir in Angola, in Indien, Portugal. Für uns ist jetzt die letzte Phase unseres Lebens dran, mit der Aufgabe, einander zu helfen, um diese Zeit gut und bewusst zu leben. Indirekt konnte ich dazu Erfahrungen sammeln in der geriatrischen Abteilung unseres Krankenhauses. Zu Beginn tat ich mich schwer. Hier saß ich oft am Bett, wenn jemand starb. Es brauchte seine Zeit, bis ich mich dafür gewappnet hatte. Eine Krankenschwester hat mich gelehrt, nicht einfach nur mitzuweinen, wenn jemand gestorben ist: „Das kannst du nicht machen, du musst die Angehörigen trösten.“ Interview: Br. Matthias Rugel SJ Sr. Albertis Baumann ist Niederbronner Schwester und lebt mit 27 Mitschwestern in der Kommunität beim Krankenhaus zum Guten Hirten in Ludwigshafen Bild rechts: privat; Bild links; SJ-Bild 5 SCHWERPUNKT

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