Jesuiten 2025-4 (Österreich-Ausgabe)

2025-3 2023-4 Jesuiten 2025-4 Wunder

Jesuiten2025-4 © Andreas Felger 1 Editorial Schwerpunkt 2 Pedro Arrupe in Lourdes 4 Philosophisches Staunen – zwischen Verwunderung und Bewunderung 6 Die Wunder Jesu 8 Bilder der Wunder des heiligen Ignatius 10 Vom Zweifeln und Sich-Wundern 11 Die Welt ist wunderfähig 12 Was, wenn das Wunder ausbleibt? 14 Mehr als ein Wunder 15 Mit dem Namen ansprechen 16 Gebrochene Naturgesetze? 18 Wunder 20 Wunder: Zeichen für das Reich Gottes Geistlicher Impuls 22 Ein Wunder mit Schrammen: Weihnachten Was macht eigentlich …? 24 P. Marc-Stephan Giese SJ Nachrichten 26 Nachrichten aus der Provinz Personalien 29 Jubilare und Verstorbene 30 Personalnachrichten 31 Medien/Buch Vorgestellt 32 Berufungscampus in Frankfurt Österreich 34 Auf den Spuren der Jesuitenreduktionen in Lateinamerika Wenn die Bibel von Wundern erzählt, dann passieren die meist nicht einfach so für sich, sondern es tritt eine Art himmlisches Begleitpersonal auf. Oft sind es Engel, die dann wie Sachverständige die neue Situation erklären. In diesem Heft über Wunder spielen Engel auch bei der Bildredaktion eine Rolle. Andreas Felger zählt zu den bedeutendsten Künstlern in den Fächern Aquarell, Holzschnitt und Ölmalerei. In diesem Jahr feierte er seinen 90. Geburtstag. Die Aquarelle zeigen Engel mit ganz unterschiedlichem Charakter. Die Farbwelten der Bilder treffen zudem die Aussage: Das Leben – was für ein Wunder! Stefan Weigand, Bildredaktion

„Wunder gibt es immer wieder“, sang Katja Ebstein beim Eurovision Song Contest 1970. Stimmt das? Der Blick in die Nachrichten kann einen daran zweifeln lassen. Viele Situationen in unserem Leben scheinen festgefahren und ohne Ausweg zu sein. Oft bleibt doch immer alles beim Alten, und die Dinge nehmen ihren gewöhnlichen Lauf. Wo ist das Eingreifen Gottes in einer Welt, die in ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten gefangen scheint, die nicht immer in die Richtung führen, die das Evangelium anzeigt? Aber der Schlager von Katja Ebstein geht noch weiter: „Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch seh’n.“ Vielleicht geschehen ja tagtäglich Wunder vor der eigenen Haustür, und wir laufen blindlings an ihnen vorbei? Wundern wir uns nicht ganz selbstverständlich und jeden Tag? Wir staunen gelegentlich über unerwartete Wendungen, die das Leben für uns bereithält. Und auch wenn wir sonst nicht immer viel Anlass zu Zuversicht haben, kann uns doch in der Natur etwas von der Schönheit der Schöpfung aufgehen. Wenn wir die grünen Bäume, die bunten Blumen und den blauen Himmel sehen, wundern wir uns manchmal: „What a wonderful world!“ Auch das Alltägliche kann wunderbar sein. An Wundern scheiden sich die Geister. Manche wollen sie überall sehen, andere nirgendwo. Die Wirklichkeit liegt oft zwischen den Extremen und ist vielfältiger und überraschender, als es unsere Annahmen manchmal gerne hätten. Mal bleibt ein erbetenes Wunder aus, mal tritt eines ungebeten ein. Die Bandbreite der menschlichen Erfahrung (oder: Nicht-Erfahrung) von Wundern ist groß. Innerhalb dieser Bandbreite wollen wir eine Auswahl von Perspektiven bieten. Wir hoffen, dass Sie sich darin wiederfinden können, und wünschen eine wundervolle Lektüre unseres Heftes. Allen Autorinnen und Autoren danken wir herzlich für Ihre Beiträge. Konrad Glosemeyer SJ und P. Manfred Grimm SJ Liebe Leserin, lieber Leser,

Pedro Arrupe in Lourdes Der Baske Pedro Arrupe SJ war einer der prägendsten Generaloberen der Gesellschaft Jesu im 20. Jahrhundert. Hier beschreibt er, wie ein Heilungswunder, das er in Lourdes erlebte, ihn ins Noviziat der Jesuiten brachte. Mein erstes eucharistisches Erlebnis hängt mit meiner Berufung als Jesuit zusammen. Während einer Prozession mit dem Allerheiligsten in Lourdes wurde ich auf dem Platz vor der Basilika Zeuge eines Wunders. Ein paar Wochen nach dem Tod meines Vaters war ich mit meiner Familie nach Lourdes gefahren, wo wir den Sommer in einer ruhigen, friedvollen und religiösen Atmosphäre verbringen wollten. Es war im August. Ich selbst blieb einen vollen Monat in Lourdes. Da ich Medizin studierte, erhielt ich eine Sonderbewilligung, um die heilungsuchenden Kranken aus der Nähe beobachten zu können. Eines Tages stand ich mit meinen Schwestern auf dem Platz vor der Basilika. Kurz vor Beginn der Prozession mit dem Allerheiligsten ging eine Frau in mittleren Jahren, die einen Rollstuhl vor sich herschob, an uns vorüber. Eine meiner Schwestern rief: „Schaut den armen 2

P. Pedro Arrupe SJ wurde 1907 in Bilbao geboren und erlebte als Missionar in Japan den Abwurf der Atombombe in Hiroshima. Von 1965 bis 1981 war er der Generalobere der Jesuiten. In dieser Zeit lag sein Augenmerk auf der Erneuerung des Apostolats der Jesuiten durch den Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit. Arrupe verstarb nach längerer Krankheit 1991 in Rom. Portrait Arrupe © SJ-Foto; Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger Jungen im Rollstuhl!“ Es war ein junger Mann von etwa 20 Jahren, der von der Kinderlähmung ganz verkrüppelt war. Seine Mutter betete laut den Rosenkranz, und von Zeit zu Zeit seufzte sie: „Heiligste Maria, hilf uns!“ Es war eine ergreifende Szene, und ich erinnerte mich der Bitte, mit welcher sich der Kranke im Evangelium an Jesus wandte: „Herr, reinige mich von diesem Aussatz!“ Die Mutter beeilte sich, ihren Platz in der vordersten Reihe einzunehmen, dort, wo der Bischof mit dem Allerheiligsten in der Monstranz vorbeikommen würde. Der Augenblick kam, wo der Bischof den jungen Kranken mit der Hostie segnete. Dieser schaute mit dem gleichen Vertrauen zur Monstranz hin, mit dem der Lahmgeborene im Evangelium zu Jesus aufschaute. Der Bischof machte mit der Monstranz das Zeichen des Kreuzes, da erhob sich der junge Mann geheilt von seinem Rollstuhl. Die Umstehenden schrien voller Freude: „Ein Wunder! Ein Wunder!“ Da ich eine Spezialerlaubnis hatte, konnte ich nachher bei der ärztlichen Untersuchung dabei sein. Der Herr hatte ihn wirklich geheilt. Ich bin unfähig, euch jetzt zu schildern, was ich in jenen Momenten fühlte und dachte. Ich kam von der medizinischen Fakultät in Madrid, wo ich so manche ungläubigen Professoren und Kameraden kannte, die sich über Wunder nur lustig machten. Nun war ich aber Augenzeuge eines wirklichen Wunders geworden, das Jesus Christus in der Eucharistie gewirkt hatte. Derselbe Jesus Christus hatte im Laufe seines Lebens so viele Kranke und Lahme geheilt. Ich freute mich grenzenlos. Als ich auf diese Weise seiner Allmacht gewahr wurde, erschien die Welt um mich herum ganz klein. Ich kehrte nach Madrid zurück. Die Bücher fielen mir aus der Hand. Die Vorlesungen und Experimente, die mich vorher so begeistert hatten, kamen mir öde vor. Meine Kameraden fragten mich: „Was ist mit dir los? Du hast ja deinen Kopf verloren!“ Ja, ich war tatsächlich außer mir, dachte ich doch nur noch an die zum Segnen erhobene Hostie und an den gelähmten Jungen, der aus dem Rollstuhl sprang. Drei Monate später trat ich ins Noviziat der Gesellschaft Jesu in Loyola ein. Der Herr unterwies mich in derselben Weise wie in den Evangelien. Durch seine Wunder und seine Lehre erweckte er in mir den Glauben und die Liebe, sodass er mir sagen konnte: „Lass alles und folge mir!“ Zitiert nach: Pedro Arrupe, Erfahrungen mit der Eucharistie. Kanisius-Verlag, Freiburg im Üechtland, 1981, S. 16–19 Als ich auf diese Weise seiner Allmacht gewahr wurde, erschien die Welt um mich herum ganz klein. 3 SCHWERPUNKT

Philosophisches Staunen – zwischen Verwunderung und Bewunderung Philosophisches Staunen ist ein existenzielles Erleben, das uns über das bloße Fragen hinausführt und uns in eine neue Beziehung zu uns selbst und zur Welt eintreten lässt. Gedanken von Florian Arnold. Platon hat in seinem Dialog Theaitetos, der sich mit der Frage beschäftigt, was wir über Wissen wissen können, das Staunen als die eigentümliche Haltung und den eigentlichen Anfang der Philosophie bezeichnet. Seitdem wundert man sich gewissermaßen immer weniger darüber, was das im Grunde heißen mag. Dass auch sein eigensinniger Schüler Aristoteles oder „der Philosoph“, wie ihn Thomas von Aquin schlicht nannte, ihm hierin beipflichten sollte, tat wohl das Übrige dazu, dass wir uns von dieser Frage nicht weiter beirren lassen. Das griechische Wort thaumázein (staunen oder sich wundern) scheint demnach etwas wie ein akuter Wissensdurst, eine lauernde Neugier oder auch eine Form der bereitwilligen Begeisterung zu sein oder zumindest so zu erscheinen. Schaut man bei Platon an der berühmten Stelle (Theaitetos 155d) jedoch etwas genauer hin, stößt man auf eine weiterführende Bemerkung, die das Staunen deutlicher in die Nähe von Ver- und Bewunderung oder überhaupt eines Wunders rückt. Platon stimmt dem Dichter Hesiod dort zu, dass Iris, die Götterbotin, eine Tochter des Meeresgottes Thaumas sei. Auch wenn Thaúmas und thaumázein in Wahrheit keine etymologische Verwandtschaft aufweisen, bleibt Platons Hinweis aufschlussreich: Iris ist wörtlich zugleich der Regenbogen und damit nicht allein ein natürlicher Grund zum Staunen, sondern ein übernatürliches Zeichen der Verbundenheit von Himmel und Erde oder auch eines Bündnisses zwischen Gott und Mensch. Was hier bestaunt wird, meint also nicht nur ein kleines Naturwunder. Die Verwunderung erschöpft sich auch nicht darin, dass eine physikalische Erklärung den Wissensdurst und die Neugier stillte. Was ein philosophisches Fragen dagegen anstößt, ist vielmehr ein Herausfallen aus der herkömmlichen Welt, sei es der physikalischen oder der des Alltags. Das philosophische Staunen ist vielmehr ein meta-physisches. Doch was heißt das im Grunde? Worüber geraten wir ins Staunen? Was wundert uns dabei? To cut a long story short oder um die Standardstory der Philosophiegeschichte zusammenzufassen: Wir staunen über uns selbst. In manchen Situationen wundern wir uns dermaßen, dass wir zugleich über unser schieres In-der-Welt-Sein erstaunen. So berichtet schon Platon, wie sein Lehrer Sokrates für Stunden in Gedanken versunken auf der Stelle verharren konnte. Dieses metaphysische Staunen ist selbst ein philosophisches Wunder: eine Verwunderung, die zur Konversion, zum Anfang eines Einstellungswechsels gegenüber der eigenen Existenz werden kann und wurde. Damit kann ein Gefühl des Weltverlustes und der Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger 4 SCHWERPUNKT

Dr. Florian Arnold lehrt an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Der Privatdozent ist Redakteur der Philosophischen Rundschau und Co-Host von ARNOLD&ARNOLD. Sterblichkeit einhergehen: Angst, Scham oder Ekel; in manchen Fällen aber auch das ihrer (Wieder-)Gewinnung. Jedenfalls sind es diese Ereignisse, die erst eine philosophische Begeisterung auslösen. Und mitunter sogar eine leise Bewunderung für die unvermittelten Wendungen ungekannter Zuwendung? Portrait © privat 5

Die Wunder Jesu Wenn es heute keinen Platz mehr für Wunder gibt, warum faszinieren uns die Wundergeschichten der Bibel immer noch? Diesen Fragen geht Alois Prinz nach. Mit meinem Jesus-Buch, das für Jugendliche und Erwachsene gedacht ist, mache ich auch Lesungen in Schulen, wobei es keine Lesungen im üblichen Sinn sind, sondern mehr Gespräche. Meistens ist es nur eine Frage der Zeit, bis es um Wunder geht. Die Jugendlichen sind einerseits fasziniert von den Wundergeschichten der Bibel, halten sie aber andererseits für „fantastische Geschichten“, von denen man „heute“ weiß, dass sie nicht wahr sein können. Dahinter steckt die Vorstellung von Wunder als Ereignis, das im Widerspruch steht zu den Naturgesetzen. Gibt es heute, in unserer aufgeklärten Zeit, keinen Platz mehr für Wunder? Anstatt von Wunder spreche ich lieber von Heilung. Als Johannes der Täufer Jesus fragen lässt, ob er der Kommende sei, antwortet dieser mit dem Hinweis auf seine heilenden Taten: Blinde sehen, Lahme gehen. Auffällig ist, dass Jesus, der Heiland, einem Kranken immer die Freiheit lässt, sich ihm zu öffnen oder sich zu verschließen. Jesus sucht das Vertrauen der Menschen. Ohne Vertrauen gibt es für ihn keinen Glauben. Ohne Vertrauen kann er nicht heilen. Wenn sich Menschen Jesus gegenüber öffnen, lässt er sich seinerseits auf deren besondere Situation ein. Kranke wie einen Blinden (Joh 9–12) oder einen Taubstummen (Mk 7,31– 37) behandelt er mit großer Sanftheit und Zärtlichkeit, oft auch mit körperlicher Berührung. Andere wie den Besessenen von Gerasa (Mk 5,1–20) packt er etwas härter an. In allen Fällen jedoch versucht er, einen Raum des Vertrauens zu schaffen. Heilung ist nur möglich, wenn der oder die Kranke mithilft. So werden Kräfte, die schon in ihm stecken, aktiviert und verstärkt. Jesus wusste aber auch um den Zusammenhang von Schuld und Krankheit. Darum sagt er einem Gelähmten erst die Vergebung seiner Sünden zu, bevor er ihm befiehlt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ (Joh 5,8) In den Berichten über Wunderheilungen bedeutet Glaube also nicht, dass die Kranken gesund werden, wenn sie unbeweisbare Behauptungen für wahr halten. Er bedeutet, dass die Menschen, denen sich Jesus als Heiland zuwandte, von einer Kraft ergriffen wurden, die stärker war als sie. Die Kraft erfüllte, verwandelte, heilte sie. Es ist eine göttliche Kraft. Das heißt, Jesus konnte, wie es im JohannesEvangelium heißt, „nichts von sich aus tun“ (Joh 5,19), sondern er vermochte nur in der „Vollmacht“ zu handeln, die ihm von seinem Vater gegeben war. Jesus war somit ein Empfangender, der diese wundermächtige Kraft weitergab an die Menschen, die dadurch seelisch und körperlich geheilt wurden. Er gab sie weiter, nicht als eine Botschaft, nicht wie ein Rezept und schon gar nicht wie die Anweisungen eines Ratgebers zur Selbstoptimierung. Er verkörperte dieses Vertrauen, er strahlte es aus, man kann sogar sagen: Er war diese Kraft. Menschen, die Jesus begegneten, reagierten sehr unterschiedlich auf dieses Kraftfeld. Manche waren voller Hoffnung, manche baten Jesus, dass er ihnen zum richtigen Glauben verhelfe, und für andere war er eine Gefahr, eine Bedrohung. Der Besessene von Gerasa beschimpfte Jesus, wollte, dass er weg geht, ihn in Ruhe lässt. Jesus merkte, dass bei diesem zerrissenen Menschen die Sehnsucht, geheilt zu werden, so groß war wie seine Angst, von seiner Krankheit, die für ihn eine Zuflucht war, befreit zu werden. Er hatte sich vor seiner Le6 SCHWERPUNKT

bensangst, seinen Schuldgefühlen und seinen Selbstzweifeln geflüchtet in eine Einsamkeit, die ihm Sicherheit gab. Jesus ließ sich nicht vertreiben, und er wandte eine „Therapie“ an, die aus heutiger Sicht geradezu märchenhaft erscheint. Er erlaubte den Dämonen in diesem Mann in eine Schweineherde zu fahren, und diese Herde stürzte den Steilhang hinunter und ertrank im Meer. Dieser rätselhafte Vorgang ist für uns moderne Menschen nicht mehr so fremd, wenn wir bedenken, dass seelisch Kranke auch heute noch geheilt werden können, wenn sie Ängste und Aggressionen „ausagieren“. Oder dass sie von Traumata befreit werden, wenn sie verdrängte Erfahrungen nochmals durchleben. Jesus war aber mehr als ein Therapeut. Menschen, die von ihm geheilt wurden, umschreiben die Wirkung als ein Ganzwerden an Leib und Seele, als eine Versöhnung mit sich selbst, mit der Welt und mit Gott. Jesus behielt seine Fähigkeit zum Heilen nicht für sich. Er sandte seine Jünger aus und gab ihnen „die Kraft und die Vollmacht“ (Lk 9,1), damit sie, wie er, Menschen heilen. So kann diese heilbringende Kraft durch die Zeiten wirken. Immer wieder hat es Menschen gegeben, die in sich eine Stärke erfahren haben, von der sie wussten, dass sie nicht aus ihnen kommt oder die wie Teresa von Avila behaupten konnten: „Das ist nicht aus meinem Kopf!“ Solche Menschen können auch heute noch auf andere heilend wirken oder zu Taten fähig sein, die wir als Wunder begreifen. Portrait © privat; Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger Alois Prinz studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und ist freischaffender Schriftsteller. Er veröffentlichte Biografien u. a. über Jesus von Nazareth, Hermann Hesse, Ulrike Meinhof und Franz von Assisi. 7

Bilder der Wunder des heiligen Ignatius Ignatius von Loyola wurde früher oft als Wundertäter dargestellt. Heute erscheinen diese Bilder möglicherweise etwas entlegen, andere Ignatius-Bilder sind geläufiger geworden. P. Manfred Grimm SJ über das Wunder der Heiligkeit im Bild. Die großen Ordensgründer, unter ihnen Ignatius von Loyola, sind in der bildenden Kunst oft als Wundertäter dargestellt worden. Wunder fungieren als Belege für die Heiligkeit des Gründers und damit für die göttliche Anerkennung der Gemeinschaft, die auf ihn zurückgeht. Die erste große Ignatius-Vita von Pedro de Ribadeneira SJ enthält nach etlichen Abschnitten über das Leben und die besonderen Tugenden des Heiligen auch ein Kapitel, in dem die Wundertaten des Gründers der Gesellschaft Jesu aufgelistet werden. Peter Paul Rubens malte um 1617 für die Jesuitenkirche in Antwerpen die Wunder des Heiligen Ignatius als Altarbild (heute im Kunsthistorischen Museum Wien). Eine Gruppe von sichtbar leidenden Personen steht darin dem Heiligen gegenüber, der sie mit zum Himmel erhobenem Blick segnet. Böse Geister entfahren mit Qualm und Feuer dramatisch den gewundenen Körpern. Auch in der kleinformatigen Druckgrafik begegnet uns Ignatius als Wundertäter; beispielsweise in einer Serie, die Hieronymus Wierix Anfang des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden produziert hat. Auf einem der Bildchen (s. Abb.) wird Ignatius gezeigt, wie er einen Fallsüchtigen durch Handauflegung heilt. Eine Gruppe von Angehörigen des Kranken steht um diesen herum, Ignatius neigt sich zu ihm. Im Unterschied zu Rubens wird hier nichts gezeigt, was sich nicht außerhalb eines Bildes ereignen könnte. Andere Kupferstiche der Reihe zeigen Dämonenaustreibungen und die Rettung von Suizidalen – all dies als getreue Illustration von Ribadeneiras Bericht und in naturalistischer Manier, für die das Wunder nur ein weiteres Register des Sichtbaren zu sein scheint. Heute sind diese Darstellungen für unsere Vorstellung von Ignatius wohl nicht mehr bestimmend. Auch die Ignatius-Vita des Ribadeneira spielt keine große Rolle mehr. Die Ausgaben der heute verbreiteteren und prägenderen Autobiographie des Heiligen von Loyola, des Berichts des Pilgers, tragen in der Regel ein schlichtes Porträt des Ignatius auf dem Umschlag. Jetzt ist man, wenn die Bild-Entscheidungen der Herausgeber richtig liegen, weniger am äußerlichAußergewöhnlichen interessiert, sondern am menschlichen Angesicht, ohne den Dunst des Wunderbaren, der dieses verschatten könnte. Der geistliche Weg, den ein Mensch „wie wir“ gegangen ist, steht im Fokus. Doch auch wenn wir Heiligkeit heute eher als innere Qualität verstehen, bleibt sie etwas nicht weniger Erstaunliches. Für Rubens und Wierix war sie vermutlich ebenso ungewöhnlich wie für uns. Und es könnte sein, dass ihre Bilder genau dieses Erstaunen, jedes auf seine Art, als ein sichtbares Phänomen abbilden. 8 SCHWERPUNKT

P. Manfred Grimm SJ studierte Philosophie und Kunstgeschichte in München, Theologie in Paris und war dazwischen zwei Jahre in der Jugendarbeit der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) in Hamburg tätig. Er lebt in Wien, wo er in der Pfarre am Lainzerbach Kaplan ist und das Studium der Kunstgeschichte fortsetzt. Hieronymus Wierix, Vita B.P. Ignatii de Loyola Fundatoris Societatis Iesu, Antwerpen, zwischen 1611 und 1615. Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (public domain) Portrait © SJ-Bild 9 SCHWERPUNKT

Vom Zweifeln und Sich-Wundern Uta Poplutz denkt ausgehend vom Neuen Testament darüber nach, wie Wunderglaube und Skepsis sich zueinander verhalten. Wunder sind fremde Gäste in unserer vermeintlich rational aufgestellten Welt. Zugleich sind sie, um ein bekanntes Wort Goethes aufzunehmen, „des Glaubens liebstes Kind“. Dieser Befund gilt in gesteigerter Form auch für die neutestamentlichen Wundererzählungen: Soll und kann man als aufgeklärter Mensch im westlichen Europa unseres Jahrhunderts wirklich glauben, dass Jesus über das Wasser gelaufen ist (vgl. Mk 6,48f. parr.) oder dass er seinen schon im Verwesungsprozess befindlichen Freund Lazarus durch einfachen Zuruf wieder zum Leben erweckt hat (Joh 11,38–44)? Und wie verhält es sich mit dem Ereignis von Kana in Galiläa, wo Jesus als Gast einer Hochzeit dem Bräutigam die Peinlichkeit erspart, der feiernden Gesellschaft mitteilen zu müssen, dass der Wein ausgegangen sei, und das Problem kurzerhand behebt, indem er Wasser in köstlichen Wein verwandelt (Joh 2,1–11)? Zweifel über die historische Zuverlässigkeit dieser Schilderungen sind nicht nur angezeigt, sondern den Erzählungen inhärent: Wundergeschichten wollen widerständige Zeichen sein, die genau darum das Potenzial haben, über den eingespielten oder erwartbaren Horizont hinauszuführen und eine neue Perspektive zu eröffnen. Ein Zeichen ist dadurch charakterisiert, dass es auf etwas anderes verweist. Und so öffnen Wundererzählungen unsere wahrnehmbare, irdische Realität für die Möglichkeiten Gottes. Jesus, so der Glaube, handelt auf charismatische Weise im Namen Gottes, den er vertrauensvoll Abba, Vater, nennt (z. B. Mk 14,36). Und er handelt wundertätig, um menschliche Not zu lindern und existentiellen Mangel zu beheben. Die Wunder nehmen die Negativitäten menschlicher Realität ernst und wenden sie zum Guten. Zugleich stellen sie – wie in Kana – eine faszinierende Fülle bereit, die schon jetzt auf die Endzeit verweist. Eingebettet in die erzählte Zeit der Evangelien stehen im Hintergrund der Wundererzählungen die Osterereignisse, die Jesus als Sohn Gottes zeigen. Da man in biblischer Logik nicht werden kann, was man nicht immer schon ist, handelt bereits der irdische Jesus in göttlicher Vollmacht. Davon zeugen seine Wundertaten. Das wiederum lässt sich historisch nicht beweisen, sondern nur glauben. Zum Glauben gehört der Zweifel als Kehrseite der Medaille dazu. Auch davon berichten die Evangelien: Selbst die engsten Jünger waren nicht vor Zweifeln gefeit (z.B. Mt 28,17). Glaube und Zweifel sind menschliche Haltungen, die jede Form von Beziehung prägen, und die im Laufe des Lebens immer wieder neu ausbalanciert werden müssen. Wenn die Zweifel produktiv und nicht zerstörerisch sind, halten sie unsere Beziehungen wach – auch zu Gott. Und doch bleiben die Wundererzählungen fremde Gäste in unserer Welt. Sie regen dazu an, mit ihnen in Resonanz zu gehen, sich vielleicht positiv darüber zu wundern, dass es mehr gibt, als unsere Weltweisheit erklären kann. Wer dennoch zweifelt, könnte wie Jesus den Mitmenschen in den Blick nehmen: Jesus wendet Not durch Wundertaten. Wenden wir doch einfach menschliche Not durch Taten. Vielleicht ist es zum Wundern, was wir damit auslösen. Prof. Dr. Uta Poplutz hat Theologie in Würzburg studiert, dort zur Wettkampfmetaphorik bei Paulus promoviert und unterrichtet heute Exegese des Neuen Testaments an der Universität Bamberg. Portrait © privat 10 SCHWERPUNKT

Die Welt ist wunderfähig Jungfrauengeburt, Heilungen und eine Welt voller Möglichkeiten: Was bedeuten die Wunder der Bibel für uns im Advent? Dieser Frage geht Konrad Glosemeyer SJ nach. Wir gehen wieder auf Weihnachten zu, auf den Tag, „an dem Maria in unversehrter Jungfräulichkeit der Welt den Erlöser geboren hat“ (Weihnachtsliturgie). Wie Maria damals stellt sich auch uns bei der Jungfrauengeburt und bei anderen Wundern, von denen die Bibel und die christliche Tradition berichten, die Frage: „Wie soll das geschehen?“ (Lk 1,34). „Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein“ (Mt 11,45) – es gibt ihn, den Aspekt des Sensationellen, des Außergewöhnlichen an den Wundergeschichten, der schon die Zeitgenossen Jesu immer wieder verblüffte: „Die Leute waren fassungslos“ (Mk 12,2). Manche dieser Dinge, von denen berichtet wird, lassen sich nicht mit der Vernunft allein, sondern nur im Licht des Glaubens erfassen. Was aber, wenn wir nie solche außergewöhnlichen, die Grenzen des Erklärbaren sprengenden Wunder erlebt, geschweige denn je einen glaubhaften Zeugen solcher Ereignisse getroffen haben? Man könnte meinen, einige Wunder Jesu und der Heiligen spielten sich in einer Art Sonderwelt ab, die nicht die unsrige ist und die mit unserem Leben nichts zu tun hat. Ein Hinweis des Propheten Jesaja, der oft in Zusammenhang mit der wunderbaren Geburt Jesu gebracht wird, kann zu einem besseren Verständnis beitragen: „Der Herr wird euch von sich aus ein Zeichen geben“ (Jes 7,14). Auch im Johannesevangelium werden die Wundertaten Jesu häufig als „Zeichen“ beschrieben (vgl. Joh 2,11). Jene außergewöhnlichen Ereignisse stehen nicht für sich allein, sondern deuten als Zeichen auf etwas anderes hin. Sie sind Aussagen über unsere Welt und darüber, was darin mit Gottes Hilfe möglich ist. Es ist unsere Welt, nicht eine andere, in die Christus auf wunderbare Weise gekommen und in der er Wunderbares gewirkt hat. Unsere Welt ist also wunderfähig. Durch diese verblüffenden, aber seltenen Zeichen öffnet sich für uns ein weiter Raum der wundervollen Möglichkeiten, der Wunder des Alltags: Wenn dieses und jenes durch Gottes Gnade geschehen konnte, wie leicht wird Gott dann erst mit den Dingen fertig, die uns und anderen unmöglich erscheinen. „Das geht doch nicht!“, sagen wir uns vielleicht oft, wenn wir über unsere Träume nachdenken und dabei auf das zurückgreifen, was wir bisher erlebt haben. Aber die Zukunft ist ein weiter, offener Raum und in unserer Welt läuft nicht immer alles nach dem gleichen Schema ab. Wovon träumst du? Würdest du gerne eine schwierige Sprache oder ein Musikinstrument lernen, obwohl du dich nicht für musikalisch hältst? Trau dich und probiere es aus, auch wenn es nicht klappen könnte. Gott hat schon Außergewöhnlicheres gewirkt als das. „Man muss sich auf jeden Fall in die Verfassung bringen, dass die Dinge nicht daran scheitern, dass wir sie Gott nicht zugetraut haben“, schrieb der Jesuit Alfred Delp in seiner Betrachtung zur Pfingstsequenz. Die Welt, ja jeder neue Tag, steckt voller wunderbarer Möglichkeiten. Daran erinnern uns die außergewöhnlichen Zeichen und Wunder, die die Heilsgeschichte hervorgebracht hat. Konrad Glosemeyer SJ studierte vor seinem Ordenseintritt Geschichte, Anglistik und Philosophie. Aktuell absolviert er den Vorbereitungsdienst für das Lehramt an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg. Portrait © SJ-Bild 11 SCHWERPUNKT

Was, wenn das Wunder ausbleibt? Wenn Menschen krank werden, beten viele für ihre Heilung. Doch oft bleibt das erhoffte Wunder aus. P. Julian Halbeisen SJ über den Priester Volkmar Premstaller und das Wunder der Heilung. Für gläubige Christen ist es eine besondere Herausforderung, wenn sie unter einer schweren Krankheit leiden und ein erhofftes Heilungswunder ausbleibt. P. Volkmar Premstaller, ein Priester aus der Diözese Linz und später der Gesellschaft Jesu, erlebte genau diese existentielle Herausforderung. Er starb am 13. September 2009 im Alter von 44 Jahren nach langer, schwerer Krankheit. Neben seiner Begabung für die Auslegung der Heiligen Schrift war P. Premstaller ein talentierter Musiker. Er lehrte von 2003 bis 2008 Altes Testament an der Universität Innsbruck und hatte gerade eine neue Lehrtätigkeit in Rom aufgenommen, als bei ihm die unheilbare Nervenerkrankung ALS diagnostiziert wurde. Diese Krankheit führt zu einem fortschreitenden Verlust motorischer Nervenzellen und damit zu Muskellähmung, Sprech- und Schluckstörungen sowie Atemproblemen. Aufgrund der Krankheit musste P. Premstaller seine Lehrtätigkeit in Rom aufgeben und in ein Hospiz ziehen. Die lebensverändernde Diagnose löste viele Fragen aus: Warum ich? Was bedeutet das für meine Arbeit? Vor allem aber stand die Frage im Raum, wie sich eine unheilbare Krankheit auf seinen Glauben auswirkt. Aus theologischer Sicht gibt es dazu verschiedene Ansätze. Ein zentraler Gedanke ist hierbei die Souveränität Gottes. Auch wenn Gläubige an Gottes Heilungskraft glauben, verstehen sie, dass seine Entscheidungen oft undurchschaubar bleiben. Ein Wunder ist ein außerordentliches Zeichen der Gnade, das nicht erzwungen werden kann und dessen Geschehen allein in Gottes Händen liegt. Oft wird um Heilung gebetet, aber für die Gläubigen gehört dazu, das Ergebnis vertrauensvoll Gott zu überlassen. Die Bitte an Gott „Dein Wille geschehe“ wird in Anlehnung an das Gebet Jesu in Gethsemane gesehen. Die christliche Theologie verbindet menschliches Leid zudem mit dem Leiden Jesu am Kreuz. Christen können ihr eigenes Leid mit dem Leid Christi in Beziehung setzen und so das eigene „Kreuz tragen“. Eine wichtige Rolle spielt auch die Gemeinschaft der Kirche, die den Kranken durch Gebet, Begleitung und praktische Hilfe unterstützt. Das Leid muss nicht allein ertragen werden. Manchmal kann eine Krankheit sogar selbst zum Zeugnis werden, indem der Umgang des Kranken mit dem Leid andere inspiriert und die Kraft Gottes demonstriert. Es ist wichtig, Gefühle wie Trauer, Wut oder Zweifel zuzulassen und diese nicht zu verdrängen. Das Vertrauen auf Gott ermöglicht es, ehrlich mit diesen Gefühlen umzugehen und sie vor Gott zu bringen. Schließlich richtet sich die Hoffnung der Christen nicht nur auf irdische Heilung, sondern auch auf die Verheißung des ewigen Lebens, in dem es weder Leid noch Krankheit gibt. Diese Hoffnung ist eine tragende Säule des Glaubens, die Trost spendet, wenn irdische Heilung ausbleibt. P. Julian Halbeisen SJ ist gelernter Jurist und Mitarbeiter in der internationalen Ordensverwaltung der Jesuiten in Rom. Portrait © SJ-Bild; Aquarell © Andreas Felger 12 SCHWERPUNKT

Mehr als ein Wunder Nicht nur in Religion und Theologie wird von Wundern gesprochen. P. Sebastian Maly SJ stellt vor, was es mit der „Wunderfrage“ in der Kurzzeittherapie auf sich hat. Als ich mir vor einigen Jahren Gedanken darüber machte, eine berufsbegleitende Therapieausbildung zu absolvieren, ist mir ein Buch mit dem schlichten Titel „Mehr als ein Wunder“ in die Hände geraten. Darin stellen zwei amerikanische Psychotherapeut*innen, Steve de Shazer und Yvonne Dolan, die sogenannte „Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie“ vor und zwar anhand der „Wunderfrage“. Diese Frage wird gerne am Anfang einer solchen Kurzzeittherapie gestellt. Sie lautet kurz gefasst so: „Stellen Sie sich vor, heute Nacht geschieht ein Wunder – ganz einfach so, während Sie schlafen. Sie bekommen also nichts davon mit – und das Problem, über das wir gerade sprechen, ist gelöst. Woran würden Sie das merken?“ Wer einem Gegenüber die Wunderfrage stellt, versetzt sie oder ihn also an einen Zeit-punkt, an dem die Lösung sich bereits ereignet hat, also wirklich geworden ist. Das kann oft (nicht immer!) helfen, dass das Gegenüber die Lösung als etwas erlebt, das auch tatsächlich möglich ist – und zwar für sie oder ihn möglich. Die Frage zielt darauf, die Ressourcen, Stärken oder Fähigkeiten des Gegenübers zu aktivieren, die für die Lösungsfindung im Fortgang der Therapie so wichtig sind. Vieles in diesem Buch hat mich fasziniert, besonders aber dieser Umgang mit dem Wunder ließ mich nicht mehr los. Auf eine neue, überraschende Weise erschloss sich mir eine Deutungsmöglichkeit dessen, was wir als Christ*innen glauben, wenn wir über Wunder sprechen. Ein Wunder kann auch darin bestehen, dass sich mein hypnotisch auf mein Problem fixierter Blick auf etwas anderes richten kann; dass ich neue Lebensmöglichkeiten entdecke. Das kann äußerlich völlig unspektakulär sein. Und dennoch sind die Folgen für denjenigen oder diejenige, welche den Blick auf das Mögliche richtet, manchmal wunderbar: Veränderungen werden greifbar, konkrete kleine Schritte können vereinbart werden. Der Münchner Philosoph und Berater Matthias Varga von Kibéd hat dieses Spiel der Wunderfrage mit der schon gegenwärtigen Verwirklichung einer Möglichkeit, die in der Zukunft ergriffen werden kann, mit einer grammatikalischen Besonderheit biblischer Sprachen verglichen. Demnach könne man eine Formulierung, die man mit „Das Himmel-reich ist nahe“ wiedergibt, auch als „Das Himmelreich ist schon mitten unter uns“ übersetzen. Mit anderen Worten: Gerade die biblische Weltsicht geht davon aus, dass jetzt schon etwas von dem wirklich ist, was wir erst in der Zukunft erwarten. Unsere Zukunft mit Gott reicht schon in unsere Gegenwart hinein. Alfred Delp SJ sprach davon, dass die Welt Gottes so voll sei. Wir erlegen uns mit unserem Umgang mit Problemen manchmal so etwas wie selbst gemachte Naturgesetze auf: „Nein, so etwas kann ich auf keinen Fall tun!“ Und wenn doch? Die Wirklichkeit steckt bereits voller Möglichkeiten. Sie zu entdecken und in kleinen Schritten zu verwirklichen – das kann ein Wunder sein. P. Sebastian Maly SJ absolvierte berufsbegleitend eine Ausbildung zum Systemischen Therapeuten (SG/DGSF). Er lebt und arbeitet im Kardinal König Haus in Wien. Portraitfotos © SJ-Bild 14 SCHWERPUNKT

Mit dem Namen ansprechen Wunder gibt es da, wo sich Menschen füreinander einsetzen. P. Markus Inama SJ berichtet vom Wunder (in) der Sozialarbeit. Es mag Lebensbereiche geben, in denen sich Dinge genau planen lassen. Aber wenn es um Menschen oder um das Zusammenleben von Menschen geht, sind unserem Tun Grenzen gesetzt. Wenn ich mich in der Sozialarbeit dafür einsetze, Dinge zu verbessern, braucht es einen langen Atem, weil wir meistens mehrere Niederlagen einstecken müssen, bis sich Erfolge einstellen. Der zweite Teil des ignatianischen Leitsatzes „Handle, als hinge alles von Gott ab“ bewahrt mich davor, Dinge zu persönlich zu nehmen und zu schnell aufzugeben. Das stimmt auch mit einem Vierstufenlernmodell zur Sozialarbeit überein, welches ich in Australien kennengelernt habe. Oft beginnen Menschen mit naiven Vorstellungen, sich sozialen Themen zu widmen. Das ist der Himmel (1). Es folgt die harte Konfrontation mit der Realität, die Hölle (2). Zum Beispiel der Versuch, Drogen konsumierenden Jugendlichen zu helfen. Die nächste Stufe, auf der sich die Sozialarbeit hauptsächlich abspielt, sind die kleinen Fortschritte. Zum Beispiel die Reintegration von Menschen, die auf der Straße gelebt haben (3 – harte Arbeit). Auf der vierten Stufe kann es passieren, dass wir „unbewusst kompetent agieren“. Das kann heißen, dass wir manchmal durch eine spontane Handlung unmittelbar etwas Positives bewirken können. Ob ich etwas als Wunder bezeichne, hängt auch vom Blickwinkel ab. Blumen oder ein Musikstück können Menschen unberührt lassen oder ein Grund zur Freude und zum Staunen sein. Ähnlich ist es mit dem Engagement im sozialen Bereich. Dazu ein Beispiel aus den CONCORDIA-Sozialprojekten in Sofia, wo ich vier Jahre gelebt habe: In den ersten Jahren dieser Zeit hat Valia, eine junge Frau, in unserem Sozialzentrum gewohnt [der Name wurde geändert]. Danach führte sie über Jahre ein annähernd normales Leben. In den letzten Monaten hatte sie einen Rückfall und lebt seither wieder mehr oder weniger auf der Straße. Stanimir, unser Landesleiter in Bulgarien, erzählte mir von folgender Begegnung: Vor Kurzem war er im Rahmen einer Feier in einem Restaurant in Sofia. Aus einem anderen Bereich des Lokals war Lärm zu hören. Offensichtlich gab es einen Streit. Stanimir wollte nachschauen, was der Grund für die Auseinandersetzung war und ob er helfen konnte. Als er näherkam, erkannte er Valia, die mit Sachen um sich warf. Er ging auf Valia zu und sprach sie mit ihrem Namen an. In dem Moment, als Valia ihren Namen hörte, drehte sie sich zu Stanimir um und begann zu weinen. Stanimir sprach mit Valia. Sie beruhigte sich. Danach verließ sie das Lokal. Im Anschluss kam die Besitzerin des Lokals zu Stanimir und fragte, wer er sei und ob er Wunderkräfte besitze. Das Erlebnis mit Valia zeigt, welchen Unterschied unser Engagement für Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft leben, macht. Ihnen einen Ort anzubieten, an dem sie willkommen sind, verändert unser Zusammenleben. Sie bekommen dadurch ein Gesicht und einen Namen. Manchmal geschieht ein Wunder, wenn wir Menschen mit ihrem Namen ansprechen. P. Markus Inama SJ kam über die Sozialarbeit zu den Jesuiten. Er ist Oberer in Wien und Ausbildungsdelegat. 15 SCHWERPUNKT

Gebrochene Naturgesetze? Was ist ein Wunder? Eine unerwartete Begegnung in Rom führt P. Felix Körner SJ zu einer theologischen Spurensuche zwischen Zufall, Erfahrung und Glaube. Heute früh ist ein Wunder passiert. Ich bin zu einem Vortrag nach Rom gekommen. Aber wenn ich schon im Heiligen Jahr in der Ewigen Stadt bin, dann will ich nicht nur als Wissenschaftler hier sein. Ich will auch pilgern. Ich ging also im Morgengrauen zum Petersdom. Als ich die Kuppel schon vor mir sah, kam ich am VatikanBüro für Religionsdialog vorbei. Ich musste an Pater Markus Solo denken, den Steyler Missionar aus Indonesien, der mit mir viele christlichislamische Begegnungen erlebt hat. „Hm, Markus müsste jetzt aus Bangladesch zurück sein. Wir sollten uns noch treffen, bevor ich morgen nach Berlin aufbreche“, dachte ich. „Aber jetzt, am Sonntag, sind die Büros ja zu!“ Zwei Stunden und viele Pilgererlebnisse später höre ich im Trubel von St. Peter plötzlich: „Felix Körner“. Ich erkenne die Stimme gleich: Das ist Pater Markus, den ich so gern noch besucht hätte. Wir umarmen uns. Ich erfahre, wie anstrengend und sinnvoll die Bangladesch-Reise war. Und schon wendet er sich wieder dem Gast-Bischof zu, wegen dem er hierhergekommen war. Klasse, dass ich Markus noch getroffen habe. Aber war das ein Wunder? Ich liebe theologische Fragen, und ich diskutiere sie ständig mit muslimischen Gläubigen bei uns an der Uni. Vorbereitet auf diese Gespräche haben mich das Sprachenlernen und die Islamwissenschaftlerin Rotraud Wielandt, aber mein Mitbruder Christian Troll hatte mir immer geraten: „Für den Islamdialog musst du auch ein guter christlicher Theologe sein.“ Die schwierigsten theologischen Nüsse konnte ich erst knacken, als ich das Werk von Wolfhart Pannenberg zu lesen begann. Mich packte sein Denken so fest, dass ich ihn unbedingt kennenlernen wollte. Das war vor einem Vierteljahrhundert. Ich schrieb ihm, bekam gleich Antwort und wurde zum Kaffeetrinken eingeladen. Er und seine Frau schlossen mich offenkundig ins Herz. Wir sahen uns dann regelmäßig, bis beide verstarben. Die erste Begegnung aber werde ich nicht vergessen. Pannenberg fragte mich: „Geht denn Ihre Theologie von einer Erfahrung aus?“ Das überraschte mich. Sein Denken ist doch so philosophisch, dass er sich nie damit zufriedengeben würde, wenn jemand behauptet: „Ich hab’s erfahren, also ist es wahr.“ Sein Ausgangspunkt ist doch das biblisch bezeugte Osterereignis, kein Privaterlebnis eines deutschen Theologen! Bevor ich allerdings antworten konnte, begann Pannenberg zu erzählen, wie er – als junger Atheist und werdender Konzertpianist – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eines Abends ein „Entgrenzungserlebnis“ hatte. So nannte er es. Was ihm da widerfahren war, musste er nun durch Philosophie und Theologie einzuholen versuchen; das war ihm jetzt klar. Gut, dass er so zu einem der großen Denker seiner Generation wurde. Aber war das ein Wunder? Pannenberg dachte Wissenschaftstheorie und Theologie durch und sah: Wir können nicht sagen, dass ein Ereignis gegen die Naturgesetze verstößt, und erst recht nicht, dass es deshalb Gottes Wirken in der Welt beweist. Warum hält ein solcher Wunderbegriff nicht? Zum einen kennen wir die angeblichen Gesetze der Natur nicht. Wir können zwar Wiederkehrendes beobachten und vieles richtig vorhersagen. Die Welt ist insofern zuverlässig. Das ermöglicht Leben. Aber hier läuft kein uns völlig einsichtiges Programm ab. Vieles bleibt unvorhersehbar. Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger 16 SCHWERPUNKT

Im Nachhinein gelingt es uns oft, auch das zunächst Überraschende wieder mit Formeln zu beschreiben, als wäre alles von „Gesetzen“ geregelt. Aber es gibt nicht einerseits das Regelmäßige und andererseits Gottes Handeln. Es gibt auch nicht einerseits das freie Handeln der Geschöpfe und andererseits das gelegentliche Handeln Gottes. Sondern wir Geschöpfe handeln frei – und Gott ist am Werk. Seine Regierungskunst, Gottes liebevolle Weisheit, wird die Geschichte der Welt an ihr gutes Ende kommen lassen, so sehr wir selbst unterwegs auch andere Ziele verfolgt haben. Und wo bleiben die Wunder? Nicht der Bruch angeblicher Naturgesetze ist das Wunder. Denn so gut kennen wir sie nie, dass wir sagen könnten: „Jetzt wurden sie gebrochen.“ Und sobald die Naturwissenschaft eine neue Regelmäßigkeit findet, ist ja plötzlich kein Wunder mehr, was uns eben noch als Gottesbeweis galt. Ein Wunder ist eine Überraschung, die mich dazu bewegt, Gottes Liebesweisheit anzuerkennen. Das bewegendste Wunder bleibt die Auferstehung Christi. Aber auch bei ihr müssen wir nicht behaupten, sie sei ein Regelbruch. Vielmehr ist sie Gottes Geisthandeln wie jedes andere Ereignis. Nur eröffnet sie uns mehr als alles andere, was uns am Ende der Geschichte erwartet. Und dann, hoffen wir, wird uns auch deutlich sein, welchem „Gesetz“ Ostern gefolgt ist: der Logik von Gottes weiser Treue. Pannenberg durfte das schon ein wenig vorweg-erleben. Das bewegte ihn zur Anerkennung Gottes. In diesem Sinn war sein Widerfahrnis ein Wunder. Natürlich musste ich den Pannenbergs dann auch mein Ausgangserlebnis erzählen. Aber das ist eine andere Geschichte. P. Felix Körner SJ ist Islamwissenschaftler, Systematischer Theologe und Nikolaus-­ Cusanus-Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Portrait © SJ-Bild 17

Katharina Villalba Winkelmann lebt in Greifswald. Die Medizinstudentin lässt sich vom Glauben und Leben inspirieren, Kunst zu schaffen – in Form von Gedichten und Linoldrucken. Wunder Es ist ein Wunder Dass du bist Und das hier liest Wie groß stehen die Chancen Eine Begegnung, Keine Ablenkung, Eine Rückerinnerung. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten Bist du geschaffen Und trotzt den großen und kleinen Verzweiflungen. Wunderst dich manchmal und oft Über den Weg Doch gehst ihn Mit ihm Voller Staunen Ich will die großen Wunder nicht kleinreden Ja, ich glaube Und die kleinen Wunder will ich großreden Du bist da Portrait © privat; Aquarell © Andreas Felger 18

Wunder: Zeichen für das Reich Gottes Wunder haben viele Aspekte und treten in unterschiedlichen Zusammenhängen auf. P. Kundong Kim SJ hat zusammengefasst, was der Zielpunkt von Wundern im christlichen Glauben und Denken ist. Was ist das Wesentliche, worum geht es letztlich bei den Wundern? Sie sind ja nicht der eigentliche Gegenstand des Glaubens, sondern Mittel. Es geht darum, uns dafür zu öffnen, was sie für uns zeigen können. Als Paradigma dienen die Wunder Jesu, aber das Gesagte gilt für alle Wunder, auch die in nachbiblischer Zeit. Die Wunder Jesu sind in der Tat eine Manifestation der Macht Gottes. Allerdings scheint es, dass Jesus ihnen nur eine untergeordnete Bedeutung zuschrieb. In erster Linie weigerte er sich, auf Befehl Wunder zu vollbringen (was der Versucher von ihm verlangte: Mt 4,2–4). Er vertraute auch denen nicht, die ihm wegen seiner Wunder folgten (vgl. Joh 2,23–25). Gleichzeitig weisen die Wunder Jesu besondere Merkmale auf. Im Folgenden möchte ich drei Punkte hervorheben. Erstens sind die meisten seiner Wunder Heilungswunder oder Wunder, die den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen. In seinem Wirken heilte Jesus viele Menschen, die an Geist oder Körper krank waren. Er versorgte auch die Hungrigen mit Nahrung. Seine Worte und Wundertaten dienen nicht seiner eigenen Verherrlichung, sondern denen, die von seinen machtvollen Taten profitierten. Sie entsprangen seinem Mitgefühl für das leidende Volk Gottes (Mk 6,34). Darüber hinaus zielen die Wunder Jesu auf Befreiung ab. Er wollte Menschen von Krankheiten heilen, sowohl von körperlichen als auch seelischen; von Lähmung, Blindheit, Taubheit, Ausgeschlossensein. Er wollte denen Erleichterung schenken, die mit verschiedenen Nöten belastet waren. Der brasilianische Exeget Ivo Storniolo beobachtet, dass im Lukasevangelium 14 von 18 Wundern in Galiläa stattfanden – der Region in Israel, die zu Jesu Zeiten vernachlässigt und verachtet wurde. Daher ist Storniolo der Meinung, dass die Wunder Jesu Teil einer Befreiungsbewegung waren. Beeindruckend ist, dass manche seiner körperlichen Heilungen auch mit der Vergebung von Sünden verbunden werden (vgl. Mk 2,5). Letztendlich sind die Befreiung von Sünde und der Gewinn eines erfüllten, ja eines ewigen Lebens das Herzensanliegen Jesu. Schließlich verlangen die Wunder Jesu eine Antwort aus dem Glauben (vgl. Lk 17,19) und die Bildung einer persönlichen Beziehung zu Jesus. Jesus fragt „Was willst du, dass ich dir tue?“, bevor er den Blinden in Jericho heilt. Er wandte sich an die Frau, die von ihrer Blutung geheilt worden war, und unterhielt sich mit ihr. Er legte den Kranken persönlich die Hände auf. Er bezog seine Jünger in das Wunder der Brotvermehrung mit ein, indem er sie die Brote Wunder sind Zeichen für etwas, das größer als unser Leben und die Welt hier und jetzt ist. 20 SCHWERPUNKT

an die Menge verteilen ließ. Jesus vollbrachte also keine Wunder um der Wunder willen, sondern nutzte die Gelegenheit, um die Beziehung zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen zu vertiefen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Heilung, Befreiung und die persönliche Beziehung zu Jesus die charakteristischen Merkmale der Wunder Jesu sind. Dadurch sind seine Wunder Zeichen für etwas, das größer ist als unser Leben und die Welt hier und jetzt. Hätte Jesus die Wunder selbst zum Ziel gehabt, hätte er alle Kranken geheilt und den Hunger aus der Welt getrieben. Aber nach 2000 Jahren gibt es immer noch Menschen, die krank sind und hungern. Wir erleben immer noch eine Welt voller Leid und Ungerechtigkeit. Daher haben sich seine Wunder nicht nur damals ereignet, sondern verweisen wesentlich auf das Reich Gottes, das bereits begonnen hat, aber noch auf seine Vollendung wartet. Dann können auch die Wunder, die wir in der nachbiblischen Zeit erfahren, nur Wert haben, wenn sie an den Merkmalen der Wunder Jesu Maß nehmen und zum Kommen des Reiches Gottes beitragen. In diesem Sinne denke ich, dass es Jesu Absicht bei seiner Wundertätigkeit entspricht, wenn wir uns von seinen Wundern inspirieren lassen und uns dann entscheiden, ihm hier und jetzt mit Glauben, Hoffnung und Liebe zu antworten. Unsere innere Verwandlung ist das, was die (nach-)biblischen Wunder in uns bewirken wollen, damit wir bereitwillig und mit Eifer am Reich Gottes teilhaben können. Deshalb sind Wunder für uns, die Gläubigen, Zeichen für das Reich Gottes. Wir können in ihnen einen Blick auf das Reich Gottes werfen und geduldig darauf warten. Durch sie nehmen wir das Reich Gottes bereits hier und jetzt vorweg. P. Kundong Kim SJ studierte Bibelwissenschaft in Rom und in München. Er macht gerade sein Tertiat (letzter Ausbildungsabschnitt im Jesuitenorden) auf Sri Lanka. Danach beginnt er seine Lehrtätigkeit in Seoul. Portrait © privat; Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger 21

Ein Wunder mit Schrammen: Weihnachten Vielleicht werden Sie in diesen Tagen auch wieder Ihre Krippe zu Hause aufstellen. Oder Sie erinnern sich an eine Krippe aus Ihren Kindertagen. In unserer Familie war dies fast ein Zeremoniell. Am 24. Dezember, am Vormittag, fuhr unser Vater mit uns Kindern in den Odenwald, um dort Moos zu sammeln. Dann wurde die Krippe in einer Ecke des Wohnzimmers zwischen Couch und Sessel aufgestellt und dort steht sie sicher auch wieder in diesem Jahr. Die einzelnen Figuren unserer Krippe haben sich mir gut eingeprägt, denn sie begleiten mich seit meiner Kindheit. Da ist zunächst einmal die alte Wurzel, die als Kulisse und Höhle für das heilige Paar dient. Hinten an die Wurzel angelehnt stehen Ochs und Esel. Der Esel hat vor Jahren seinen rechten Hinterlauf eingebüßt. Er wird aber so raffiniert an die Wurzel angelehnt und in das weiche Moos gesteckt, dass es keiner merkt. Der Verkündigungsengel steht oben auf der Wurzel. Der linke Flügel von diesem Engel ist etwas angesengt. Das, glaube ich, war mein jüngerer Bruder, als er mit einer Kerze herumhantierte. Vor der Krippe sehen wir den Hirten mit der Schafherde. Es gibt helle und dunkle Schafe. Die dunklen Schafe, die älteren, wurden einmal von unserem Hund dezimiert. Wir haben es zu spät gemerkt. So erstand meine Mutter auf dem Christkindlsmarkt vor ein paar Jahren noch ein paar neue, weiße Lämmer dazu. Maria, Josef und das Kind haben all die Jahre am besten überstanden. Sie sind am meisten nachgedunkelt, waren sie doch die ersten Figuren, die meine Eltern nach ihrer Hochzeit erworben hatten. Die Zeit ist nicht spurlos an unserer Krippe vorübergegangen. Die Figuren sind älter geworden und tragen so manche Macken unserer Geschichte. Und so sind für mich diese Figuren auch ein Bild für das eigentliche Wunder von Weihnachten: An Weihnachten feiern wir, dass Gott Teil unserer Geschichte wird und wie unsere Krippenfiguren trägt er mit uns die kleinen und die großen Schrammen, die wir uns in all den Jahren zugezogen haben. Unser Gott wird Mensch. Er wird geboren in ärmlichen Verhältnissen und wird heranwachsen. Er wird eine große Vision in sich tragen: die Vision von Gerechtigkeit und Frieden, die er „Reich Gottes“ nennen wird. Er wird andere Menschen mit seiner Vision begeistern. Er wird Jüngerinnen und Jünger um sich scharen. Aber Jesus wird auch Widerstand bekommen. Er wird Wunden davontragen. Und diese Wunden werden bleiben. Der Auferstandene an Ostern wird seine Wunden nicht leugnen, sondern sie den Jüngern zeigen, als Zeichen dafür, dass er bei uns war. Und das ist auch der Name unseres Gottes: Immanuel – Gott mit uns. Vielleicht ist das für mich das Besondere am Wunder von Weihnachten: Wir feiern immer wieder Menschwerdung und Neuanfang mit allen Brüchen, Schrammen und Verwundungen, die unser Leben erfahren hat. Und diese Brüche schmälern nicht das Geheimnis unserer Menschwerdung. Im Gegenteil: Sie geben 22 GEISTLICHER IMPULS

ihr noch deutlichere Konturen. Wir sind eingeladen, mit unseren Brüchen als Menschen zu wachsen und zu reifen. Vielleicht ist das Weihnachtsfest die Einladung, mit einem liebevollen Blick die Figuren unserer Krippe anzuschauen, gemeinsam mit unserem göttlichen Begleiter. Und diesen Blick dann auch auf die Brüche und Unvollkommenheiten unseres Lebens zu lenken. Und inmitten dieser Begrenzungen zu spüren, wo ein Neuanfang beginnen und neues Leben sich zeigen will. P. Tobias Karcher SJ ist seit 2016 Leiter des Lassalle- Instituts in Zürich, das bis 2023 in Bad Schönbrunn war, und seit Dezember 2023 Superior der Jesuitenkommunität Zürich. Portrait © SJ-Bild; Aquarell © Andreas Felger 23

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