Prof. Dr. Uta Poplutz hat Theologie in Würzburg studiert, dort zur Wettkampfmetaphorik bei Paulus promoviert und unterrichtet heute Exegese des Neuen Testaments an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Vom Zweifeln und Sich-Wundern Uta Poplutz denkt ausgehend vom Neuen Testament darüber nach, wie Wunderglaube und Skepsis zusammengehören und sich zueinander verhalten. Wunder sind fremde Gäste in unserer vermeintlich rational aufgestellten Welt. Zugleich sind sie, um ein bekanntes Wort Goethes aufzunehmen, „des Glaubens liebstes Kind“. Dieser Befund gilt in gesteigerter Form auch für die neutestamentlichen Wundererzählungen: Soll und kann man als aufgeklärter Mensch im westlichen Europa unseres Jahrhunderts wirklich glauben, dass Jesus über das Wasser gelaufen ist (vgl. Mk 6,48f. parr.) oder dass er seinen schon im Verwesungsprozess befindlichen Freund Lazarus durch einfachen Zuruf wieder zum Leben erweckt hat (Joh 11,38–44)? Und wie verhält es sich mit dem Ereignis von Kana in Galiläa, wo Jesus als Gast einer Hochzeit dem Bräutigam die Peinlichkeit erspart, der feiernden Gesellschaft mitteilen zu müssen, dass der Wein ausgegangen sei, und das Problem kurzerhand behebt, indem er Wasser in köstlichen Wein verwandelt (Joh 2,1–11)? Zweifel über die historische Zuverlässigkeit dieser Schilderungen sind nicht nur angezeigt, sondern den Erzählungen inhärent: Wundergeschichten wollen widerständige Zeichen sein, die genau darum das Potenzial haben, über den eingespielten oder erwartbaren Horizont hinauszuführen und eine neue Perspektive zu eröffnen. Ein Zeichen ist dadurch charakterisiert, dass es auf etwas anderes verweist. Und so öffnen Wundererzählungen unsere wahrnehmbare, irdische Realität für die Möglichkeiten Gottes. Jesus, so der Glaube, handelt auf charismatische Weise im Namen Gottes, den er vertrauensvoll Abba, Vater, nennt (z. B. Mk 14,36). Und er handelt wundertätig, um menschliche Not zu lindern und existentiellen Mangel zu beheben. Die Wunder nehmen die Negativitäten menschlicher Realität ernst und wenden sie zum Guten. Zugleich stellen sie – wie in Kana – eine faszinierende Fülle bereit, die schon jetzt auf die Endzeit verweist. Eingebettet in die erzählte Zeit der Evangelien stehen im Hintergrund der Wundererzählungen die Osterereignisse, die Jesus als Sohn Gottes zeigen. Da man in biblischer Logik nicht werden kann, was man nicht immer schon ist, handelt bereits der irdische Jesus in göttlicher Vollmacht. Davon zeugen seine Wundertaten. Das wiederum lässt sich historisch nicht beweisen, sondern nur glauben. Zum Glauben gehört der Zweifel als Kehrseite der Medaille dazu. Auch davon berichten die Evangelien: Selbst die engsten Jünger waren nicht vor Zweifeln gefeit (z.B. Mt 28,17). Glaube und Zweifel sind menschliche Haltungen, die jede Form von Beziehung prägen, und die im Laufe des Lebens immer wieder neu ausbalanciert werden müssen. Wenn die Zweifel produktiv und nicht zerstörerisch sind, halten sie unsere Beziehungen wach – auch zu Gott. Und doch bleiben die Wundererzählungen fremde Gäste in unserer Welt. Sie regen dazu an, mit ihnen in Resonanz zu gehen, sich vielleicht positiv darüber zu wundern, dass es mehr gibt, als unsere Weltweisheit erklären kann. Wer dennoch zweifelt, könnte wie Jesus den Mitmenschen in den Blick nehmen: Jesus wendet Not durch Wundertaten. Wenden wir doch einfach menschliche Not durch Taten. Vielleicht ist es zum Wundern, was wir damit auslösen. Portrait © privat 10 SCHWERPUNKT
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