Jesuiten 2025-4 (Deutschland-Ausgabe)

Was, wenn das Wunder ausbleibt? Wenn Menschen krank werden, beten viele für ihre Heilung. Doch oft bleibt das erhoffte Wunder aus. P. Julian Halbeisen SJ über den Priester Volkmar Premstaller und das Wunder der Heilung. Für gläubige Christen ist es eine besondere Herausforderung, wenn sie unter einer schweren Krankheit leiden und ein erhofftes Heilungswunder ausbleibt. P. Volkmar Premstaller, ein Priester aus der Diözese Linz und später der Gesellschaft Jesu, erlebte genau diese existentielle Herausforderung. Er starb am 13. September 2009 im Alter von 44 Jahren nach langer, schwerer Krankheit. Neben seiner Begabung für die Auslegung der Heiligen Schrift war P. Premstaller ein talentierter Musiker. Er lehrte von 2003 bis 2008 Altes Testament an der Universität Innsbruck und hatte gerade eine neue Lehrtätigkeit in Rom aufgenommen, als bei ihm die unheilbare Nervenerkrankung ALS diagnostiziert wurde. Diese Krankheit führt zu einem fortschreitenden Verlust motorischer Nervenzellen und damit zu Muskellähmung, Sprech- und Schluckstörungen sowie Atemproblemen. Aufgrund der Krankheit musste P. Premstaller seine Lehrtätigkeit in Rom aufgeben und in ein Hospiz ziehen. Die lebensverändernde Diagnose löste viele Fragen aus: Warum ich? Was bedeutet das für meine Arbeit? Vor allem aber stand die Frage im Raum, wie sich eine unheilbare Krankheit auf seinen Glauben auswirkt. Aus theologischer Sicht gibt es dazu verschiedene Ansätze. Ein zentraler Gedanke ist hierbei die Souveränität Gottes. Auch wenn Gläubige an Gottes Heilungskraft glauben, verstehen sie, dass seine Entscheidungen oft undurchschaubar bleiben. Ein Wunder ist ein außerordentliches Zeichen der Gnade, das nicht erzwungen werden kann und dessen Geschehen allein in Gottes Händen liegt. Oft wird um Heilung gebetet, aber für die Gläubigen gehört dazu, das Ergebnis vertrauensvoll Gott zu überlassen. Die Bitte an Gott „Dein Wille geschehe“ wird in Anlehnung an das Gebet Jesu in Gethsemane gesehen. Die christliche Theologie verbindet menschliches Leid zudem mit dem Leiden Jesu am Kreuz. Christen können ihr eigenes Leid mit dem Leid Christi in Beziehung setzen und so das eigene „Kreuz tragen“. Eine wichtige Rolle spielt auch die Gemeinschaft der Kirche, die den Kranken durch Gebet, Begleitung und praktische Hilfe unterstützt. Das Leid muss nicht allein ertragen werden. Manchmal kann eine Krankheit sogar selbst zum Zeugnis werden, indem der Umgang des Kranken mit dem Leid andere inspiriert und die Kraft Gottes demonstriert. Es ist wichtig, Gefühle wie Trauer, Wut oder Zweifel zuzulassen und diese nicht zu verdrängen. Das Vertrauen auf Gott ermöglicht es, ehrlich mit diesen Gefühlen umzugehen und sie vor Gott zu bringen. Schließlich richtet sich die Hoffnung der Christen nicht nur auf irdische Heilung, sondern auch auf die Verheißung des ewigen Lebens, in dem es weder Leid noch Krankheit gibt. Diese Hoffnung ist eine tragende Säule des Glaubens, die Trost spendet, wenn irdische Heilung ausbleibt. P. Julian Halbeisen SJ ist gelernter Jurist und Mitarbeiter in der internationalen Ordensverwaltung der Jesuiten in Rom. Portrait © SJ-Bild; Aquarell © Andreas Felger 12 SCHWERPUNKT

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