Jesuiten 2025-4 (Deutschland-Ausgabe)

Gebrochene Naturgesetze? Was ist ein Wunder? Eine unerwartete Begegnung in Rom führt P. Felix Körner SJ zu einer theologischen Spurensuche zwischen Zufall, Erfahrung und Glaube. Heute früh ist ein Wunder passiert. Ich bin zu einem Vortrag nach Rom gekommen. Aber wenn ich schon im Heiligen Jahr in der Ewigen Stadt bin, dann will ich nicht nur als Wissenschaftler hier sein. Ich will auch pilgern. Ich ging also im Morgengrauen zum Petersdom. Als ich die Kuppel schon vor mir sah, kam ich am VatikanBüro für Religionsdialog vorbei. Ich musste an Pater Markus Solo denken, den Steyler Missionar aus Indonesien, der mit mir viele christlichislamische Begegnungen erlebt hat. „Hm, Markus müsste jetzt aus Bangladesch zurück sein. Wir sollten uns noch treffen, bevor ich morgen nach Berlin aufbreche“, dachte ich. „Aber jetzt, am Sonntag, sind die Büros ja zu!“ Zwei Stunden und viele Pilgererlebnisse später höre ich im Trubel von St. Peter plötzlich: „Felix Körner“. Ich erkenne die Stimme gleich: Das ist Pater Markus, den ich so gern noch besucht hätte. Wir umarmen uns. Ich erfahre, wie anstrengend und sinnvoll die Bangladesch-Reise war. Und schon wendet er sich wieder dem Gast-Bischof zu, wegen dem er hierhergekommen war. Klasse, dass ich Markus noch getroffen habe. Aber war das ein Wunder? Ich liebe theologische Fragen, und ich diskutiere sie ständig mit muslimischen Gläubigen bei uns an der Uni. Vorbereitet auf diese Gespräche haben mich das Sprachenlernen und die Islamwissenschaftlerin Rotraud Wielandt, aber mein Mitbruder Christian Troll hatte mir immer geraten: „Für den Islamdialog musst du auch ein guter christlicher Theologe sein.“ Die schwierigsten theologischen Nüsse konnte ich erst knacken, als ich das Werk von Wolfhart Pannenberg zu lesen begann. Mich packte sein Denken so fest, dass ich ihn unbedingt kennenlernen wollte. Das war vor einem Vierteljahrhundert. Ich schrieb ihm, bekam gleich Antwort und wurde zum Kaffeetrinken eingeladen. Er und seine Frau schlossen mich offenkundig ins Herz. Wir sahen uns dann regelmäßig, bis beide verstarben. Die erste Begegnung aber werde ich nicht vergessen. Pannenberg fragte mich: „Geht denn Ihre Theologie von einer Erfahrung aus?“ Das überraschte mich. Sein Denken ist doch so philosophisch, dass er sich nie damit zufriedengeben würde, wenn jemand behauptet: „Ich hab’s erfahren, also ist es wahr.“ Sein Ausgangspunkt ist doch das biblisch bezeugte Osterereignis, kein Privaterlebnis eines deutschen Theologen! Bevor ich allerdings antworten konnte, begann Pannenberg zu erzählen, wie er – als junger Atheist und werdender Konzertpianist – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eines Abends ein „Entgrenzungserlebnis“ hatte. So nannte er es. Was ihm da widerfahren war, musste er nun durch Philosophie und Theologie einzuholen versuchen; das war ihm jetzt klar. Gut, dass er so zu einem der großen Denker seiner Generation wurde. Aber war das ein Wunder? Pannenberg dachte Wissenschaftstheorie und Theologie durch und sah: Wir können nicht sagen, dass ein Ereignis gegen die Naturgesetze verstößt, und erst recht nicht, dass es deshalb Gottes Wirken in der Welt beweist. Warum hält ein solcher Wunderbegriff nicht? Zum einen kennen wir die angeblichen Gesetze der Natur nicht. Wir können zwar Wiederkehrendes beobachten und vieles richtig vorhersagen. Die Welt ist insofern zuverlässig. Das ermöglicht Leben. Aber hier läuft kein uns Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger 16 SCHWERPUNKT

RkJQdWJsaXNoZXIy MjIwOTIwOQ==