Jesuiten 2025-4 (Deutschland-Ausgabe)

Philosophisches Staunen– zwischen Verwunderung und Bewunderung Philosophisches Staunen ist ein existenzielles Erleben, das uns über das bloße Fragen hinausführt und uns in eine neue Beziehung zu uns selbst und zur Welt eintreten lässt. Gedanken von Florian Arnold. Platon hat in seinem Dialog Theaitetos, der sich mit der Frage beschäftigt, was wir über Wissen wissen können, das Staunen als die eigentümliche Haltung und den eigentlichen Anfang der Philosophie bezeichnet. Seitdem wundert man sich gewissermaßen immer weniger darüber, was das im Grunde heißen mag. Dass auch sein eigensinniger Schüler Aristoteles oder „der Philosoph“, wie ihn Thomas von Aquin schlicht nannte, ihm hierin beipflichten sollte, tat wohl das Übrige dazu, dass wir uns von dieser Frage nicht weiter beirren lassen. Das griechische Wort thaumázein (staunen oder sich wundern) scheint demnach etwas wie ein akuter Wissensdurst, eine lauernde Neugier oder auch eine Form der bereitwilligen Begeisterung zu sein oder zumindest so zu erscheinen. Schaut man bei Platon an der berühmten Stelle (Theaitetos 155d) jedoch etwas genauer hin, stößt man auf eine weiterführende Bemerkung, die das Staunen deutlicher in die Nähe von Ver- und Bewunderung oder überhaupt eines Wunders rückt. Platon stimmt dem Dichter Hesiod dort zu, dass Iris, die Götterbotin, eine Tochter des Meeresgottes Thaumas sei. Auch wenn Thaúmas und thaumázein in Wahrheit keine etymologische Verwandtschaft aufweisen, bleibt Platons Hinweis aufschlussreich: Iris ist wörtlich zugleich der Regenbogen und damit nicht allein ein natürlicher Grund zum Staunen, sondern ein übernatürliches Zeichen der Verbundenheit von Himmel und Erde oder auch eines Bündnisses zwischen Gott und Mensch. Was hier bestaunt wird, meint also nicht nur ein kleines Naturwunder. Die Verwunderung erschöpft sich auch nicht darin, dass eine physikalische Erklärung den Wissensdurst und die Neugier stillte. Was ein philosophisches Fragen dagegen anstößt, ist vielmehr ein Herausfallen aus der herkömmlichen Welt, sei es der physikalischen oder der des Alltags. Das philosophische Staunen ist vielmehr ein meta-physisches. Doch was heißt das im Grunde? Worüber geraten wir ins Staunen? Was wundert uns dabei? To cut a long story short oder um die Standardstory der Philosophiegeschichte zusammenzufassen: Wir staunen über uns selbst. In manchen Situationen wundern wir uns dermaßen, dass wir zugleich über unser schieres In-der-Welt-Sein erstaunen. So berichtet schon Platon, wie sein Lehrer Sokrates für Stunden in Gedanken versunken auf der Stelle verharren konnte. Dieses metaphysische Staunen ist selbst ein philosophisches Wunder: eine Verwunderung, die zur Konversion, zum Anfang eines Einstellungswechsels gegenüber der eigenen Existenz werden kann und wurde. Damit kann ein Gefühl des Weltverlustes und Aquarell (Ausschnitt) © Andreas Felger 4 SCHWERPUNKT

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