Jesuiten 2025-4 (Deutschland-Ausgabe)

Die Wunder Jesu Wenn es heute keinen Platz mehr für Wunder gibt, warum faszinieren uns die Wundergeschichten der Bibel immer noch? Diesen Fragen geht Alois Prinz nach. Mit meinem Jesus-Buch, das für Jugendliche und Erwachsene gedacht ist, mache ich auch Lesungen in Schulen, wobei es keine Lesungen im üblichen Sinn sind, sondern mehr Gespräche. Meistens ist es nur eine Frage der Zeit, bis es um Wunder geht. Die Jugendlichen sind einerseits fasziniert von den Wundergeschichten der Bibel, halten sie aber andererseits für „fantastische Geschichten“, von denen man „heute“ weiß, dass sie nicht wahr sein können. Dahinter steckt die Vorstellung von Wunder als Ereignis, das im Widerspruch steht zu den Naturgesetzen. Gibt es heute, in unserer aufgeklärten Zeit, keinen Platz mehr für Wunder? Anstatt von Wunder spreche ich lieber von Heilung. Als Johannes der Täufer Jesus fragen lässt, ob er der Kommende sei, antwortet dieser mit dem Hinweis auf seine heilenden Taten: Blinde sehen, Lahme gehen. Auffällig ist, dass Jesus, der Heiland, einem Kranken immer die Freiheit lässt, sich ihm zu öffnen oder sich zu verschließen. Jesus sucht das Vertrauen der Menschen. Ohne Vertrauen gibt es für ihn keinen Glauben. Ohne Vertrauen kann er nicht heilen. Wenn sich Menschen Jesus gegenüber öffnen, lässt er sich seinerseits auf deren besondere Situation ein. Kranke wie einen Blinden (Joh 9–12) oder einen Taubstummen (Mk 7,31–37) behandelt er mit großer Sanftheit und Zärtlichkeit, oft auch mit körperlicher Berührung. Andere wie den Besessenen von Gerasa (Mk 5,1–20) packt er etwas härter an. In allen Fällen jedoch versucht er, einen Raum des Vertrauens zu schaffen. Heilung ist nur möglich, wenn der oder die Kranke mithilft. So werden Kräfte, die schon in ihm stecken, aktiviert und verstärkt. Jesus wusste aber auch um den Zusammenhang von Schuld und Krankheit. Darum sagt er einem Gelähmten erst die Vergebung seiner Sünden zu, bevor er ihm befiehlt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ (Joh 5,8) In den Berichten über Wunderheilungen bedeutet Glaube also nicht, dass die Kranken gesund werden, wenn sie unbeweisbare Behauptungen für wahr halten. Er bedeutet, dass die Menschen, denen sich Jesus als Heiland zuwandte, von einer Kraft ergriffen wurden, die stärker war als sie. Die Kraft erfüllte, verwandelte, heilte sie. Es ist eine göttliche Kraft. Das heißt, Jesus konnte, wie es im JohannesEvangelium heißt, „nichts von sich aus tun“ (Joh 5,19), sondern er vermochte nur in der „Vollmacht“ zu handeln, die ihm von seinem Vater gegeben war. Jesus war somit ein Empfangender, der diese wundermächtige Kraft weitergab an die Menschen, die dadurch seelisch und körperlich geheilt wurden. Er gab sie weiter, nicht als eine Botschaft, nicht wie ein Rezept und schon gar nicht wie die Anweisungen eines Ratgebers zur Selbstoptimierung. Er verkörperte dieses Vertrauen, er strahlte es aus, man kann sogar sagen: Er war diese Kraft. Menschen, die Jesus begegneten, reagierten sehr unterschiedlich auf dieses Kraftfeld. Manche waren voller Hoffnung, manche baten Jesus, dass er ihnen zum richtigen Glauben verhelfe, und für andere war er eine Gefahr, eine Bedrohung. Der Besessene von Gerasa beschimpfte Jesus, wollte, dass er weg geht, ihn in Ruhe lässt. Jesus merkte, dass bei diesem zerrissenen Menschen die Sehnsucht, geheilt zu werden, so groß war wie seine Angst, von seiner Krankheit, die für ihn eine Zuflucht war, befreit zu werden. Er hatte sich vor seiner Lebensangst, seinen Schuldgefühlen und seinen 6 SCHWERPUNKT

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