tierisch unterwegs Jesuiten 2026-1
Jesuiten 2026-1 Dieses Druckerzeugnis wurde klimaneutral hergestellt, d. h. die mit der Produktion quantifizierten CO2-Emissionen werden durch Klimaschutzzertifikate kompensiert. 1 Editorial Schwerpunkt 2 Einer Fliege etwas zuleide tun? 4 Bei Tieren in die Schule gehen 7 Weil die Begegnung mit Tieren uns menschlicher macht 8 Tiere – von der Vielfalt in der Schöpfung 10 Der Glaube der Tiere 12 Das Tier in uns hören 14 Der Wunsch, ein Tier zu werden 16 Geschmack oder Gerechtigkeit? 18 Der Elefant im Porzellanladen 20 Berührt vom Tier 21 Tiere als spirituelle Identitätsstifter Geistlicher Impuls 22 Was Vogelbeobachtung über die Nähe zu Gott lehrt Was macht eigentlich …? 24 Tobias Karcher SJ Nachrichten 26 Nachrichten aus der Provinz Personalien 29 Personalnachrichten 30 Jubilare und Verstorbene 31 Katholikentag Vorgestellt 32 Chapel for Europe 34 Die besondere Bitte Sehanleitung zu den Fotos Wenn wir unser Auge für die Tierwelt öffnen, begeistert uns oft ihre überwältigende Schönheit. Bei einem zweiten Blick zeigen sich die Ohrmarken und Nummern, mit denen wir Rind oder Schaf verdinglichen. Ist da nicht auch eine große Einsamkeit in den Tieren? Die abgebildeten Lebewesen laden ein, die ganze Realität zu sehen: „Wir erwachen, wenn wir denn je erwachen, umgeben von Geheimnis, Todesmunkeln, Schönheit, Gewalt“, schreibt Annie Dillard. Können wir das Geheimnis wirken lassen? Dr. Matthias Rugel SJ klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. 26221316
ein Haustier zu haben, bringt Freude, Nähe und Leben in den Alltag. Manche warten auf uns, wenn wir nach Hause kommen, mit anderen haben wir feste Rituale. Wir wollen nicht über sie verfügen – wir möchten sie einfach bei uns haben, so wie sie sind. Haustiere sind nicht nur freundlich zu uns, weil wir sie füttern, sondern weil sie uns liebgewonnen haben. Viele von uns kennen Momente, in denen ein Tier unseren Zustand genauer erspürt als wir selbst. Und nicht wenige haben erlebt, wie Haustiere in schwierigen Zeiten intuitiv das Richtige tun. Auch zu Tieren, die uns weniger nahestehen, besteht eine Art Vertrautheit. Wir freuen uns über Meisen am Fenster, kommen beim Blick in ein Aquarium zur Ruhe, tragen eine Spinne behutsam aus dem Haus. Gern blenden wir die Abgründe der Tierwelt aus. Eine unscheinbare Heuschrecke kann unter Stress zur zerstörerischen Wanderheuschrecke werden. Während wir für einzelne Tiere Zeit, Geld und Zuneigung aufbringen, gehen unzählige andere unter Schmerzen zugrunde. Das Artensterben betrifft Bienen und Singvögel, Säuger und Kleinlebewesen. Und das Schwein, dessen Fleisch auf dem Teller liegt, war womöglich klüger und bewusster als der Hund, den wir niemals schlachten würden. Das Ei im Kuchen könnte im Gedränge einer Tierfabrik gelegt worden sein, in der blanke Panik herrschte – verborgen vor unseren Blicken. Mit diesem Heft laden wir dazu ein, Tiere wahrzunehmen: in ihrer Zutraulichkeit und ihrer Wildheit, in ihrer Starre und ihrer Spontaneität. Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, wie bereichernd es ist, sich diesen anderen Lebewesen auszusetzen. Wir sollten diesen Erfahrungsschatz nicht leichtfertig ausschlagen oder verkümmern lassen. Tiere sind von sich aus wertvoll – auch in ihnen drückt sich die ganze Kreativität des Schöpfers aus. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen tierische Freude beim Lesen. Liebe Leserin, lieber Leser, Dr. Matthias Rugel SJ und P. Mathias Werfeli SJ Portraits: © SJ-Bilder EDITORIAL 1
Einer Fliege etwas zuleide tun? Gregor Taxacher zeigt anhand eines Kunstwerks, wie die Forschung über Taufliegen und die Tötung Jesu auf gleiche Weise verstören. Das Foto zeigt das Kunstwerk „Fliegenfänger“ von Lois Weinberger. Es hängt im Städel Museum Frankfurt. Weinberger hat zwei Streifen von Fliegenfänger-Papier mit den darauf haftenden toten Fliegenkörpern in Kreuzform angebracht. So entsteht ein Fliegen-Kruzifix. Vielleicht wird manche und mancher Gläubige darin eine Banalisierung der christlichen Kreuzesdarstellung sehen, eine Blasphemie gar, eine Verletzung religiöser Gefühle. Mir geht es jedoch ganz anders. Das Kunstwerk stellt mir als Theologen die Frage, worauf wir das Kreuz Christi beziehen, wofür es Bedeutung hat. Fliegenfänger/Fliegenpapier Als ich erstmals in Frankfurt vor Weinbergers Fliegenfänger stand, fielen mir sofort Kindheitserinnerungen ein. Diese Fliegenfänger hingen geringelt unter den Decken ländlicher Häuser, bevorzugt in den Stuben von Bauernhöfen, die ich auf Wanderungen mit meinem Vater kennenlernte. Sie hingen dort gleich über dem Tisch, auf dem es Kaffee und Kuchen gab. Völlig beiläufig und unbeachtet hingen sie da, aber ich konnte meinen Kinderblick nicht abwenden von den klebenden toten Fliegen und vor allem den noch lebenden, die sich in hoffnungslosen Bewegungen zu befreien suchten. Literarisch beschrieben hat diese Szene Robert Musil in seinem kleinen Text Fliegenpapier. Minutiös protokolliert er da das Erschrecken der Fliege beim ersten Anhaften der Füße an der Klebefalle, die immer verzweifelteren Entkommensversuche, die schrittweise Niederlage, wörtlich, nämlich durch immer mehr anklebende Körperstellen, den mitunter noch am nächsten Tag fortgesetzten Todeskampf. Und er notiert: In dieser nahen Sicht auf ihre hoffnungslosen Bewegungen wirkte sie „in diesem Augenblick ganz menschlich“. Drosophila-Porno Die moderne Insektenforschung gibt Musils vermenschlichendem Blick inzwischen recht. Aus Ausgaben der Wissenschaftszeitung Spektrum der vergangenen Jahre lassen sich etwa diese Erkenntnisse über die viel erforschten Taufliegen (Drosophila) zusammentragen: Massenhaft in kleine Gefäße eingesperrt, können sie Ess- und Schlafstörungen entwickeln. Dass es sich tatsächlich um seelisches Leiden handelt, lässt sich dadurch überprüfen, dass diese Störungen sich mit gängigen Antidepressiva behandeln lassen. Bei der Partnerwahl treffen die winzigen Fliegen individuelle Abwägungen, wobei sich in unterschiedlichen Fliegenpopulationen auch Moden sexueller Attraktivitätsmerkmale entwickeln können. Wenn es zwischen Flucht und Paarung zu entscheiden gilt, sind die Hormone Serotonin und Dopamin im Spiel, dieselben, die auch menschliche Angst- und Lustgefühle beeinflussen. Beim Liebesspiel führt das Männchen eine Balz mit Flügelvibration durch und stimuliert das Weibchen durch Klopfen und Lecken der Genitalien. Fliegen sind offensichtlich in zahlreichen Augenblicken „ganz menschlich“. Für Insektenforscher steht inzwischen – wie auch bei Bienen und Hummeln, deren Spielfreude gerade erforscht wurde – fest, dass es sich bei diesen Tieren um differenziert empfindungsfähige Individuen handelt. Ob sie auch körperliche Schmerzen empfinden, ist dabei umstritten. Lust und Leid jedenfalls kennen sie. Wir wissen nicht – wie es der Philosoph Thomas Nagel für Fledermäuse gesagt hat –, wie es ist, eine 2 SCHWERPUNKT
Fliege zu sein. (Unter anderem, weil wir nicht fliegen können.) Aber wir können uns klar machen, dass für die Fliege ihr Leben ebenso bedeutsam ist wie das unsrige für uns. Jesus und die Bedeutungslosen Diese Einsicht ist äußerst verstörend für unsere übliche Wahrnehmung. Plötzlich schwirrt und summt die Welt von Lebewesen, denen diese Welt etwas bedeutet. Dieses Geräusch stummzustellen, hat sich das Weltbild unserer Kultur, auch das religiöse, sehr bemüht. Das ist verständlich: Eine Welt, in der unüberschaubar viele Menschen in Nähe und Ferne Unsägliches erleiden, ist schon kaum zu ertragen. Aber eine Welt, in der dieses Leid allgegenwärtig ist, buchstäblich in jeder Ritze unserer Wirklichkeit lauert, übersteigt unsere emotionale Fantasie und deren Erträglichkeit erst recht. Fliegen stehen für mich für die völlige Bedeutungslosigkeit, zu der Tiere weitgehend verurteilt werden. Ein Schlag mit der Fliegenklatsche braucht keine Begründung. Er kümmert niemanden. „Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater“, heißt es im Evangelium (Mt 10,29). Der dies sagt, endet später am Kreuz der Römer, an das sie Tausende und Abertausende Menschen, gerade auch Aufständische unterdrückter Provinzen, geschlagen haben. Aus der Perspektive des Imperiums, aus der Perspektive der Weltgeschichte ist dieses Ereignis selbst so bedeutungsarm wie der Verkauf des Sperlings, wie ein Schlag mit der Fliegenklatsche, wie ein Bolzenschuss im Schlachthof unserer Fleischindustrie … „Das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist“, schreibt Paulus in seiner Deutung des Todes Jesu (1 Kor 1,28). Das bringt das Fliegenkreuz von Lois Weinberger zum Ausdruck. Und deshalb ist es wirklich verstörend. PD Dr. Gregor Taxacher ist Theologe und Universitätsdozent an der TU Dortmund und veröffentlichte zur Theologie der Tiere und zur Apokalyptik, zuletzt ein Buch über „Das Seufzen der Kreaturen”. Portrait: © TU Dortmund; Foto: © courtesy Studio Lois Weinberger und Galerie Krinzinger 3
Bei Tieren in die Schule gehen Was ist unser Verhältnis zu Tieren? Dieser Frage geht Dominik Ritter nach. Wir halten Tiere als Haustiere, streicheln und verwöhnen sie. Wir halten sie als Nutztiere und achten dabei auf Milchmengen und Fleischzuwachsraten. Wir begegnen Tieren aus der Wildnis, wie Wolf oder Mücke, mit Angst oder Abwehr. Oder wir sind von Wildtieren ästhetisch-emotional überwältigt wie bei Naturfilmen oder einer Safari. Dabei stellt sich der Mensch immer dominant über das Tier. Haustiere „dienen“ dem Menschen und Wildtiere sind im Film „niedlich“, worin irgendwie auch „niedrig“ mitschwingt. Andere Tiere versucht der Mensch im Zaum oder vom Zaun zu halten – zum Beispiel mit Mückenspray oder Abschussplänen. Bei Schweinen, Mastgeflügel oder Mastrindern sprechen wir gleich von „Fleischproduktion“ und nicht mehr von Lebewesen. Doch was wäre, wenn wir Tiere nicht mehr nur als uns dienend untergeordnet, sondern als unsere Partner, vielleicht als unsere Lehrer und Lehrerinnen empfinden? Dies möchte ich am Beispiel meiner Bauernhof-Erfahrung, der tiergestützten Pädagogik und mit Blick auf indigene Kulturen ausloten. Schon als Kind war ich vor die Herausforderung gestellt: Wie bewegt man eine Kuh an den Warteplatz vor den Melkzeiten? Zunächst 4
dachte ich, man müsse möglichst große, drohende Bewegungen vollführen, laut schreien und leicht bis stärker auf das Tier klopfen. Sehr impulsiv beobachtete ich es bei bestimmten (älteren) Tierhändlern. Ich ahmte so ein Treiben nach und merkte, dass die Tiere nicht kooperativer wurden, sondern gefährlich ausschlugen und gestresst die Ohren einzogen. Ich erlebte auch eine andere Kommunikation mit den Kühen. Dabei ist entscheidend, dass das Tier mich sehen kann und in welcher Stimmung ich auftrete. Ich lernte bei den Milchkühen für mein Leben. Ich darf meinem Gespür und meinen Gefühlen vertrauen und zu ihnen stehen. Wenn Menschen in meinem Umfeld Tiere grob behandeln, mache ich nicht mit. Ich wuchs allmählich in eine neue Haltung hinein, Tieren auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht mehr ich bestimme, was das Tier zu tun hat, sondern wir arbeiten zusammen als Team. Auch beim Menschen funktioniert es auf Dauer nicht, wenn einer die anderen dominiert. Nimmt eine Lehrkraft keine Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler, verliert sie deren Kooperation. Schon Säuglinge sind bereit zu kooperieren. Ist diese Kooperation nur einseitig, wenn zum Beispiel die Zeit zum Windelwechseln oder Füttern nur von den Eltern festgelegt wird, dann kippt die Kooperation und die jungen Menschen schreien oder verstummen – sie resignieren. Kommt dies häufig vor, hat es starke Auswirkungen auf ihre Entwicklung und ihre spätere Lebenseinstellung. Sie befürworten zum Beispiel wiederum Dominanz, auch autoritäre Politik und Machtstrukturen. Bei einem Besuch eines Schulbauernhofs erzählte der Landwirt und Pädagoge, dass sich die jungen Menschen gerade die Tiere aussuchen, die von ihrem Charakter anders sind als sie. Umtriebige Kinder gehen zu gemächlichen Tieren wie zu einem Schwein. Kinder mit geringerer Willensstärke suchen sich Esel aus. Der Kontakt mit den Tieren hat positiven Einfluss auf die Charakterentwicklung. Hier lernen Schüler nicht Wissen „über“ Tiere, sondern entwickeln sich in der Partnerschaft mit ihnen weiter. Zum Beispiel zeigt eine Studie bei Kindern mit Bindungsschwierigkeiten, dass beim Empathie-Training mit Meerschweinchen weit weniger aggressives und mehr prosoziales Verhalten auftritt. Doch werden Tiere hier wieder als didaktisches „Mittel“ eingesetzt oder als Partner und Lehrende wahrgenommen? In vielen indigenen Kulturen werden Kinder und Jugendliche allein in die Wildnis geschickt, um von Tieren zu lernen, um von ihnen eine Vision zu empfangen. Diese Erfahrungen sind wertvolle Ressourcen für ihr ganzes Leben. Christlichen Missionaren und den westlichen Gesellschaften ist eine solche Praxis bis heute fremd. Wilde Tiere machen ihnen Angst. Indigene handeln aus einer anderen Haltung heraus. Ihre Grundlage ist eine über Generationen gewachsene Kooperation mit dem Land und dessen Tieren. Solche spirituellen Erfahrungen sammelten Menschen in vielen Religionen, vermutlich auch Jesus in seinen Wüstenzeiten. Einem Reh in freier Wildbahn in die Augen zu sehen, war für mich herzöffnend. Damals und danach war ich versucht, stolz auf diese Erfahrung zu sein. Ich verfiel in meine „Ich“-Perspektive. Das Tier wurde zu einer Art Trophäe und „Objekt“ in meinem Erfahrungsschatz. Doch damit verlasse ich die „Wir“-Sicht und Kooperation. Dabei kann die Erfahrung mit dem Reh bereichernder sein, wenn wirklich ein Blick-„Austausch“ stattfindet und wir ein wortloses Gespräch führen. Dominik Ritter lehrte Ethik an den Theologischen Fakultäten in Fulda und Regensburg. Er ist Lehrer für Mathematik und Religion und wuchs auf einem Biohof auf. Portrait: © Ritter 5 SCHWERPUNKT
Weil die Begegnung mit Tieren uns menschlicher macht Dr. Stefan Einsiedel teilt mit uns seine Erinnerungen an die bekannte Naturschützerin Dr. Jane Goodall. „Dear Stefan: Follow your dream“, schrieb Jane Goodall als Widmung in ein Buch, das sie mir am Ende einer Lesereise schenkte. Zweimal hatte ich, der junge Biologiestudent und ehrenamtliche Pressesprecher im Jane-Goodall-Institut, sie quer durch Deutschland begleitet. Sie war damals Mitte 70 und seit Jahrzehnten an mehr als 300 Tagen im Jahr unterwegs. Als junge Frau hatte sie ihren Traum wahr gemacht, nach wenigen Jahren als Sekretärin (ein Studium konnte sie sich nicht leisten) endlich die Tierwelt Afrikas kennenzulernen. Dort traf sie den Anthropologen Louis Leaky, der sie – von ihrer feinen Beobachtungsgabe beeindruckt – in den Urwald Tansanias schickte, um Schimpansen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Janes Entdeckungen revolutionierten unser Verständnis von (Menschen-)Affen: nicht nur Menschen, sondern auch ihre nächsten tierischen Verwandten sind in der Lage, gezielt Werkzeuge herzustellen, langfristige Allianzen zu schmieden und leider auch jahrelange Kriege zu führen. Als ich Jane Goodall kennenlernte, war sie eine Legende, die ihre Berühmtheit mit feiner Selbstironie ertrug. Sie erzählte, dass sie gerade bei der Passkontrolle am Flughafen gefragt worden war: „Are you Dame Jane?“ Queen Elizabeth hatte sie kurz zuvor zur Dame Commander erhoben, aber Jane dachte im ersten Moment, sie werde mit einer Frau „mit einem bedauernswert dämlichen Namen verwechselt“ – und antwortete dann halb resigniert: „I am afraid that’s me.“ Irgendwann in den 1980er Jahren war der anerkannten Wissenschaftlerin schlagartig bewusst geworden, dass Schimpansen in wenigen Jahrzehnten ausgerottet sein könnten, woraufhin sie ihre liebgewonnenen Urwälder verließ, um weltweit ohne Unterlass für den Naturschutz zu werben: „Menschen sind zu größerer Vernunft und viel größerer Unvernunft als Schimpansen in der Lage – und so widme ich mich nun genauso zielgerichtet, freundlich und vorurteilsfrei, wie ich mich den Schimpansen genähert habe, den Menschen“, sagte sie mir einmal sinngemäß. Nach den Vorträgen sprach sie geduldig mit hunderten Gästen – und floh in ihrer knappen Freizeit in die Natur des Englischen Gartens in München oder in die Stille des Magdeburger Doms, um danach noch bis tief in die Nacht hinein EMails zu beantworten. Auf einer dieser Vortragsreisen ist Jane am 1. Oktober 2025 im Alter von 91 Jahren friedlich eingeschlafen. Wenn ich an sie zurückdenke, dann sehe ich mit Dankbarkeit und Bewunderung die Konstanten, die ihr Leben prägten: ihre Liebe zur Natur, die sie stets aktiv wachgehalten hat; ihre teilnehmende vorurteilsfreie Beobachtungsgabe; ihr Vertrauen darauf, dass der Mensch als soziales Wesen zum Guten und zum Zusammenhalt fähig ist; und ihre Bereitschaft, für das, was sie für richtig und wichtig hielt, mit allen Konsequenzen einzustehen – und so dem eigenen Traum zu folgen. Dr. Stefan Einsiedel Umwelt- und Wirtschaftsethiker, ist Geschäftsführer des Zentrums für Globale Fragen an der Hochschule für Philosophie in München. Portrait: © HFPH Kleiss 7 SCHWERPUNKT
Tiere – von der Vielfalt in der Schöpfung Zwischen Adler und Schwein, Sabbatruhe und Sintflut: P. Christian Rutishauser SJ befasst sich mit den überraschend differenzierten Bibelerzählungen vom Tier. Jesus verweist in seiner Lehrtätigkeit auf die Sorglosigkeit der Vögel am Himmel, für die Gott da ist. Bei einer Heilung treibt er Dämonen aus und lässt sie in die Schweine fahren, die sich selbst im See ertränken. Jesus wendet sich nicht in besonderer Weise den Tieren zu, doch er sieht sie wie seine jüdischen Mitmenschen im Licht der Thora. Die einen Tiere sind edel, wie zum Beispiel der Adler; man kann von ihm lernen. Schafe und Ziegen kann man liebhaben. Andere Tiere werden verachtet, wie das Schwein. Es verkörpert negative Eigenschaften. Diese Tiere werden leider allzu leicht schlecht behandelt. Dem biblischen Menschen sind die Tiere auf jeden Fall ein vielfältiges Gegenüber, mit denen er zusammenlebt. Die einen kann er für sich nutzen wie Ziege oder Pferd, die anderen machen ihm den Lebensraum strittig und bedrohen ihn wie der Bär oder die Schlange. In der Vision einer geordneten Welt haben alle ihren Lebensraum, wenn es im Psalm 104 heißt: „Die Junglöwen fordern von Gott ihre Speise. Geht die Sonne auf, ziehen sie sich zurück; dann geht der Mensch aus an sein Werk bis zum Abend.“ In einer versöhnten Welt wären auch Tiere untereinander friedlich: „Der Wolf weilt beim Lamm, und der Leopard beim Böcklein“ (Jes 11). Doch Leben ist und bleibt ein Kampf. Fressen und gefressen werden trifft für das Tierreich besonders zu – zuweilen auch für den Menschen. Gemäß dem Schöpfungshymnus, der die Bibel eröffnet, werden Mensch und Tiere auf dem Land am selben Tag erschaffen. Der Mensch wird dabei nirgends als Krone der Schöpfung beschrieben. Essen darf er nur von den Früchten der Erde. Erst nach der Sintflut, wenn die Schöpfung neu ansetzt, ist ihm Tierverzehr erlaubt. Diesbezügliche Vorschriften werden später im jüdischen Religionsgesetz festgeschrieben: Keine Tierquälerei beim Schlachten; es muss geschächtet werden. Vor allem aber dürfen dem lebendigen Tier keine Glieder und einzelnen Fleischstücke abgetrennt werden, eine Praxis, die in der Antike üblich war, da man so das Fleisch, das man erst später essen wollte, frischhalten konnte. Wie stark der biblische Mensch mit dem Tier zusammenlebte und für es sorgte, zeigt beispielhaft das Sabbatgebot im Dekalog: Nicht nur der Mensch, auch das Tier braucht Ruhe und Erholung von der Arbeit. Und wenn Jona die Stadt Ninive zur Umkehr ermahnt und Vernichtung androht, so werden auch die Tiere von den Niniveiten in Sack und Asche gelegt. Das Erbarmen gegenüber dem vielen Vieh, das im Schlussvers des Buches Jona genannt wird, scheint dem Erzähler besonders wichtig. Die Tiere erscheinen in der Bibel als Inbegriff von Leben und Lebendigkeit. Auf Hebräisch heißen Tiere baale chaijm, die des Lebens Mächtigen. Ihre Bewegung und Vitalität stechen ins Auge. Gerade die jungen Tiere sind für Kinder so faszinierend, da sie sich spielerisch in ihnen selbst entdecken. Die tierische Lebenskraft beeindruckt aber auch den Erwachsenen. In den alten Kulturen wurde sie oft überhöht und sogar vergöttlicht. So warnt die Bibel einerseits, die Kraft des Pferdes nicht zu sehr zu bewundern. Andererseits wird die 8 SCHWERPUNKT
Verehrung der vitalen Kraft als Götzendienst eingestuft. Als nämlich im alten Israel in den Reichsheiligtümern in Dan und Bethel StierBilder aufgestellt wurden, die die Potenz und Kraft Gottes vergegenwärtigen sollten, wurde dies kritisiert. Die Erzählung vom sprichwörtlich gewordenen „Goldenen Kalb“ zeugt davon. Vom Gold-Stier, der natürliche und eigene Macht und Potenz verkörpert, müsste gesprochen werden. Dies ist Götzendienst schlechthin. Bis heute haben Menschen die Tendenz, Tiere entweder zu verachten oder aber sie zu überhöhen. Sie werden entweder zu reinen Objekten der Nahrungsmittelproduktion degradiert oder aber zur eigenen Bedürfnisbefriedigung als mitmenschlicher Beziehungsersatz missbraucht – mehr menschlich als tiergerecht behandelt. Genesis 2 erzählt, wie der Mensch im Tier ein Gegenüber sucht, letztlich aber erst im anderen Menschen ein ebenbürtiges Gegenüber findet. Bei aller Mitgeschöpflichkeit unterscheidet die Bibel nämlich zu Recht auch zwischen Mensch und Tier. Sie hat keine Angst vor Unterschied und Differenz, denn dies bedeutet zuerst einmal Vielfalt, nicht Hierarchie. Sie hat Freude an der Fülle der Geschöpfe, die alle auf ihre Weise von Gottes schöpferischer Weisheit und Güte zeugen. Gerade vor ihm erhalten alle Geschöpfe ihren je angemessenen Ort, ohne einfach einander ausgeliefert zu sein. Analog dazu unterscheidet die biblische Tradition auch zwischen Tieren und Pflanzen wie auch zwischen Menschen und Engeln. Allein der Mensch ist im Abbild Gottes geschaffen und hat den Auftrag, ihm ähnlich zu werden. Er allein verfügt über eine Entscheidungsfreiheit, ist fähig, ethisch zu handeln. Nur er kann – muss aber auch – zwischen Gut und Böse unterscheiden. Er allein weiß um seine Sterblichkeit. Dies gibt ihm Würde, macht ihn aber auch verantwortlich. Dazu braucht er Anleitung und Weisung, die Thora und das Evangelium. Der Mensch muss lernen, wie es weder Engel, Tiere noch Pflanzen müssen, damit ihm das Leben gelingt und sinnvoll erscheint. P. Christian Rutishauser SJ ist seit 2014 ständiger Berater des Heiligen Stuhls für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum. Im Sommer 2024 übernahm er die Professur für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern. Portrait: © SJ-Bild 9
Der Glaube der Tiere Was wäre, wenn das Staunen, das Hauptthema im Psalm 103/104, mehr als nur eine sonntägliche Unterhaltung wäre? Und wenn die stummen Lebewesen um uns herum den Weg zu einem erfüllten Leben zeigen würden? Ich gehe mit meiner Frau gerne in den Zoo, um Tiere zu beobachten: Wir amüsieren uns über das lustige Verhalten der einen und bewundern die Schönheit der anderen. Wenn wir wieder in die U-Bahn steigen, fühle ich mich irgendwie leichter. Im Psalm 104 ist die Erde ein bisschen wie ein Zoo, der Spielplatz Gottes, der Berge pflanzt, Flüsse fließen lässt, „seine Hand öffnet“ und die Geschöpfe ernährt, die er dort verstreut. Ich lese diesen Psalm gerne, aber ich würde nicht sagen, dass ich darin viel Lehrreiches finde. Dass Gott alles am Leben erhält, das glaube ich schon sowieso, deshalb hilft es mir weder, ein besserer Mensch zu werden, noch einen sinnvollen und befriedigenden Beruf zu wählen. Wenn ich hingegen meditiere, wie jedes einzelne Geschöpf sein Dasein von Gott erhält und lebt, statt „die Tiere“ als abstrakte, uniforme Menagerie zu betrachten, wenn ich mich neben den wilden Eseln aufhalte, die ihren Durst stillen, neben den Vögeln des Himmels, die im Laub singen, und sogar neben dem Menschen, ein Tier unter anderen, das die Pflanzen kultiviert, die Gott wachsen lässt, dann erinnere ich mich daran, dass das Leben nicht in erster Linie dazu da ist, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das Leben ist zum Leben da. Die einfachen Wesen, die sich damit zufriedengeben, leben frei von Sorgen und eitlen Ambitionen. So werden die Tiere zu Wächtern dieser Weisheit, die wir selbst allzu schnell vergessen. Und doch spüre ich, dass meine Seele mehr verlangt. Um ein „gelungenes“ Leben zu führen, muss ich auch einen persönlichen Weg wählen. Paradoxerweise lädt mich die gelassene Haltung der Tiere aber dazu ein, ohne bestimmtes Ziel zu beten. „Alle zählen auf dich, dass du ihnen zur rechten Zeit ihre Nahrung gibst“, heißt es im Psalm: Wie die Tiere verzichte ich darauf, hinter diesen Worten nach Antworten für mein Leben zu suchen, und begnüge mich damit, Gott die Initiative zu überlassen, damit er den richtigen Moment wählt, um sie mir zu geben ... Und da meine Skepsis noch immer Widerstand leistet, zwinge ich mich, diese Tiere näher zu betrachten, um sie nicht nur als Vorbilder für das Leben, sondern auch als Vorbilder für den Glauben ernst zu nehmen. Der Glaube dieser stummen Wesen lässt sich zwar nicht konkret „wahrnehmen“, eigentlich wie die Innerlichkeit jedes einzelnen Menschen. Das heißt aber nicht, dass es ihn nicht gibt. Weil ich daran glaube, dass jedes geschaffene Leben bereits „gelungen“ ist, erahne ich hinter der Gelassenheit dieser pelzigen und gefiederten Wesen, in der Offensichtlichkeit ihrer Verbindung zur Welt, die Realität eines Vertrauens und Glaubens, die mir so zur sicheren Grundlage für meine weiteren Entscheidungen werden. So finde ich in mir alle Antworten, die schon immer da waren; ich kann mein Leben weiterleben, einen Schritt nach dem anderen, ausgehend von der grundlegenden Entscheidung zu glauben. Indem ich auf das Wirkliche vertraue, glaube ich an die Zukunft. Gott hat mir zur rechten Zeit meine Nahrung gegeben ... Julien Lambert ist Schweizer und ehemaliger Jesuit. Er lebt in Paris, wo er mit psychisch kranken Menschen arbeitet. Seine Lieblingstiere sind die Seekuh und der Hirsch. Portrait: © privat 10 SCHWERPUNKT
Das Tier in uns hören Pater Johann Spermann SJ schreibt über die Kunst, dem Lebendigen Raum zu geben. Es gibt Tiere, die uns durchschauen, bevor wir überhaupt ein Wort gesagt haben. Ein Pferd spürt jede Spannung in unserem Körper – den Atem, der stockt, die Hand, die zu fest zieht. Ein Hund trägt die Stimmungen einer Familie mit, als übersetze er sie für sein Familienrudel: Angst, Freude, Streit, Nähe. Katzen verschwinden, wenn im Raum zu viel Unruhe herrscht, und kommen zurück, sobald die Luft wieder still ist. Wer mit Tieren lebt, weiß: Sie lesen uns anders, genauer, unverstellt. Und manchmal erinnern sie uns daran, dass wir selbst Teil derselben Sprache sind – einer Sprache aus Bewegung, Ton, Atem, Resonanz. Das Wissen der Tiere Tiere haben keine Theorien. Sie leben in einem Wissen, das sich nicht erklären muss. Sie handeln aus einer Intuition, die nicht denkt, sondern spürt. Vielleicht ist genau das ihre stille Weisheit: Sie sind ganz in dem, was ist. Für uns Menschen ist dieses Wissen nicht verloren, nur verschüttet. Unter Schichten aus Reflexion, Kontrolle und Gewohnheit liegt auch in uns ein feiner Sinn für das, was geschieht – leiblich, unmittelbar, wortlos. Manchmal begegnet er uns wieder, wenn wir still werden und dem Körper zuhören. Dann tauchen innere Bilder auf, Bewegungen, Klänge – und zuweilen auch Gestalten, die tierische Züge tragen. Wenn sich das Innere zeigt Solche inneren Tiere sind keine psychologischen Kuriositäten. Sie entstehen dort, wo das Leben sich ausdrücken will, aber noch keine Worte hat. Sie sind Bilder aus der Tiefe – Körperbilder, die sich formen, wenn etwas in uns gehört werden möchte. Viele Menschen spüren ein scheues Tier in sich, das jede Nähe meidet, weil sie einmal zu wehgetan hat. Andere begegnen einem Wachhund, der sofort anschlägt, sobald jemand zu nahe kommt – treu, erschöpft, unbestechlich in seinem Dienst. Und manchmal zeigt sich auch ein Wolf: wild, hungrig, ungestüm. Einer, der reißen will, weil er zu lange eingesperrt war. Das sind keine Zufälle und keine bloßen Fantasien. Es sind Verdichtungen von Gefühl, Erinnerung, Energie – Gestalten eines inneren Wissens, das älter ist als unser Denken. Sie tauchen auf, wenn der Körper die Sprache übernimmt, wenn das Schweigen in uns eine Stimme findet. Wer diesen Tieren zuhört, statt sie zu bekämpfen, erlebt, wie sie sich verändern. Das scheue Wesen hebt den Kopf. Der Wachhund legt sich hin. Der Wolf hört auf zu reißen, weil er nicht mehr eingesperrt ist. So geschieht etwas, das man kaum benennen kann – vielleicht Gnade: ein Moment, in dem das Leben nicht mehr nur aus sich selbst atmet. Eine Haltung des Hörens Der amerikanische Philosoph Eugene Gendlin nannte diese Art des Hinhörens Focusing: eine Weise, dem Körper das Wort zu geben, bevor der Verstand es deutet. Nicht analysieren, sondern hören. Nicht kontrollieren, sondern Raum schaffen, damit das Leben sich weiterbewegen kann. In der geistlichen Tradition des Ignatius von Loyola klingt etwas Ähnliches an: das „Unterscheiden der Geister“. Auch hier geht es um Lauschen – auf das, was sich regt, ohne es vorschnell zu bewerten. Beide Wege vertrauen darauf, dass das Leben selbst eine Richtung weiß. Wenn wir still werden, kann sich zeigen, was lebendig werden will – auch wenn es in der Sprache eines Tieres kommt. 12 SCHWERPUNKT
Mitgeschöpflichkeit Wer dem Tier in sich zuhört, lernt auch, die Tiere draußen neu zu sehen. Nicht als Gegenüber, sondern als Mitgeschöpfe. Sie zeigen uns, wie Beziehung ohne Worte gelingt – wie Achtsamkeit, Vertrauen und Gegenwärtigkeit im Leib beginnen. In jeder Begegnung mit einem Tier – in den Augen eines Pferdes, das uns prüfend ansieht, oder in der stillen Wärme eines schlafenden Hundes – klingt etwas von der Schöpfung an, die uns mitatmet. Franz von Assisi sprach von Bruder Wolf und Schwester Lerche. Vielleicht meinte er genau das: eine innere Verwandtschaft, die über Arten hinausreicht, eine leise Erinnerung daran, dass alles Lebendige miteinander spricht. Das Tier in uns will nicht gezähmt werden. Es will nur, dass wir hinhören. Vielleicht ist das schon genug: ein Augenblick, in dem das Leben selbst aufhorcht, als hätte es uns wiedergefunden. Kein großes Geheimnis, kein Glanz – nur Atem, Gegenwart, Bewegung. Und wer genau hinhört, merkt: In diesem Lauschen sind wir nicht allein. P. Johann Spermann SJ ist Psychologe, Theologe und Focusing-Trainer. Er lebt in Ludwigshafen und begleitet Menschen auf der Suche nach innerer Resonanz und spiritueller Tiefe. Portrait: © SJ-Bild 13
Der Wunsch, ein Tier zu werden Wie wäre es, aufzuwachen und ein Käfer zu sein? Dr. Alexandra Tretakov weiß, dass Literaten nicht nur fantasieren, wenn Menschen tierisch werden. Tiere sind in Literatur und Kunst allgegenwärtig. Sie bevölkern Mythen und Märchen, Fabeln, Gedichte und Romane, erscheinen als Gefährten des Menschen, als Spiegel seiner Ängste und Hoffnungen oder als Projektionsflächen kultureller Vorstellungen. Besonders eindrücklich wird diese Nähe dort, wo die Grenze zwischen Mensch und Tier selbst ins Spiel kommt. Wenn Menschen zu Tieren werden, gerät nicht nur ihre äußere Gestalt ins Wanken, sondern auch ihr Platz in der Welt. Sprache und soziale Zugehörigkeit müssen neu ausgehandelt werden. Was bleibt vom Menschsein, wenn der Körper ein anderer wird? Und wie sehr hängt unsere Identität vom Blick der anderen ab? Geschichten von Tierverwandlungen laden dazu ein, über Identität und die grundlegende Verbundenheit verschiedener Lebensformen nachzudenken. Entsprechend zählt die Vorstellung, ein Mensch könne sich in ein Tier verwandeln, zu den ältesten und zugleich wirkmächtigsten Erzählideen der Literaturgeschichte. Solche Grenzverschiebungen sind selten bloßes Spiel mit dem Wunderbaren. Vielmehr berühren sie zentrale Fragen nach Körperlichkeit und Selbstbild. In Ovids Metamorphosen (8 n. Chr.) verwandeln sich Menschen in Tiere oder Pflanzen, weil ihre Leidenschaften oder ihr Leiden in menschlicher Gestalt nicht mehr auszuhalten sind. Zwar verändert sich der Körper radikal, doch Erinnerung und Empfindung bleiben erhalten. Gerade durch diese Spannung bringt die neue Gestalt ans Licht, was zuvor verborgen lag, und macht innere Sehnsüchte sichtbar. Auch Märchen aus verschiedenen Kulturen greifen diese Vorstellung auf ihre eigene Weise auf. Tierverzauberte Bräute und Bräutigame, 14
Schwestern und Brüder, Bär-, Frosch- oder Vogelfrauen und -männer bewegen sich zwischen Menschlichem und Tierischem und erfahren das Tiersein als einen Zwischenzustand. Die Verwandlung ist meist zeitlich begrenzt und an Bedingungen geknüpft. Sie stellt eine Prüfung dar, in der sich Geduld und Mitgefühl bewähren müssen. Das tierische Dasein ist dabei nicht bloß Mangel, sondern ein Erfahrungsraum, der Verletzlichkeit lehrt. Erlösung bedeutet schließlich nicht einfach die Rückkehr zum menschlichen Körper, sondern eine veränderte Beziehung zum anderen, die erst durch das Durchleben des Fremden möglich wird. Eben dieses Versprechen der Rückkehr jedoch wird in der modernen Literatur dezidiert infrage gestellt. Franz Kafka lässt Gregor Samsa (Die Verwandlung, 1912) ohne jede Erklärung zum Tierwesen werden. Dieser Gestaltwechsel ist kein magisches Ereignis, sondern eine nüchterne Tatsache, mit der sowohl Gregor als auch seine Umwelt umgehen müssen. Entscheidend ist dabei nicht, in was er sich verwandelt hat, sondern wie seine Mitmenschen auf ihn reagieren. Sein veränderter Körper macht die Zerbrechlichkeit sozialer Bindungen und die engen Grenzen menschlicher Solidarität sichtbar. Gregor erfährt, wie schnell ein Mensch aus Gemeinschaft und Fürsorge herausfällt, sobald er nicht mehr (sprachlich) verständlich ist oder keinen erkennbaren Nutzen mehr erfüllt. Samsas Tierwerdung ist keine Strafe, sondern ein radikaler Perspektivwechsel, der die Wahrnehmung des Andersseins und die sozialen Mechanismen der Abwertung schärft. Während Kafka die Verwandlung als abrupten Bruch inszeniert, richten viele postmoderne Werke den Blick auf schleichende Übergänge und kulturelle Zuschreibungen. In Marie Darrieussecqs Truismes/Schweinerei (1996/97) verwandelt sich die namenlose Ich-Erzählerin allmählich in ein Schwein. Die Metamorphose setzt ein, während sie in einem Parfümladen arbeitet und zunehmend den objektifizierenden Erwartungen der Kundschaft ausgesetzt ist. Schritt für Schritt übernimmt ihr Körper tierische Eigenschaften, bis sie schließlich sogar Fortpflanzung als Schwein erlebt. Das Schwein, stereotyp als „schweinisch“, also maßlos oder unrein verortet, reflektiert menschliche Vorstellungen über Tiere, zugleich wirft es ein Licht auf Geschlechterrollen und gesellschaftliche Hierarchien. Indem die Erzählerin diese Zuschreibungen am eigenen Leib erfährt, wird sichtbar, wie sehr kulturelle Vorstellungen über Tiere unser Denken und Handeln prägen. Anders als in Märchen verspricht diese Transformation keine Erlösung, sondern legt soziale Mechanismen und stereotype Wahrnehmungen schonungslos offen. Diese unterschiedlichen literarischen Formen verdeutlichen, dass Tierverwandlung mehr ist als ein Fantastikum. Während Kafka das plötzliche, existenzielle Ausgesetztsein zeigt, offenbart Darrieussecq die kulturell geprägte Zuschreibung von Eigenschaften und Wertigkeiten. In Märchen dagegen erfahren Figuren das Tiersein als lehrreichen Zwischenzustand, der Empathie und Aufmerksamkeit verlangt. Zusammen illustrieren diese Texte, wie literarische Tierverwandlungen den Blick für soziale, kulturelle und körperliche Realitäten schärfen, und wie sie Perspektiven eröffnen, die über das Menschliche hinausweisen. Tierwerdung ist somit nicht nur Metapher, sondern eine Erfahrung, die Wahrnehmung und Sensibilität erweitert, soziale Konventionen hinterfragt und ein Bewusstsein für die Verletzlichkeit des Lebens schafft. Dr. Alexandra Tretakov studierte Germanistik und Slavistik in Trier und promovierte zur Rezeption Paul Celans in Russland. Sie lehrt und forscht am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft der Katholischen Universität EichstättIngolstadt mit Schwerpunkten in der Gegenwartsliteratur und den Literary Animal Studies. Portrait: © privat 15 SCHWERPUNKT
Geschmack oder Gerechtigkeit? Dr. Claudia Paganini zeigt, warum der respektlose oder respektvolle Umgang mit Tieren keine Frage des persönlichen Geschmacks ist – und was das über unsere Gesellschaft aussagt. In diesem Semester habe ich ein Seminar zur „Tierethik in der Religion und in der Philosophie“ abgehalten. Die Studierenden haben dazu die Heiligen Texte der abrahamitischen Religionen, aber auch von Buddhismus, Hinduismus und indigenen Traditionen sowie philosophische Klassiker zur Mensch-Tier-Beziehung untersucht. Egal aus welcher Perspektive wir das Thema reflektierten, das Ergebnis war immer, dass das menschliche Verhalten – in der Lebensmittelindustrie, dem Versuchstierwesen und der Kleidungsproduktion – grob defizitär ist. Jeden Tag werden Millionen von Lebewesen, die mit Sicherheit Schmerzen empfinden können und ein berechtigtes Interesse an ihrem eigenen Überleben haben, gequält und getötet, einfach nur, weil Menschen nicht auf den kulinarischen Genuss einer Fleischkäsesemmel oder die Eleganz eines Pelzkragens verzichten wollen. Die Stimmung war angespannt und man konnte von Woche zu Woche den inneren Widerstand spüren, der aus der kognitiven Dissonanz, also der innerpsychischen Spannung zwischen moralischem Imperativ und der alltäglichen Praxis entstand. „Das Schlimme ist“, meinte letztens ein Student, „dass diese Tierrechtler so dogmatisch sind. Damit stoßen sie andere Menschen vor den Kopf und schaden der Debatte.“ Was man hier beobachten kann, ist eine eigenartige Verschiebung des Problems. Wer auf Unrecht aufmerksam macht, wird als kognitiv und charakterlich defizitär dargestellt. Im Seminar geschah das zumindest in einer angemessenen Sprache. Am Stammtisch sind die Worte deftiger, die Tierrechtsaktivisten werden regelmäßig ins kriminelle Eck gerückt. Das ist historisch betrachtet nicht neu. Die Tierrechtsbewegung ist zwar verhältnismäßig jung, zieht man Peter Singers Animal Liberation von 1975 als ihr Gründungsmanifest heran. Doch es lassen sich Parallelen zu anderen emanzipatorischen Bewegungen ziehen: dem Kampf gegen die Sklaverei und für die Emanzipation der Frauen. In beiden Fällen wurden diejenigen, die ein Ende des Unrechts forderten, das die Sklaverei den Sklaven und das Patriarchat den Frauen antaten, indem ihnen elementare Rechte vorenthalten wurden, für unverständig, unmoralisch, verrückt oder kriminell erklärt. Eine zweite Parallele besteht darin, dass die Frage nach dem richtigen Umgang mit Sklaven, Frauen und Tieren zu einer Frage des persönlichen Geschmacks degradiert wurde, nicht weit entfernt von Fragen, ob ich zu meiner Pizza lieber Wein oder Bier trinke. Die Argumentation ist immer die gleiche: Wie ich meine Sklaven behandle, ist meine Sache. Wie ich meine Frau behandle, ist meine Sache. Wie ich (meine) Tiere behandle, bzw. welcher Behandlung von Tieren ich durch mein Kauf- und Konsumverhalten zustimme, ist meine Sache. Weil wir tolerant sind, akzeptieren wir Vegetarier in unserer Mitte und sogar die extremen Veganer. Ähnlich tolerant gaben sich vermutlich auch diejenigen, die persönlich nichts gegen die Verfechter der Emanzipation der Frau und die Gegner der Sklaverei hatten, schließlich war es ja deren persönliche Meinung, eine Frage des Geschmacks – wie schon gesagt. Und so wie man in der gegenwärtigen Debatte immer wieder hört, es gebe eine Reihe von Betrieben, die ihr Schlachtvieh anständig behandelten, gab es natürlich auch damals 16 SCHWERPUNKT
einige Männer, die ihre Frauen anständig behandelten, ihre Meinung respektierten und einen wertschätzenden Umgang pflegten. Und es gab bestimmt auch einige Sklavenhalter, die ihre Sklaven anständig behandelten, sie nicht schlugen und sich nicht zu Tode schuften ließen. Ja, so konnte man gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder lesen, vielen Sklaven ging es bei ihrem Herrn so gut, dass sie gar nicht frei sein, die Plantage nicht verlassen wollten. Allein, das ist nicht der (relevante) Punkt. Entscheidend ist vielmehr, dass Menschen – Sklaven und Frauen – ohne Angabe guter Gründe elementare Rechte, wir nennen sie Menschenrechte, abgesprochen wurden. Im Lauf der Diskurse und Auseinandersetzungen hat man sich schließlich darauf geeinigt, dass das nicht legitim ist. Und man hat sich darauf geeinigt, dass der Umgang mit anderen Menschen, mögen sie noch so ohnmächtig und ihre Stimmen noch so unterrepräsentiert sein, eine Frage der sozialen Gerechtigkeit ist. Wie Menschenrechte in einer Gesellschaft umgesetzt werden, ist eben keine Frage des Geschmacks. Wie Menschenrechte in einer Gesellschaft umgesetzt werden, macht diese Gesellschaft als Ganze besser, gerechter, fortschrittlicher. Dasselbe gilt für den Umgang mit (nichtmenschlichen) Tieren. Wie wir sie behandeln, ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sagt etwas über die Qualität unserer Gesellschaft aus. Ihnen elementare Rechte – wie das Recht, nicht gequält oder getötet zu werden – abzusprechen, ist nicht nur nicht legitim, es ist ein Unrecht, das die Generationen nach uns – so bleibt zu hoffen – klarer als solches sehen werden. Rückblickend werden sie sich dann wohl auch über unsere Blindheit, Kälte und Gleichgültigkeit wundern, so wie wir das heute tun, wenn wir uns im gemütlichen Lehnstuhl des Gerechten historische Berichte über die Sklaverei zu Gemüte führen. PD Dr. Claudia Paganini lehrt an der Universität Innsbruck und forscht zu Fragen der Medien-, Medizin- und Tierethik. Sie ist Mitglied der Kommission für Tierversuchsangelegenheiten in Wien. Portrait: © STUDIO MATPHOTO 17
Der Elefant im Porzellanladen Ob Angsthase, Leseratte oder Schlaufuchs: Unsere Sprache wimmelt von Tieren. Warum verwenden wir die Redensarten und woher kommen sie? Eine Spurensuche von Dr. Anette Konrad. Tierische Redensarten gehören fest zum deutschen Sprachgebrauch – und sind weit mehr als sprachlicher Zierrat. Sie sind verdichtete Kulturgeschichte: kleine Erzählungen, die menschliche Eigenschaften, Schwächen und Stärken in einprägsame Bilder fassen. Der Grund für ihre Wirkung liegt in der Analogie. Abstrakte Eigenschaften wie Sturheit, Klugheit oder Überheblichkeit werden durch Tiervergleiche sofort verständlich. Wer „stur wie ein Esel“ ist, braucht keine weitere Erklärung. Viele Redewendungen gehen auf genaue Naturbeobachtungen zurück, andere auf Mythen, Fabeln oder historische Anekdoten. Manche beruhen auf antiken Realitäten, etwa wenn man sprichwörtlich „Eulen nach Athen trägt“ und damit etwas Überflüssiges tut. Sie verbinden Wissen, Volksglauben und Moral zu einer leicht verständlichen Formel und decken das gesamte Spektrum menschlichen Handelns ab: Sie erzählen von Effizienz („zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“), von Nähe („ein Katzensprung“), von Übertreibung („aus einer Mücke einen Elefanten machen“) oder von Anpassung und Ausgrenzung („mit den Wölfen heulen“, „das schwarze Schaf“). Indem wir uns selbst im Tier spiegeln, machen wir Verhalten erklärbar – und unsere Sprache lebendig und anschaulich. Wir erzeugen ein Bild im Kopf unseres Gegenübers. 18
Einen Bock schießen und Schwein haben Bei Schützenfesten erhielten früher die schlechtesten Schützen als Spottpreis einen Bock oder ein Ferkel. Damit war für alle sichtbar, wer danebengezielt hatte. Wer ein Schwein bekam, hatte trotz Blamage echtes Glück. Das wertvolle Nutztier musste zwar unter dem Gelächter der Zuschauer durch die Stadt geführt werden – sorgte aber immerhin für einen vollen Stall. So wurde aus der Schmach ein Gewinn. Bis heute leben beide Redewendungen weiter: Der Bock steht für den Fehltritt, das Schwein für unerwartetes Glück. Das ist des Pudels Kern Die Redewendung geht auf Goethes Faust zurück. Auf einem Spaziergang wird Faust von einem unheimlichen Pudel begleitet. Er beschwört den Hund mit Zaubersprüchen. Das Tier entpuppt sich später als Teufel Mephisto. Fausts Erkenntnis der Wahrheit führte zum geflügelten Wort „des Pudels Kern“, das man immer dann benutzt, wenn man den wahren Hintergrund einer Sache erkennt. Die Katze im Sack kaufen Wer die „Katze im Sack kauft“, tappt in eine klassische Falle – und die geht auf Till Eulenspiegel zurück. In einem alten Volksbuch lässt der Schelm eine lebende Katze in ein Hasenfell einnähen, steckt sie in einen Sack und verkauft sie als vermeintlichen Hasen. Der betrogene Käufer merkt erst zu Hause, was ihm da untergejubelt wurde. Seitdem steht die Redewendung dafür, etwas zu kaufen, ohne es vorher geprüft zu haben. Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts … Die bekannte Redewendung hat ihren Ursprung im Heidelberg des 19. Jahrhunderts. Ein Student namens Viktor Hase half 1854 einem Kommilitonen nach einem tödlichen Duell bei der Flucht. Vor dem Universitätsgericht weigerte er sich, den Täter zu verraten – und antwortete schlicht: „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.“ Der Satz machte schnell an den Universitäten die Runde und ging bald in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Bis heute steht er für augenzwinkerndes Nichtwissen – und für Loyalität. Ein Wolf im Schafspelz Der „Wolf im Schafspelz“ wirkt harmlos, verfolgt aber dunkle Absichten. Das Bild stammt aus der Bibel: Im Matthäusevangelium wird vor falschen Propheten gewarnt, „die in Schafskleidern kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind“ (Mt 7,15). Bis heute steht die Redewendung für Heuchelei und Manipulation. Eine Laus über die Leber gelaufen „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“ Diese Frage stellt man, wenn jemand unvermittelt schlecht gelaunt ist. In der Antike galt die Leber als Sitz der Gefühle. Schon der griechische Arzt Hippokrates verortete Zorn, Wut und Missmut in diesem Organ. Wer griesgrämig war, dem war sprichwörtlich „etwas über die Leber gelaufen“. Erst später, im Mittelalter, bekam dieses „Etwas“ einen Namen – die Laus. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen klingt die Alliteration gut und einprägsam: Laus, Leber, gelaufen. Zum anderen steht die Laus für etwas Winziges und Unbedeutendes. Genau das macht den spöttischen Unterton der Redewendung aus: Man unterstellt dem Gegenüber, sich über eine Nichtigkeit aufzuregen. Dr. Anette Konrad ist Journalistin und Chefin vom Dienst des Jesuiten-Magazins. Sie lebt und arbeitet in Ludwigshafen am Rhein. Quelle: Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. I + II, Verlag Herder Portrait: © privat 19 SCHWERPUNKT
Berührt vom Tier Rahel Werfeli erlebt es immer wieder: Pferde öffnen Türen, wo Worte versagen. Wie Kinder mit Autismus einen Bezug zur Umwelt aufbauen. Reiten begleitet Rahel Werfeli seit ihrer frühesten Kindheit: „Als Kind war ich eine richtige Pferdenärrin.“ Sie kümmerte sich um die Tiere von Freunden und Verwandten und nahm Reitstunden. Ihr erstes eigenes Pferd erhielt sie mit fünfzehn. Nach ihrer Ausbildung in der Krankenpflege und einer längeren Kinderpause kam sie in Kontakt mit einer Reittherapeutin, bei der sie die ersten Schritte in Pädagogik und Reittherapie machte. Dabei gibt es heute nicht nur Reit- und Pferdetherapie, sondern auch andere Tiere (wie Kaninchen und Hühner), „die speziell gezüchtet sind, um möglichst zahm zu sein“, und die für Tiertherapien eingesetzt werden können. Pferde hingegen können nicht derart gezüchtet werden. Es gibt aber Rassen wie das norwegische Fjordpferd oder das Islandpferd, die eine ausgesprochen ruhige Natur haben und von der Größe her besser geeignet sind. Die Ausbildung des Pferdes für die Therapie dauert mehrere Jahre, da zwischen den Trainingseinheiten regelmäßige Pausen eingelegt werden, damit sich das eben Gelernte setzen kann. Auf ihrem eigenen Weg überzeugte Rahel Werfeli die Freude der Kinder am Kontakt mit den Tieren und die erstaunlichen Reaktionen von beeinträchtigten Personen, die ansonsten wenig bis keine soziale Interaktion zeigen, sich selbst ausbilden zu lassen. Nach drei Jahren erhielt sie ihr Diplom und bietet seither Reittherapien an. Die Personen mit Beeinträchtigung, die zu ihr kommen, haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Es gibt solche, die lediglich Begleitung beim Reiten brauchen, aber ansonsten autonom sind. Andere, vor allem Kinder mit Formen von Autismus, lernen über den Kontakt zu den Pferden einen Bezug zur Umwelt aufzubauen. Es gibt sogar solche, die weder auf menschliche noch mechanische Reize reagieren. „Ein Junge“, so sagt sie, „hatte keinerlei Bezug, weder zu sich selbst noch zu anderen Menschen und war mit Worten nicht erreichbar.“ Auch ein Spielzeugauto, das man ihm in die Hand legte, ließ er wieder fallen. „Das Tier hingegen hat er sofort berührt und legte auch seinen Kopf an die Seite des Pferdes. Und wenn er auf dem Pferd saß, konnte man ihm ein Spielzeug in die Hand geben und er hielt es fest.“ Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Es sind viele kleine Schritte nötig. Aber die Freude über die Kinder, die durch das Tier eine Beziehung zur Umwelt und den Menschen aufbauen, motiviert: „Schnelle Wunder gibt es keine, Zeit und Geduld sind das A und O.“ Sie ist überzeugt: „Freude ist auch eine Therapie!“ Manchmal ist sie „fast ein bisschen wehmütig“, wenn die Kinder weitergehen. Aber der schönste Erfolg sei, wenn diese „nach einem längeren Prozess selbstständig reiten können“. Dokumentation: P. Mathias Werfeli SJ Rahel Werfeli ist Mutter von zwei Kindern und ausgebildet in Krankenpflege und Reittherapie. Sie lebt und arbeitet mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Hemmiken bei Basel. 20 SCHWERPUNKT
Tiere als spirituelle Identitätsstifter Wie die gefiederten Freunde des heiligen Meinrad zu Wappentieren von Kloster und Dorf Einsiedeln geworden sind, erklärt der Einsiedler Benediktiner-Pater Philipp Steiner. Wer durch den Wallfahrtsort Einsiedeln spaziert, merkt ziemlich schnell, welche Tierart untrennbar mit diesem Ort verbunden ist: die Raben. Es gibt sie auf den Wappen und Fahnen von Kloster und Bezirk, auf den Logos von Unternehmen und Institutionen, in Form von Pralinen und natürlich in freier Natur. Dass die Raben so stark zur Identität Einsiedelns gehören, hängt mit der Legende seines Gründerheiligen zusammen. Der heilige Meinrad zog sich um 835 in den „Finsteren Wald“ zurück, wo er an der Stelle der heutigen Gnadenkapelle seine Einsiedlerzelle errichtete. Die Legende berichtet, dass ihm in der Waldeinsamkeit nicht nur Ratsuchende gelegentlich Gesellschaft leisteten, sondern auch zwei zahme Raben. Diese waren auch zur Stelle, als ihn am 21. Januar 861 zwei Männer aufsuchten und ihn zum Opfer eines Raubmordes machten. In der ältesten Lebensbeschreibung des heiligen Meinrad, entstanden um 900, wird berichtet: „Die Raben, die gewöhnlich zum Diener Gottes kamen, solange er lebte, um Nahrung aus seinen Händen entgegenzunehmen, verfolgten die Fliehenden, als ob sie den Getöteten rächen wollten, und erfüllten mit mächtigen Schreien den Wald, flogen so nahe als möglich um ihre Köpfe herum und gaben so Kunde von der begangenen Schandtat.“ Spätere Legenden haben die Rolle der Raben noch weiter ausgeschmückt und erzählten von Meinrads Auffinden der beiden Jungvögel und deren Errettung vor der Bedrohung durch einen Habicht, und in großer Erzählfreude schilderten sie die Verfolgung der beiden Mörder durch die Raben bis nach Zürich. Bei so viel Präsenz in der Meinradslegende wurden die beiden Raben zu unverwechselbaren Attributen des Einsiedler Gründerheiligen und zu Wappentieren von Kloster und Bezirk Einsiedeln. Mit dem Attribut der Raben steht der heilige Meinrad in einer Reihe mit dem alttestamentlichen Vorbild aller Eremiten, dem Propheten Elija (1 Könige 17), mit dem ersten bezeugten christlichen Einsiedler, dem heiligen Paulus von Theben († 341) und mit dem Patriarchen des abendländischen Mönchtums, dem heiligen Benedikt von Nursia († 547). Bei ihnen allen übernimmt der oft negativ besetzte Rabe (Pechvogel/Unglücksrabe) eine ausgesprochen positive Rolle. Vor allem aber erinnert er uns an das Wort Jesu: „Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keine Vorratskammer und keine Scheune; und Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel!“ (Lk 12,24). P. Philipp Steiner OSB lebt seit 2007 in der Benediktinerabtei Unserer Lieben Frau in Einsiedeln. Er ist dort als Wallfahrtspater und Kustos verantwortlich für das Wallfahrtsbüro und die Klosterkirche. Foto: © Das Blockbuch von Sankt Meinrad und seinen Mördern und vom Ursprung von Einsiedeln, Basel, ca. 1450–1464 21 SCHWERPUNKT
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