Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Tiere – von der Vielfalt in der Schöpfung Zwischen Adler und Schwein, Sabbatruhe und Sintflut: P. Christian Rutishauser SJ befasst sich mit den überraschend differenzierten Bibelerzählungen vom Tier. Jesus verweist in seiner Lehrtätigkeit auf die Sorglosigkeit der Vögel am Himmel, für die Gott da ist. Bei einer Heilung treibt er Dämonen aus und lässt sie in die Schweine fahren, die sich selbst im See ertränken. Jesus wendet sich nicht in besonderer Weise den Tieren zu, doch er sieht sie wie seine jüdischen Mitmenschen im Licht der Thora. Die einen Tiere sind edel, wie zum Beispiel der Adler; man kann von ihm lernen. Schafe und Ziegen kann man liebhaben. Andere Tiere werden verachtet, wie das Schwein. Es verkörpert negative Eigenschaften. Diese Tiere werden leider allzu leicht schlecht behandelt. Dem biblischen Menschen sind die Tiere auf jeden Fall ein vielfältiges Gegenüber, mit denen er zusammenlebt. Die einen kann er für sich nutzen wie Ziege oder Pferd, die anderen machen ihm den Lebensraum strittig und bedrohen ihn wie der Bär oder die Schlange. In der Vision einer geordneten Welt haben alle ihren Lebensraum, wenn es im Psalm 104 heißt: „Die Junglöwen fordern von Gott ihre Speise. Geht die Sonne auf, ziehen sie sich zurück; dann geht der Mensch aus an sein Werk bis zum Abend.“ In einer versöhnten Welt wären auch Tiere untereinander friedlich: „Der Wolf weilt beim Lamm, und der Leopard beim Böcklein“ (Jes 11). Doch Leben ist und bleibt ein Kampf. Fressen und gefressen werden trifft für das Tierreich besonders zu – zuweilen auch für den Menschen. Gemäß dem Schöpfungshymnus, der die Bibel eröffnet, werden Mensch und Tiere auf dem Land am selben Tag erschaffen. Der Mensch wird dabei nirgends als Krone der Schöpfung beschrieben. Essen darf er nur von den Früchten der Erde. Erst nach der Sintflut, wenn die Schöpfung neu ansetzt, ist ihm Tierverzehr erlaubt. Diesbezügliche Vorschriften werden später im jüdischen Religionsgesetz festgeschrieben: Keine Tierquälerei beim Schlachten; es muss geschächtet werden. Vor allem aber dürfen dem lebendigen Tier keine Glieder und einzelnen Fleischstücke abgetrennt werden, eine Praxis, die in der Antike üblich war, da man so das Fleisch, das man erst später essen wollte, frischhalten konnte. Wie stark der biblische Mensch mit dem Tier zusammenlebte und für es sorgte, zeigt beispielhaft das Sabbatgebot im Dekalog: Nicht nur der Mensch, auch das Tier braucht Ruhe und Erholung von der Arbeit. Und wenn Jona die Stadt Ninive zur Umkehr ermahnt und Vernichtung androht, so werden auch die Tiere von den Niniveiten in Sack und Asche gelegt. Das Erbarmen gegenüber dem vielen Vieh, das im Schlussvers des Buches Jona genannt wird, scheint dem Erzähler besonders wichtig. Die Tiere erscheinen in der Bibel als Inbegriff von Leben und Lebendigkeit. Auf Hebräisch heißen Tiere baale chaijm, die des Lebens Mächtigen. Ihre Bewegung und Vitalität stechen ins Auge. Gerade die jungen Tiere sind für Kinder so faszinierend, da sie sich spielerisch in ihnen selbst entdecken. Die tierische Lebenskraft beeindruckt aber auch den Erwachsenen. In den alten Kulturen wurde sie oft überhöht und sogar vergöttlicht. So warnt die Bibel einerseits, die Kraft des Pferdes nicht zu sehr zu bewundern. Andererseits wird die 8 SCHWERPUNKT

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