Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Verehrung der vitalen Kraft als Götzendienst eingestuft. Als nämlich im alten Israel in den Reichsheiligtümern in Dan und Bethel StierBilder aufgestellt wurden, die die Potenz und Kraft Gottes vergegenwärtigen sollten, wurde dies kritisiert. Die Erzählung vom sprichwörtlich gewordenen „Goldenen Kalb“ zeugt davon. Vom Gold-Stier, der natürliche und eigene Macht und Potenz verkörpert, müsste gesprochen werden. Dies ist Götzendienst schlechthin. Bis heute haben Menschen die Tendenz, Tiere entweder zu verachten oder aber sie zu überhöhen. Sie werden entweder zu reinen Objekten der Nahrungsmittelproduktion degradiert oder aber zur eigenen Bedürfnisbefriedigung als mitmenschlicher Beziehungsersatz missbraucht – mehr menschlich als tiergerecht behandelt. Genesis 2 erzählt, wie der Mensch im Tier ein Gegenüber sucht, letztlich aber erst im anderen Menschen ein ebenbürtiges Gegenüber findet. Bei aller Mitgeschöpflichkeit unterscheidet die Bibel nämlich zu Recht auch zwischen Mensch und Tier. Sie hat keine Angst vor Unterschied und Differenz, denn dies bedeutet zuerst einmal Vielfalt, nicht Hierarchie. Sie hat Freude an der Fülle der Geschöpfe, die alle auf ihre Weise von Gottes schöpferischer Weisheit und Güte zeugen. Gerade vor ihm erhalten alle Geschöpfe ihren je angemessenen Ort, ohne einfach einander ausgeliefert zu sein. Analog dazu unterscheidet die biblische Tradition auch zwischen Tieren und Pflanzen wie auch zwischen Menschen und Engeln. Allein der Mensch ist im Abbild Gottes geschaffen und hat den Auftrag, ihm ähnlich zu werden. Er allein verfügt über eine Entscheidungsfreiheit, ist fähig, ethisch zu handeln. Nur er kann – muss aber auch – zwischen Gut und Böse unterscheiden. Er allein weiß um seine Sterblichkeit. Dies gibt ihm Würde, macht ihn aber auch verantwortlich. Dazu braucht er Anleitung und Weisung, die Thora und das Evangelium. Der Mensch muss lernen, wie es weder Engel, Tiere noch Pflanzen müssen, damit ihm das Leben gelingt und sinnvoll erscheint. P. Christian Rutishauser SJ ist seit 2014 ständiger Berater des Heiligen Stuhls für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum. Im Sommer 2024 übernahm er die Professur für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern. Portrait: © SJ-Bild 9

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