Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Der Glaube der Tiere Was wäre, wenn das Staunen, das Hauptthema im Psalm 103/104, mehr als nur eine sonntägliche Unterhaltung wäre? Und wenn die stummen Lebewesen um uns herum den Weg zu einem erfüllten Leben zeigen würden? Ich gehe mit meiner Frau gerne in den Zoo, um Tiere zu beobachten: Wir amüsieren uns über das lustige Verhalten der einen und bewundern die Schönheit der anderen. Wenn wir wieder in die U-Bahn steigen, fühle ich mich irgendwie leichter. Im Psalm 104 ist die Erde ein bisschen wie ein Zoo, der Spielplatz Gottes, der Berge pflanzt, Flüsse fließen lässt, „seine Hand öffnet“ und die Geschöpfe ernährt, die er dort verstreut. Ich lese diesen Psalm gerne, aber ich würde nicht sagen, dass ich darin viel Lehrreiches finde. Dass Gott alles am Leben erhält, das glaube ich schon sowieso, deshalb hilft es mir weder, ein besserer Mensch zu werden, noch einen sinnvollen und befriedigenden Beruf zu wählen. Wenn ich hingegen meditiere, wie jedes einzelne Geschöpf sein Dasein von Gott erhält und lebt, statt „die Tiere“ als abstrakte, uniforme Menagerie zu betrachten, wenn ich mich neben den wilden Eseln aufhalte, die ihren Durst stillen, neben den Vögeln des Himmels, die im Laub singen, und sogar neben dem Menschen, ein Tier unter anderen, das die Pflanzen kultiviert, die Gott wachsen lässt, dann erinnere ich mich daran, dass das Leben nicht in erster Linie dazu da ist, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das Leben ist zum Leben da. Die einfachen Wesen, die sich damit zufriedengeben, leben frei von Sorgen und eitlen Ambitionen. So werden die Tiere zu Wächtern dieser Weisheit, die wir selbst allzu schnell vergessen. Und doch spüre ich, dass meine Seele mehr verlangt. Um ein „gelungenes“ Leben zu führen, muss ich auch einen persönlichen Weg wählen. Paradoxerweise lädt mich die gelassene Haltung der Tiere aber dazu ein, ohne bestimmtes Ziel zu beten. „Alle zählen auf dich, dass du ihnen zur rechten Zeit ihre Nahrung gibst“, heißt es im Psalm: Wie die Tiere verzichte ich darauf, hinter diesen Worten nach Antworten für mein Leben zu suchen, und begnüge mich damit, Gott die Initiative zu überlassen, damit er den richtigen Moment wählt, um sie mir zu geben ... Und da meine Skepsis noch immer Widerstand leistet, zwinge ich mich, diese Tiere näher zu betrachten, um sie nicht nur als Vorbilder für das Leben, sondern auch als Vorbilder für den Glauben ernst zu nehmen. Der Glaube dieser stummen Wesen lässt sich zwar nicht konkret „wahrnehmen“, eigentlich wie die Innerlichkeit jedes einzelnen Menschen. Das heißt aber nicht, dass es ihn nicht gibt. Weil ich daran glaube, dass jedes geschaffene Leben bereits „gelungen“ ist, erahne ich hinter der Gelassenheit dieser pelzigen und gefiederten Wesen, in der Offensichtlichkeit ihrer Verbindung zur Welt, die Realität eines Vertrauens und Glaubens, die mir so zur sicheren Grundlage für meine weiteren Entscheidungen werden. So finde ich in mir alle Antworten, die schon immer da waren; ich kann mein Leben weiterleben, einen Schritt nach dem anderen, ausgehend von der grundlegenden Entscheidung zu glauben. Indem ich auf das Wirkliche vertraue, glaube ich an die Zukunft. Gott hat mir zur rechten Zeit meine Nahrung gegeben ... Julien Lambert ist Schweizer und ehemaliger Jesuit. Er lebt in Paris, wo er mit psychisch kranken Menschen arbeitet. Seine Lieblingstiere sind die Seekuh und der Hirsch. Portrait: © privat 10 SCHWERPUNKT

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