Geschmack oder Gerechtigkeit? Dr. Claudia Paganini zeigt, warum der respektlose oder respektvolle Umgang mit Tieren keine Frage des persönlichen Geschmacks ist – und was das über unsere Gesellschaft aussagt. In diesem Semester habe ich ein Seminar zur „Tierethik in der Religion und in der Philosophie“ abgehalten. Die Studierenden haben dazu die Heiligen Texte der abrahamitischen Religionen, aber auch von Buddhismus, Hinduismus und indigenen Traditionen sowie philosophische Klassiker zur Mensch-Tier-Beziehung untersucht. Egal aus welcher Perspektive wir das Thema reflektierten, das Ergebnis war immer, dass das menschliche Verhalten – in der Lebensmittelindustrie, dem Versuchstierwesen und der Kleidungsproduktion – grob defizitär ist. Jeden Tag werden Millionen von Lebewesen, die mit Sicherheit Schmerzen empfinden können und ein berechtigtes Interesse an ihrem eigenen Überleben haben, gequält und getötet, einfach nur, weil Menschen nicht auf den kulinarischen Genuss einer Fleischkäsesemmel oder die Eleganz eines Pelzkragens verzichten wollen. Die Stimmung war angespannt und man konnte von Woche zu Woche den inneren Widerstand spüren, der aus der kognitiven Dissonanz, also der innerpsychischen Spannung zwischen moralischem Imperativ und der alltäglichen Praxis entstand. „Das Schlimme ist“, meinte letztens ein Student, „dass diese Tierrechtler so dogmatisch sind. Damit stoßen sie andere Menschen vor den Kopf und schaden der Debatte.“ Was man hier beobachten kann, ist eine eigenartige Verschiebung des Problems. Wer auf Unrecht aufmerksam macht, wird als kognitiv und charakterlich defizitär dargestellt. Im Seminar geschah das zumindest in einer angemessenen Sprache. Am Stammtisch sind die Worte deftiger, die Tierrechtsaktivisten werden regelmäßig ins kriminelle Eck gerückt. Das ist historisch betrachtet nicht neu. Die Tierrechtsbewegung ist zwar verhältnismäßig jung, zieht man Peter Singers Animal Liberation von 1975 als ihr Gründungsmanifest heran. Doch es lassen sich Parallelen zu anderen emanzipatorischen Bewegungen ziehen: dem Kampf gegen die Sklaverei und für die Emanzipation der Frauen. In beiden Fällen wurden diejenigen, die ein Ende des Unrechts forderten, das die Sklaverei den Sklaven und das Patriarchat den Frauen antaten, indem ihnen elementare Rechte vorenthalten wurden, für unverständig, unmoralisch, verrückt oder kriminell erklärt. Eine zweite Parallele besteht darin, dass die Frage nach dem richtigen Umgang mit Sklaven, Frauen und Tieren zu einer Frage des persönlichen Geschmacks degradiert wurde, nicht weit entfernt von Fragen, ob ich zu meiner Pizza lieber Wein oder Bier trinke. Die Argumentation ist immer die gleiche: Wie ich meine Sklaven behandle, ist meine Sache. Wie ich meine Frau behandle, ist meine Sache. Wie ich (meine) Tiere behandle, bzw. welcher Behandlung von Tieren ich durch mein Kauf- und Konsumverhalten zustimme, ist meine Sache. Weil wir tolerant sind, akzeptieren wir Vegetarier in unserer Mitte und sogar die extremen Veganer. Ähnlich tolerant gaben sich vermutlich auch diejenigen, die persönlich nichts gegen die Verfechter der Emanzipation der Frau und die Gegner der Sklaverei hatten, schließlich war es ja deren persönliche Meinung, eine Frage des Geschmacks – wie schon gesagt. Und so wie man in der gegenwärtigen Debatte immer wieder hört, es gebe eine Reihe von Betrieben, die ihr Schlachtvieh anständig behandelten, gab es natürlich auch damals 16 SCHWERPUNKT
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