Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Berührt vom Tier Rahel Werfeli erlebt es immer wieder: Pferde öffnen Türen, wo Worte versagen. Wie Kinder mit Autismus einen Bezug zur Umwelt aufbauen. Reiten begleitet Rahel Werfeli seit ihrer frühesten Kindheit: „Als Kind war ich eine richtige Pferdenärrin.“ Sie kümmerte sich um die Tiere von Freunden und Verwandten und nahm Reitstunden. Ihr erstes eigenes Pferd erhielt sie mit fünfzehn. Nach ihrer Ausbildung in der Krankenpflege und einer längeren Kinderpause kam sie in Kontakt mit einer Reittherapeutin, bei der sie die ersten Schritte in Pädagogik und Reittherapie machte. Dabei gibt es heute nicht nur Reit- und Pferdetherapie, sondern auch andere Tiere (wie Kaninchen und Hühner), „die speziell gezüchtet sind, um möglichst zahm zu sein“, und die für Tiertherapien eingesetzt werden können. Pferde hingegen können nicht derart gezüchtet werden. Es gibt aber Rassen wie das norwegische Fjordpferd oder das Islandpferd, die eine ausgesprochen ruhige Natur haben und von der Größe her besser geeignet sind. Die Ausbildung des Pferdes für die Therapie dauert mehrere Jahre, da zwischen den Trainingseinheiten regelmäßige Pausen eingelegt werden, damit sich das eben Gelernte setzen kann. Auf ihrem eigenen Weg überzeugte Rahel Werfeli die Freude der Kinder am Kontakt mit den Tieren und die erstaunlichen Reaktionen von beeinträchtigten Personen, die ansonsten wenig bis keine soziale Interaktion zeigen, sich selbst ausbilden zu lassen. Nach drei Jahren erhielt sie ihr Diplom und bietet seither Reittherapien an. Die Personen mit Beeinträchtigung, die zu ihr kommen, haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Es gibt solche, die lediglich Begleitung beim Reiten brauchen, aber ansonsten autonom sind. Andere, vor allem Kinder mit Formen von Autismus, lernen über den Kontakt zu den Pferden einen Bezug zur Umwelt aufzubauen. Es gibt sogar solche, die weder auf menschliche noch mechanische Reize reagieren. „Ein Junge“, so sagt sie, „hatte keinerlei Bezug, weder zu sich selbst noch zu anderen Menschen und war mit Worten nicht erreichbar.“ Auch ein Spielzeugauto, das man ihm in die Hand legte, ließ er wieder fallen. „Das Tier hingegen hat er sofort berührt und legte auch seinen Kopf an die Seite des Pferdes. Und wenn er auf dem Pferd saß, konnte man ihm ein Spielzeug in die Hand geben und er hielt es fest.“ Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Es sind viele kleine Schritte nötig. Aber die Freude über die Kinder, die durch das Tier eine Beziehung zur Umwelt und den Menschen aufbauen, motiviert: „Schnelle Wunder gibt es keine, Zeit und Geduld sind das A und O.“ Sie ist überzeugt: „Freude ist auch eine Therapie!“ Manchmal ist sie „fast ein bisschen wehmütig“, wenn die Kinder weitergehen. Aber der schönste Erfolg sei, wenn diese „nach einem längeren Prozess selbstständig reiten können“. Dokumentation: P. Mathias Werfeli SJ Rahel Werfeli ist Mutter von zwei Kindern und ausgebildet in Krankenpflege und Reittherapie. Sie lebt und arbeitet mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Hemmiken bei Basel. 20 SCHWERPUNKT

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