Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Tiere als spirituelle Identitätsstifter Wie die gefiederten Freunde des heiligen Meinrad zu Wappentieren von Kloster und Dorf Einsiedeln geworden sind, erklärt der Einsiedler Benediktiner-Pater Philipp Steiner. Wer durch den Wallfahrtsort Einsiedeln spaziert, merkt ziemlich schnell, welche Tierart untrennbar mit diesem Ort verbunden ist: die Raben. Es gibt sie auf den Wappen und Fahnen von Kloster und Bezirk, auf den Logos von Unternehmen und Institutionen, in Form von Pralinen und natürlich in freier Natur. Dass die Raben so stark zur Identität Einsiedelns gehören, hängt mit der Legende seines Gründerheiligen zusammen. Der heilige Meinrad zog sich um 835 in den „Finsteren Wald“ zurück, wo er an der Stelle der heutigen Gnadenkapelle seine Einsiedlerzelle errichtete. Die Legende berichtet, dass ihm in der Waldeinsamkeit nicht nur Ratsuchende gelegentlich Gesellschaft leisteten, sondern auch zwei zahme Raben. Diese waren auch zur Stelle, als ihn am 21. Januar 861 zwei Männer aufsuchten und ihn zum Opfer eines Raubmordes machten. In der ältesten Lebensbeschreibung des heiligen Meinrad, entstanden um 900, wird berichtet: „Die Raben, die gewöhnlich zum Diener Gottes kamen, solange er lebte, um Nahrung aus seinen Händen entgegenzunehmen, verfolgten die Fliehenden, als ob sie den Getöteten rächen wollten, und erfüllten mit mächtigen Schreien den Wald, flogen so nahe als möglich um ihre Köpfe herum und gaben so Kunde von der begangenen Schandtat.“ Spätere Legenden haben die Rolle der Raben noch weiter ausgeschmückt und erzählten von Meinrads Auffinden der beiden Jungvögel und deren Errettung vor der Bedrohung durch einen Habicht, und in großer Erzählfreude schilderten sie die Verfolgung der beiden Mörder durch die Raben bis nach Zürich. Bei so viel Präsenz in der Meinradslegende wurden die beiden Raben zu unverwechselbaren Attributen des Einsiedler Gründerheiligen und zu Wappentieren von Kloster und Bezirk Einsiedeln. Mit dem Attribut der Raben steht der heilige Meinrad in einer Reihe mit dem alttestamentlichen Vorbild aller Eremiten, dem Propheten Elija (1 Könige 17), mit dem ersten bezeugten christlichen Einsiedler, dem heiligen Paulus von Theben († 341) und mit dem Patriarchen des abendländischen Mönchtums, dem heiligen Benedikt von Nursia († 547). Bei ihnen allen übernimmt der oft negativ besetzte Rabe (Pechvogel/Unglücksrabe) eine ausgesprochen positive Rolle. Vor allem aber erinnert er uns an das Wort Jesu: „Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keine Vorratskammer und keine Scheune; und Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel!“ (Lk 12,24). P. Philipp Steiner OSB lebt seit 2007 in der Benediktinerabtei Unserer Lieben Frau in Einsiedeln. Er ist dort als Wallfahrtspater und Kustos verantwortlich für das Wallfahrtsbüro und die Klosterkirche. Foto: © Das Blockbuch von Sankt Meinrad und seinen Mördern und vom Ursprung von Einsiedeln, Basel, ca. 1450–1464 21 SCHWERPUNKT

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