Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Was Vogelbeobachtung über die Nähe zu Gott lehrt Vögel kommen näher, wenn man sie nicht anstarrt. Vielleicht gilt das auch für Gott: Nähe entsteht dort, wo wir suchen, ohne festzuhalten. Nachdem ich mir während meiner Studienzeit als Busfahrer für einen ornithologischen UniKurs etwas dazuverdient hatte, fragte mich ein Kommilitone: „Und, wie viele Vögel hast du gesehen?“ Ich antwortete: „Gesehen vielleicht 30, aber gehört um die 120.“ Ich mag diese Frage. Zum einen kann man durch sie trefflich damit angeben, dass man in der Lage ist, Vögel anhand ihres Gesanges zu erkennen, was eine immer seltener werdende Kompetenz ist. Zum anderen zeigt sie aber auch, dass wir Menschen „Augentiere“ sind, die zunächst einmal Dinge sehen wollen. Natürlich ist es schön zu lernen, dass auch andere Sinne uns mit der Natur verbinden können. Aber für ein „Augentier“ ist es dann doch besonders, mal einen der Sänger mit eigenen Augen (und der hilfreichen Unterstützung eines Fernglases oder Spektivs) zu sehen. Das ist nicht immer ganz einfach: Selbst die Vögel, die gerne von exponierten Plätzen (sogenannten Singwarten) aus singen, haben eine Fluchtdistanz. Wird die unterschritten, fliegen sie davon. Meist flüchten sie schon vorher, weil wir Menschen gar nicht mehr wissen, wie bedrohlich wir auf andere Tiere wirken. Mit der Zeit ist mir aber eine Sache aufgefallen: Wenn man sich einem Vogel nähert, ihn dabei aber nicht mit dem Blick fixiert, dann kann man ihm viel näher kommen, als wenn man ihn bei der Annäherung aus Sorge, dass er davonfliegt, im Auge behält. Es ist fast so, als wäre der Blick des Menschen für die Vögel eine Art Warnsignal. Auch wenn ich nur ein Foto will – der Vogel meint, ich wolle einen Snack. Von meinen ersten kontemplativen Exerzitien war ich gleichermaßen überrascht wie beeindruckt. Nie hätte ich gedacht, so tiefe geistliche Erfahrungen zu machen. Als ich das einem Mitbruder erzählte, musste er etwas schmunzeln und sagte: „Wundert dich das? Du gehst freiwillig in die brandenburgische Wildnis, starrst (sic!) den ganzen Tag Vögeln hinterher. Wunderst du dich wirklich, dass Kontemplation etwas für dich ist?“ Dieser Mitbruder hatte recht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass wir uns Gott in derselben Weise wie den Vögeln nähern müssen. Wenn wir mit stierem Blick auf Gott zugehen, dann landen wir selten bei Gott, sondern meist bei unseren Vorstellungen von Gott. Unser Blick schafft gewissermaßen dieses Bild, an dem wir uns auf dem Weg zu Gott festhalten wollen wie der Vogel, den wir dadurch erschrecken, dass wir ihn mit unserem Blick wortwörtlich fixieren wollen. Mir wird immer klarer, dass wir Gott gerade dann nahekommen, wenn wir Gottes Nähe su- Geistlicher Impuls 22 GEISTLICHER IMPULS

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