Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Einer Fliege etwas zuleide tun? Gregor Taxacher zeigt anhand eines Kunstwerks, wie die Forschung über Taufliegen und die Tötung Jesu auf gleiche Weise verstören. Das Foto zeigt das Kunstwerk „Fliegenfänger“ von Lois Weinberger. Es hängt im Städel Museum Frankfurt. Weinberger hat zwei Streifen von Fliegenfänger-Papier mit den darauf haftenden toten Fliegenkörpern in Kreuzform angebracht. So entsteht ein Fliegen-Kruzifix. Vielleicht wird manche und mancher Gläubige darin eine Banalisierung der christlichen Kreuzesdarstellung sehen, eine Blasphemie gar, eine Verletzung religiöser Gefühle. Mir geht es jedoch ganz anders. Das Kunstwerk stellt mir als Theologen die Frage, worauf wir das Kreuz Christi beziehen, wofür es Bedeutung hat. Fliegenfänger/Fliegenpapier Als ich erstmals in Frankfurt vor Weinbergers Fliegenfänger stand, fielen mir sofort Kindheitserinnerungen ein. Diese Fliegenfänger hingen geringelt unter den Decken ländlicher Häuser, bevorzugt in den Stuben von Bauernhöfen, die ich auf Wanderungen mit meinem Vater kennenlernte. Sie hingen dort gleich über dem Tisch, auf dem es Kaffee und Kuchen gab. Völlig beiläufig und unbeachtet hingen sie da, aber ich konnte meinen Kinderblick nicht abwenden von den klebenden toten Fliegen und vor allem den noch lebenden, die sich in hoffnungslosen Bewegungen zu befreien suchten. Literarisch beschrieben hat diese Szene Robert Musil in seinem kleinen Text Fliegenpapier. Minutiös protokolliert er da das Erschrecken der Fliege beim ersten Anhaften der Füße an der Klebefalle, die immer verzweifelteren Entkommensversuche, die schrittweise Niederlage, wörtlich, nämlich durch immer mehr anklebende Körperstellen, den mitunter noch am nächsten Tag fortgesetzten Todeskampf. Und er notiert: In dieser nahen Sicht auf ihre hoffnungslosen Bewegungen wirkte sie „in diesem Augenblick ganz menschlich“. Drosophila-Porno Die moderne Insektenforschung gibt Musils vermenschlichendem Blick inzwischen recht. Aus Ausgaben der Wissenschaftszeitung Spektrum der vergangenen Jahre lassen sich etwa diese Erkenntnisse über die viel erforschten Taufliegen (Drosophila) zusammentragen: Massenhaft in kleine Gefäße eingesperrt, können sie Ess- und Schlafstörungen entwickeln. Dass es sich tatsächlich um seelisches Leiden handelt, lässt sich dadurch überprüfen, dass diese Störungen sich mit gängigen Antidepressiva behandeln lassen. Bei der Partnerwahl treffen die winzigen Fliegen individuelle Abwägungen, wobei sich in unterschiedlichen Fliegenpopulationen auch Moden sexueller Attraktivitätsmerkmale entwickeln können. Wenn es zwischen Flucht und Paarung zu entscheiden gilt, sind die Hormone Serotonin und Dopamin im Spiel, dieselben, die auch menschliche Angst- und Lustgefühle beeinflussen. Beim Liebesspiel führt das Männchen eine Balz mit Flügelvibration durch und stimuliert das Weibchen durch Klopfen und Lecken der Genitalien. Fliegen sind offensichtlich in zahlreichen Augenblicken „ganz menschlich“. Für Insektenforscher steht inzwischen – wie auch bei Bienen und Hummeln, deren Spielfreude gerade erforscht wurde – fest, dass es sich bei diesen Tieren um differenziert empfindungsfähige Individuen handelt. Ob sie auch körperliche Schmerzen empfinden, ist dabei umstritten. Lust und Leid jedenfalls kennen sie. Wir wissen nicht – wie es der Philosoph Thomas Nagel für Fledermäuse gesagt hat –, wie es ist, eine 2 SCHWERPUNKT

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