Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

dachte ich, man müsse möglichst große, drohende Bewegungen vollführen, laut schreien und leicht bis stärker auf das Tier klopfen. Sehr impulsiv beobachtete ich es bei bestimmten (älteren) Tierhändlern. Ich ahmte so ein Treiben nach und merkte, dass die Tiere nicht kooperativer wurden, sondern gefährlich ausschlugen und gestresst die Ohren einzogen. Ich erlebte auch eine andere Kommunikation mit den Kühen. Dabei ist entscheidend, dass das Tier mich sehen kann und in welcher Stimmung ich auftrete. Ich lernte bei den Milchkühen für mein Leben. Ich darf meinem Gespür und meinen Gefühlen vertrauen und zu ihnen stehen. Wenn Menschen in meinem Umfeld Tiere grob behandeln, mache ich nicht mit. Ich wuchs allmählich in eine neue Haltung hinein, Tieren auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht mehr ich bestimme, was das Tier zu tun hat, sondern wir arbeiten zusammen als Team. Auch beim Menschen funktioniert es auf Dauer nicht, wenn einer die anderen dominiert. Nimmt eine Lehrkraft keine Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler, verliert sie deren Kooperation. Schon Säuglinge sind bereit zu kooperieren. Ist diese Kooperation nur einseitig, wenn zum Beispiel die Zeit zum Windelwechseln oder Füttern nur von den Eltern festgelegt wird, dann kippt die Kooperation und die jungen Menschen schreien oder verstummen – sie resignieren. Kommt dies häufig vor, hat es starke Auswirkungen auf ihre Entwicklung und ihre spätere Lebenseinstellung. Sie befürworten zum Beispiel wiederum Dominanz, auch autoritäre Politik und Machtstrukturen. Bei einem Besuch eines Schulbauernhofs erzählte der Landwirt und Pädagoge, dass sich die jungen Menschen gerade die Tiere aussuchen, die von ihrem Charakter anders sind als sie. Umtriebige Kinder gehen zu gemächlichen Tieren wie zu einem Schwein. Kinder mit geringerer Willensstärke suchen sich Esel aus. Der Kontakt mit den Tieren hat positiven Einfluss auf die Charakterentwicklung. Hier lernen Schüler nicht Wissen „über“ Tiere, sondern entwickeln sich in der Partnerschaft mit ihnen weiter. Zum Beispiel zeigt eine Studie bei Kindern mit Bindungsschwierigkeiten, dass beim Empathie-Training mit Meerschweinchen weit weniger aggressives und mehr prosoziales Verhalten auftritt. Doch werden Tiere hier wieder als didaktisches „Mittel“ eingesetzt oder als Partner und Lehrende wahrgenommen? In vielen indigenen Kulturen werden Kinder und Jugendliche allein in die Wildnis geschickt, um von Tieren zu lernen, um von ihnen eine Vision zu empfangen. Diese Erfahrungen sind wertvolle Ressourcen für ihr ganzes Leben. Christlichen Missionaren und den westlichen Gesellschaften ist eine solche Praxis bis heute fremd. Wilde Tiere machen ihnen Angst. Indigene handeln aus einer anderen Haltung heraus. Ihre Grundlage ist eine über Generationen gewachsene Kooperation mit dem Land und dessen Tieren. Solche spirituellen Erfahrungen sammelten Menschen in vielen Religionen, vermutlich auch Jesus in seinen Wüstenzeiten. Einem Reh in freier Wildbahn in die Augen zu sehen, war für mich herzöffnend. Damals und danach war ich versucht, stolz auf diese Erfahrung zu sein. Ich verfiel in meine „Ich“-Perspektive. Das Tier wurde zu einer Art Trophäe und „Objekt“ in meinem Erfahrungsschatz. Doch damit verlasse ich die „Wir“-Sicht und Kooperation. Dabei kann die Erfahrung mit dem Reh bereichernder sein, wenn wirklich ein Blick-„Austausch“ stattfindet und wir ein wortloses Gespräch führen. Dominik Ritter lehrte Ethik an den Theologischen Fakultäten in Fulda und Regensburg. Er ist Lehrer für Mathematik und Religion und wuchs auf einem Biohof auf. Portrait: © Ritter 5 SCHWERPUNKT

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