Jesuiten 2026-1 (Deutschland-Ausgabe)

Weil die Begegnung mit Tieren uns menschlicher macht Dr. Stefan Einsiedel teilt mit uns seine Erinnerungen an die bekannte Naturschützerin Dr. Jane Goodall. „Dear Stefan: Follow your dream“, schrieb Jane Goodall als Widmung in ein Buch, das sie mir am Ende einer Lesereise schenkte. Zweimal hatte ich, der junge Biologiestudent und ehrenamtliche Pressesprecher im Jane-Goodall-Institut, sie quer durch Deutschland begleitet. Sie war damals Mitte 70 und seit Jahrzehnten an mehr als 300 Tagen im Jahr unterwegs. Als junge Frau hatte sie ihren Traum wahr gemacht, nach wenigen Jahren als Sekretärin (ein Studium konnte sie sich nicht leisten) endlich die Tierwelt Afrikas kennenzulernen. Dort traf sie den Anthropologen Louis Leaky, der sie – von ihrer feinen Beobachtungsgabe beeindruckt – in den Urwald Tansanias schickte, um Schimpansen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Janes Entdeckungen revolutionierten unser Verständnis von (Menschen-)Affen: nicht nur Menschen, sondern auch ihre nächsten tierischen Verwandten sind in der Lage, gezielt Werkzeuge herzustellen, langfristige Allianzen zu schmieden und leider auch jahrelange Kriege zu führen. Als ich Jane Goodall kennenlernte, war sie eine Legende, die ihre Berühmtheit mit feiner Selbstironie ertrug. Sie erzählte, dass sie gerade bei der Passkontrolle am Flughafen gefragt worden war: „Are you Dame Jane?“ Queen Elizabeth hatte sie kurz zuvor zur Dame Commander erhoben, aber Jane dachte im ersten Moment, sie werde mit einer Frau „mit einem bedauernswert dämlichen Namen verwechselt“ – und antwortete dann halb resigniert: „I am afraid that’s me.“ Irgendwann in den 1980er Jahren war der anerkannten Wissenschaftlerin schlagartig bewusst geworden, dass Schimpansen in wenigen Jahrzehnten ausgerottet sein könnten, woraufhin sie ihre liebgewonnenen Urwälder verließ, um weltweit ohne Unterlass für den Naturschutz zu werben: „Menschen sind zu größerer Vernunft und viel größerer Unvernunft als Schimpansen in der Lage – und so widme ich mich nun genauso zielgerichtet, freundlich und vorurteilsfrei, wie ich mich den Schimpansen genähert habe, den Menschen“, sagte sie mir einmal sinngemäß. Nach den Vorträgen sprach sie geduldig mit hunderten Gästen – und floh in ihrer knappen Freizeit in die Natur des Englischen Gartens in München oder in die Stille des Magdeburger Doms, um danach noch bis tief in die Nacht hinein EMails zu beantworten. Auf einer dieser Vortragsreisen ist Jane am 1. Oktober 2025 im Alter von 91 Jahren friedlich eingeschlafen. Wenn ich an sie zurückdenke, dann sehe ich mit Dankbarkeit und Bewunderung die Konstanten, die ihr Leben prägten: ihre Liebe zur Natur, die sie stets aktiv wachgehalten hat; ihre teilnehmende vorurteilsfreie Beobachtungsgabe; ihr Vertrauen darauf, dass der Mensch als soziales Wesen zum Guten und zum Zusammenhalt fähig ist; und ihre Bereitschaft, für das, was sie für richtig und wichtig hielt, mit allen Konsequenzen einzustehen – und so dem eigenen Traum zu folgen. Dr. Stefan Einsiedel Umwelt- und Wirtschaftsethiker, ist Geschäftsführer des Zentrums für Globale Fragen an der Hochschule für Philosophie in München. Portrait: © HFPH Kleiss 7 SCHWERPUNKT

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