Jesuiten 2026-2 (Schweiz-Ausgabe)

Jesuiten 2026-2 An den Grenzen

Jesuiten 2026-2 Bildredaktion Eine Gruppe von Studentinnen und Studenten des KstV Flamberg aus Bonn war im Februar zu Gast bei P. Klaus Mertes SJ im Berliner Forum der Jesuiten, um über Grenzen zu meditieren und um Orte zu besuchen, die für Grenzen und Grenzsituationen stehen. Vorbereitend tauschte sich die Gruppe auf persönlicher Ebene aus über Grenzen, die trennen; Grenzen, die schützen; Grenzübertritte, die befreien; Grenzverletzungen, die Wunden schlagen. Die Fotos in dem vorliegenden Heft basieren auf den Eindrücken des Besinnungstags in Berlin. Martina Schneider Bildredakteurin 1 Editorial Schwerpunkt 2 Papst Leo an die Gesellschaft Jesu 4 An den Grenzen wachsen 6 Wenn die unsichtbaren Mauern im Kopf bestehen bleiben 8 Grenzen schützen oder Menschen? 11 Brücken bauen im neuen Syrien 12 Eine begrenzte Welt 14 Wo das Vertraute endet 15 „Game over“ 16 Geh fort – Gottes Einladung an der Grenze 17 Das Außergewöhnliche im Alltäglichen einer Begegnung 18 Die Grenzen des Dialogs 20 Wenn die Kirche keine Mauer ist 21 Aufbruch in ein neues Zeitalter Geistlicher Impuls 22 An die Grenzen gesandt – mitten im Alltag Was macht eigentlich …? 24 P. Moritz Kuhlmann SJ Nachrichten 26 Nachrichten aus der Provinz Personalien 29 Personalnachrichten 30 Jubilare und Verstorbene Medien/Buch 31 Leben aus und an der Seite Jesu Vorgestellt 32 Das Canisius-Kolleg: Menschsein für andere Aus der Region 34 Diener der Wahrheit – Seelsorge im Gefängnis 36 Die besondere Bitte

„... 99 Luftballons Auf ihrem Weg zum Horizont ...“ in dem deutschen Schlager 99 Luftballons aus den 1980er Jahren stellte sich die Sängerin Nena vor, was passieren würde, wenn plötzlich die im Titel genannten Ballons vom Wind über die Berliner Mauer nach Ostberlin getrieben würden. Die Situation war damals so angespannt, dass man eine rasche Eskalation und einen Atomschlag befürchten konnte. Heute kann man sich fragen: Was würde passieren, wenn etwas Ähnliches in der Nähe einer der vielen „heißen“ Grenzen unserer Welt geschähe? Tatsächlich sprechen wir seit Jahren immer mehr über Grenzen. Sie bestimmen die Politik, riesige Mauern werden an ihnen errichtet, und sie sind zu einem versteckten Schauplatz unserer Gesellschaft geworden. Doch Grenzen sind nicht nur physisch, vielmehr existieren sie in uns als begrenzte Wesen: Sie zeigen unsere Verletzlichkeit, können aber auch zu einem Ort der Begegnung und der Hoffnung werden. In unserem Heft finden Sie Zeugnisse von Menschen, die Grenzen überwunden haben, wie Tawfik Youssef, oder die sich dafür entschieden haben, an ihnen zu arbeiten, wie Dieter Müller SJ und Julius Schmitzer. Felix Körner SJ und Bruder András aus Taizé erzählen uns, wie Religion zu einem Ort der Begegnung statt der Ausgrenzung werden kann. Timo Schönegg berichtet von seiner Erfahrung mit KI, einer Technologie, die unsere Grenzen zu sprengen scheint. Und wenn Sie sich fragen, wie Grenzen aus dem Weltall aussehen: Davon erzählt uns Pavel Gabor SJ, der in Arizona an der vatikanischen Sternwarte arbeitet. Aber was ist mit Gott? Ist er nicht die höchste Grenze des Menschen? Fallen wir in unserer Begegnung mit Ihm nicht immer in die Widersprüche der Enge unserer Sprache und unseres Denkens? Und doch bleibt Er der Horizont unseres Lebens. In unserer Mission an all diesen Grenzen hat Papst Leo XIV. unlängst die Jesuiten bestärkt, wie Thomas Hollweck SJ uns berichtet, der dabei war. Kamila Trojanová CJ erinnert uns daran, dass im Charisma von Ignatius von Loyola eine tiefe Sehnsucht steckt, an den Grenzen zu sein, und Vyacheslav Okun SJ zeigt, welche Logik den Grenzen in der Bibel zugrunde liegt und wie sie dem Menschen und seinem Weg zu Gott hin helfen können. Im Lied verursachen die 99 Luftballons einen Atomkrieg, der in der vollständigen Zerstörung der Menschheit mündet. Die Geschichte zeigt jedoch ein anderes Bild: Die Berliner Mauer fiel ohne Kriege, friedlich, Grenzen wurden überwunden und etwas Neues konnte entstehen. Liebe Leserin, lieber Leser, Rodolfo Tromellini SJ Portrait: © SJ-Bild Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen EDITORIAL 1

Papst Leo an die Gesellschaft Jesu Papst Leo XIV. ruft die Jesuiten an die Grenzen: Als „Brückenbauer“ sollen sie in einer polarisierten Welt Versöhnung stiften und mutig neue Wege gehen. Im Oktober 2025 trafen sich in Rom rund 70 Provinziäle aus der weltweiten Gesellschaft Jesu mit dem Generaloberen und Mitarbeitern aus der Jesuitenkurie. Ein besonderer Moment dieser zweiwöchigen Zusammenkunft war die Begegnung mit Papst Leo XIV. im Vatikan. Zu Beginn seiner Ansprache zeigte er in eine Ecke des Auditoriums und sagte: „Letztes Mal, als ich in diesem Raum war, saß ich als Teilnehmer dahinten – neben Arturo Sosa.“ Jetzt saß er wieder neben ihm, dem Generaloberen der Jesuiten, diesmal vorne am Podium und als Papst, dessen Amt und Aufträgen sich der Orden durch die Jahrhunderte hindurch besonders verpflichtet weiß. Mit diesem Hinweis auf Nähe schon vor der Papstwahl und in der zugewandten Weise, wie Papst Leo sprach, wurde gleich deutlich, dass es hier nicht um eine formal-höfliche, sondern um eine freundschaftliche Begegnung ging, um einen Brückenschlag der Wertschätzung – verbunden mit einem Auftrag. Pontifex Maximus war in der Antike ein Titel der römischen Kaiser, der seit der Zeit von Leo I. von den Päpsten übernommen wurde. Wem in der katholischen Kirche das höchste Amt anvertraut ist, der soll oberster Brückenbauer, Vermittler, Einheitsgarant für eine universale Gemeinschaft sein, verschiedene Dynamiken und Pole verbinden, das Band des 2

Glaubens bewahren, fördern und stärken. Es ist gut nachvollziehbar, dass der Papst den Jesuitenorden aufruft, ihn bei diesem Anliegen nach Kräften zu unterstützen, und zwar besonders an den Grenzen, wo Personen, Positionen, Pole und Polarisierungen aufeinandertreffen. In seiner Ansprache betonte Leo XIV., dass wir in einer Zeit leben, in der sich alles rasant verändert: Künstliche Intelligenz stellt unser Verständnis von Arbeit und Identität auf den Kopf, politische Spannungen spalten Gesellschaften und ökologische Krisen bedrohen unseren Planeten. Viele Menschen fühlen sich verloren zwischen Leistungsdruck, Konsum und Gleichgültigkeit. Genau in diese Welt hinein sendet Christus seine Jünger – nicht in sichere Komfortzonen, sondern an die Grenzen. Die Jesuiten stehen seit der Ordensgründung für die Bereitschaft und den Mut, dorthin zu gehen, wo es unbequem oder sogar gefährlich werden kann. Wörtlich sagte Papst Leo: „Heute wiederhole ich: Die Kirche braucht euch an den Grenzen – seien sie geografischer, kultureller, intellektueller oder spiritueller Natur. Das sind Orte des Risikos, an denen vertraute Landkarten nicht mehr ausreichen.“ An Grenzen zu gehen, heißt heute: sich auf unsicheres Terrain zu wagen, vertraute Strukturen loszulassen, wenn der Geist Gottes Neues fordert. Es bedeutet, in einer polarisierten Welt Brücken zu bauen, Versöhnung zu ermöglichen und sich nicht von Ohnmacht oder Zynismus lähmen zu lassen oder in Resignation zu verfallen. Gerade in Konflikten und bei Ungerechtigkeiten braucht es Menschen, die an Versöhnung glauben und zu ihr nach innen und außen beitragen – überzeugt davon, dass das Gute stärker ist als das Böse. Ein weiteres grenzgängiges Terrain ist die Technologie. Künstliche Intelligenz kann Chancen eröffnen, aber auch isolieren oder manipulieren. Christliche Verantwortung heißt hier: ethisch mitgestalten, Menschenwürde verteidigen und digitale Räume nutzen, um Hoffnung zu teilen, statt Fake-Götter wie Macht, Profit oder Selbstoptimierung zu feiern. Besonders wichtig ist der Weg mit jungen Menschen. Viele sind auf der Suche nach Sinn, Gerechtigkeit und Authentizität. Die Kirche muss ihre Sprache sprechen und Räume schaffen, in denen sie Christus begegnen, ihre Berufung entdecken und Zukunft mitgestalten können. Auch der Einsatz für unser „gemeinsames Haus“ ist ein Engagement an der Grenze: Ökologische Umkehr ist nicht nur politisch, sondern zutiefst spirituell. An Grenzen zu gehen bedeutet, sich selbst immer wieder zu überschreiten, sich dem grenzenlosen Gott anzuvertrauen, nah bei Jesus zu bleiben und von dort aus mutig zu handeln. Wer in ihm verwurzelt ist, kann Wahrheiten aussprechen, auch wenn sie unbequem sind, Versöhnung wagen, sich für Gerechtigkeit einsetzen und Hoffnung säen – selbst dort, wo Dunkelheit dominiert. Die Welt braucht Menschen, die das Neue erkennen, das Gott wachsen lässt, und die bereit sind, Risiken einzugehen. An die Grenzen zu gehen, meint nicht die Suche nach Erfahrung an einer sportlichen Leistungsgrenze, sondern ist mit dem Anliegen verbunden, dass Grenzen überwunden oder zumindest mit anderen Augen betrachtet werden. Dort, wo mentale, ideologische, religiös motivierte oder welche Grenzen auch immer bestehen, soll ein Beitrag geleistet werden, Begegnung und Neues zu ermöglichen. Grenzen sind keine Mauern, sondern Orte der Unterscheidung und der Entscheidung. Genau dort beginnt „Mission“, die Sendung, die den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und damit auch den Jesuiten anvertraut ist. Das erfordert von ihnen Bereitschaft, Verfügbarkeit und Entschiedenheit. Die Ansprache von Papst Leo kam von Herzen, ihr Auftrag war klar und soll unser Engagement leiten und inspirieren. P. Thomas Hollweck SJ leitet seit Juli 2024 als Provinzial die Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten. Zuvor war er Novizenmeister des Ordens und Delegat für Junge Menschen und Berufungen der Jesuiten in Zentraleuropa. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Anne Andrei 3 SCHWERPUNKT

An den Grenzen wachsen Grenzen trennen – und öffnen Wege. Ignatianische Spiritualität heißt: an die Ränder gehen, Türen offenhalten und mit Christus Zukunft wagen. Der Kanonenkugel-Moment wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt im Leben des heiligen Ignatius von Loyola. Doch es hätte diesen Moment nicht gegeben, wenn Ignatius nicht buchstäblich an die Grenze – nach Pamplona – gegangen wäre. Ich glaube, die Beziehung zwischen ignatianischer Spiritualität und den Grenzen folgt einer einfachen Logik: Der heilige Ignatius sehnte sich danach, Christus, unserem Herrn, zu folgen und ihm zu dienen. Auch wir sehnen uns danach, Christus zu folgen und ihm zu dienen, inspiriert vom heiligen Ignatius. Um Jesus zu folgen und ihm zu dienen, müssen wir, wollen wir und sehnen uns danach, Jesus zu kennen. Jesus ist oft an den Grenzen zu finden. Um Jesus persönlich und tief kennenzulernen, gehen wir an die Grenzen. Ich bin Tschechin. Jedes Mal, wenn jemand über „Ostdeutschland“ sprach, erstarrte ich innerlich. Ostdeutschland bedeutet Osten, und wir liegen noch weiter östlich. Ich empfand das als ungerecht! Ich dachte, ich würde in einer Welt der Freiheit aufwachsen, doch es schien, als würde ich für immer von einer Mauer definiert sein, die fiel, bevor ich sprechen konnte. „Schwester, bist du eine Ausländerin?“, fragen mich Kinder lächelnd auf dem Heimweg von der Schule. Zurzeit studiere ich in Manila auf den Philippinen. „Ja, das bin ich“, lächle ich zurück. So sehr ich mich einfügen möchte – ich sehe hier fremd aus. Und doch ist es in diesem katholisch geprägten Land erstaunlich leicht, eine Schwester zu sein. In Prag hingegen fragt mich eine Frau zögernd: „Entschuldigen Sie, sind Sie eine ... Nonne?“ Sie ringt um ein Wort, das ihr fremd ist. Ich bin hier keine Fremde, doch spüre ich eine greifbare Grenze, einen Graben zwischen uns, gewachsen über fast 100 Jahre. „Ja, das bin ich“, antworte ich. Ja, es gibt Grenzen. Im Herzen der ignatianischen Spiritualität gibt es lebensspendende und kreative Spannungen. Daher ist es vielleicht keine Überraschung, dass ein Schlüssel zu den Grenzen der ignatianischen Spiritualität bei denen liegt, die nicht sehr weit gegangen sind – etwa beim heiligen Pförtner, dem seligen Francisco Gárate SJ. Ein Pförtner ist jemand, der an der Grenze bleibt. Er versteckt sich nicht drinnen und läuft nicht davon. Er hält Türen offen. „Öffnet die Türen der Kirche“, lud uns Papst Franziskus immer wieder ein. „Ich tue mein Bestes, den Rest erledigt der Herr, der alles kann“, sagte Francisco Gárate SJ. Ähnlich formulierte es Mary Ward, die Gründerin der Congregatio Jesu, die in ihrem Leben viele Grenzen erlebte: „Gib dein Bestes, und Gott wird helfen.“ Geh an deine eigenen Grenzen: Gib dein Bestes. „Bis morgen, Schwester!“, rufen die Kinder. Ich lächle zurück, dankbar und demütig für das, was sie mich lehren. Ja, es gibt Grenzen, und es gibt Türen, die wir offenhalten können. Und es gibt ein Morgen, eine Zukunft, in der wir einander 4 SCHWERPUNKT

weniger fremd und mehr Brüder und Schwestern sein können: „einander in Wahrheit begegnen“, wie es im Schreiben von Papst Leo XIV. an die Gesellschaft Jesu vom 24. Oktober 2025 heißt. Die ignatianische Spiritualität lädt uns ein, die Realität zu sehen, zu unterscheiden und aus uns selbst herauszugehen, zu begegnen, unser Bestes zu geben – mit Dankbarkeit, Demut und Hoffnung, um unserem Herrn besser zu folgen, ihn nachzuahmen und zu dienen. In einem Schlüsseldokument ignatianischer Spiritualität, dem Dekret 4 der 32. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu (1975), heißt es: „Das uns anvertraute Evangelium ist die frohe Botschaft des Heils für den Menschen und die gesamte Gesellschaft, die hier und jetzt beginnen muss, um sich auf der Erde zu manifestieren, selbst wenn die Befreiung der Menschheit in all ihrer Fülle nur jenseits der Grenzen dieses Lebens erreicht wird.“ Papst Leo fordert uns auf: „Keine Grenze wird außerhalb eurer Reichweite sein, wenn ihr mit Christus geht.“ Unser Herr kann alles tun, unser Herr wird helfen. Abschließend widme ich diesen Text Sr. Johanna Schulenburg CJ, meiner Novizenmeisterin. Acht Jahre lang war sie eine einladende Pförtnerin an der Schwelle des Ordenslebens. Im Mai 2026 begann sie ihren Dienst als Provinzialin der Mitteleuropäischen Provinz der Congregatio Jesu. Während meines Noviziats ertrug Schwester Johanna mutig meinen Eifer, Grenzen herauszufordern. „Zuerst muss man Grenzen kennen, bei ihnen bleiben und manche auch akzeptieren“, sagte sie oft. In der ignatianischen Spiritualität gehen wir nie allein an die Grenzen. Gott schenkt uns Gefährten. Danke. Sr. Kamila Josefína Trojanová CJ ist eine Ordensschwester der Congregatio Jesus (CJ), eines weiblichen Ordens mit ignatianischer Spiritualität. Kamila legte 2024 ihre ersten Gelübde ab. Derzeit studiert sie an der von Jesuiten betriebenen Loyola School of Theology an der Ateneo University in Manila, Philippinen. Kamila stammt aus Prag. Portrait: © privat; Foto: © Kai Fuchs 5

Wenn die unsichtbaren Mauern im Kopf bestehen bleiben Von der physischen Barriere zur mentalen Herausforderung – ein Essay über das Ankommen in der Fremde und die Linien, die wir selbst ziehen. Der Anfang des Menschen ist eine fundamentale Grenze – die Geburt, der Moment, in dem wir aus der Unendlichkeit in die Existenz treten. Und sein Ende ist ebenso eine unerbittliche Grenze – der Tod. Dazwischen entfaltet sich das Leben innerhalb eines komplexen Geflechts aus sichtbaren und unsichtbaren Grenzen: Religion, Hautfarbe, soziale Herkunft sowie die Prägungen durch Bildung und Erziehung. Diese Faktoren geben uns Sicherheit, können uns aber gleichzeitig einengen. Die Illusion der physischen Grenze Lange Zeit galt der physische Grenzübertritt als die größte Hürde: das Verlassen der Heimat, der Wechsel in ein fremdes Land. Viele Migranten berichten jedoch, dass dieser Schritt oft einfacher war als befürchtet – ein bisschen Warten, ein Stempel im Pass, und man stand auf der anderen Seite. Die wirklichen Grenzen jedoch, die schmerzhaften und fordernden, kommen erst danach zum Vorschein. Es gibt Herausforderungen, die man erwartet und die handhabbar scheinen. Doch dann folgen jene Dinge, auf die einen niemand vorbereitet: die subtilen Nuancen einer fremden Sprache, fremdartige Denkweisen und dieses nagende Gefühl, zwar physisch anwesend zu sein, aber nicht wirklich dazuzugehören. Es ist das Gefühl, in einem Raum zu 6

stehen, dessen Tür offen ist, in dem man aber die ungeschriebenen Gesetze nicht kennt. Mentale Mauern und ihre Überwindung Wir Menschen neigen dazu, mentale Gefängnisse aus Vorurteilen, Ängsten und Traditionen zu errichten. Oft glauben wir fest daran, dass diese Grenzen real und unumstößlich sind. Oft vergeuden wir Jahre damit, gegen Hindernisse zu kämpfen, die nur in unserer Vorstellung existieren. Selbst in der Weltgeschichte sahen wir Grenzen, die für die Ewigkeit gebaut schienen, wie die Berliner Mauer. Sie stürzte schließlich ein, weil der kollektive Wille der Menschen stärker war als der Beton. Integration als gemeinschaftliche Verantwortung Natürlich sind nicht alle Grenzen negativ. In einer funktionierenden Gesellschaft sind Regeln und moralische Grenzen notwendig, um das Zusammenleben zu ordnen und die Schwachen zu schützen. Das Problem entsteht erst dann, wenn diese Grenzen starr werden und uns daran hindern, uns als Individuen weiterzuentwickeln. Integration ist ein lebendiger Dialog. Wenn man beginnt, die Sprache des anderen nicht nur zu sprechen, sondern zu fühlen, verschwimmen die Grenzen der Herkunft. Doch auch die Aufnahmegesellschaft trägt Verantwortung. Sie muss bereit sein, ihre eigenen inneren Barrieren und Vorurteile gegenüber Migranten abzubauen. Nur wenn beide Seiten bereit sind, einen Schritt aufeinander zuzugehen, entsteht ein Raum ohne Ausgrenzung. Fazit Am Ende sind Grenzen weniger Linien auf einer Landkarte als Konstrukte in unseren Köpfen. Man kann sie überwinden, wenn man den Mut besitzt, das Unbekannte nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen. Ein einziger mutiger Schritt kann die gesamte Perspektive verändern, aber erst das beständige Weitergehen macht den wirklichen Unterschied aus. Tawfik Youssef koptischer Migrant, Forscher und Denker, trägt Hoffnung und Mut in seinem Herzen. Vater einer lange ersehnten, kostbaren Tochter und Ehemann einer tapferen Frau, die Krankheit mit Würde begegnet. Portrait und Foto: © Martina C. Schneider 7

Grenzen schützen oder Menschen? Bruder Dieter Müller SJ über zwei hoheitliche Aufgaben in einem Spannungsverhältnis, das aus der Balance gerät. Globale Bewegungsfreiheit für alle Menschen wird gerne von politisch linksstehenden Gruppierungen mit Slogans wie „Kein Mensch ist illegal“ oder „No Border! No Nation!“ gefordert. Jedoch bleiben die Vertreter dieser Idee in der Regel die Antwort auf die Frage nach der konkreten Ausgestaltung einer Welt ohne Grenzen schuldig. Solange es also Grenzen gibt, hat ein Staat durchaus das Recht zu kontrollieren, wer zu welchem Zweck das Land betreten und sich darin aufhalten möchte. Jedoch darf Grenzschutz niemals zu Abschottung und womöglich im nächsten Schritt zur „Remigration“ von unliebsamen Personengruppen führen. Mit Sorge beobachten wir – der JesuitenFlüchtlingsdienst sowie Anwälte, Menschenrechtsorganisationen und andere Akteure – die im Zuge der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) geplanten, teilweise schon umgesetzten gesetzlichen Verschärfungen in Deutschland und in der Europäischen Union. Grenzschutz hat in den letzten Jahren an politischer Priorität gewonnen; der Begriff „Festung Europa“ bringt es auf den Punkt. Dabei reden wir noch nicht von der Idee, Rückführungszentren in irgendwelchen Ländern außerhalb der EU zu installieren, sondern von den seit Jahren praktizierten gewaltsamen Pushbacks an den EU-Außengrenzen, beispielsweise in Kroatien und Bulgarien. Flüchtlinge, die in Nürnberg im Ukama-Zentrum im Kirchenasyl waren, berichteten immer wieder davon, zeigten uns Spuren von Hundebissen und Schlägen an ihrem Körper. Menschenrechtsorganisationen bestätigen diese illegale Praxis. Oder denken wir an den Umgang Italiens und Griechenlands mit in Seenot geratenen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Internationale Bekanntheit erlangte in diesem Zusammenhang die Kapitänin Carola Rackete, als sie 2019 mit geretteten Flüchtlingen an Bord trotz eines Verbots der italienischen Behörden unter Berufung auf das Nothafenrecht die Insel Lampedusa anlief. Und erst kürzlich starben vor der griechischen Insel Chios wieder einmal 15 Menschen durch ein Schiffsunglück. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl und ihre griechische Partnerorganisation RSA gehen davon aus, dass es bei einem Abfangmanöver der Küstenwache zur Kollision der beiden Schiffe kam. Last but not least gehören zur Festung Europa auch die von Bundesinnenminister Dobrindt im Mai 2025 verstärkten Zurückweisungen von Asylsuchenden an den deutschen Binnengrenzen. Diese hat das Verwaltungsgericht Berlin als rechtswidrig eingestuft und sie dauern dennoch bis heute an. Grenzen werden also nicht nur von Flüchtlingen überschritten, sondern in bedenklichem Ausmaß auch von Behörden und deren übergeordneten Regierungsstellen. Dabei geht es nicht „nur“ um Einzelschicksale, sondern um den Zustand unseres Rechtsstaats und um den der Europäischen Union als Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, als den sie sich bezeichnet. In den Jahren, in denen ich schon für Flüchtlinge arbeite, gab es immer wieder Herausforderungen, sei es, dass Abschiebungshaft entgegen einer EU-Richtlinie in normalen Justizvollzugsanstalten vollzogen wurde, sei es, dass gegen Ordensangehörige und Pfarrverantwortliche wegen Gewährung von Kirchenasyl ermittelt wurde. Doch was nun mit der GEAS-Reform auf Hilfsorganisationen, Anwältinnen, Gerichte und natürlich auf die Flücht8 SCHWERPUNKT

linge selbst zukommt, überschreitet bisherige rechtliche Grenzen und negiert humanitäre Grundsätze in einem Ausmaß, wie bisher nicht geschehen. Nachfolgend einige wenige Beispiele aus dem sehr komplexen Gesetzeswerk. Abschiebungshaft wird massiv ausgeweitet, indem neue Haftarten mit sperrigen Namen wie „Vorläufige Überprüfungshaft“ oder „Haft im Rückführungsgrenzverfahren“ eingeführt werden. Gleichzeitig schafft die Bundesregierung den im Februar 2024 eingeführten Pflichtanwalt wieder ab. Letzteres ist fatal, da Haftbeschwerdeverfahren, die von Fachanwälten begleitet werden, häufig erfolgreich ausgehen. Auch beim Kirchenasyl, das vor elf Jahren durch eine Vereinbarung zwischen Staat und Kirchen halbwegs geregelt wurde, werden neue Probleme auftreten. Es geht um Flüchtlinge, für die ein anderer EU-Staat zuständig ist, in welchem aber weder ein faires Asylverfahren noch ein Minimum an sozialer Versorgung („Bett, Brot, Seife“) gesichert ist. Die Betroffenen müssen sich nun bis zu ihrer Rückschiebung in sogenannten Sekundärmigrationszentren aufhalten, in denen ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt wird. Verletzen sie die dort geltenden Aufenthaltspflichten, droht ihnen Asylverfahrenshaft – eine der oben erwähnten neuen Haftarten. Somit wird es ihnen schwer bis unmöglich gemacht, mit Menschen in Kontakt zu treten, die sie beraten – und ihnen gegebenenfalls einen Platz im Kirchenasyl vermitteln. Die GEAS-Reform verschärft die einseitige Betonung des Grenzschutzes gegenüber dem Schutz von Menschen noch weiter. Dass dabei Grund- und Menschenrechte angetastet werden, scheinen die Bundesregierung wie auch die Europäische Union billigend in Kauf zu nehmen. Br. Dieter Müller SJ arbeitet seit 1999 für den JesuitenFlüchtlingsdienst Deutschland, zuerst in Berlin, dann in München und seit 2022 im neu gegründeten UkamaZentrum für sozial-ökologische Transformation in Nürnberg. Seine Schwerpunkte sind die Beratung in Abschiebungshaft und die Begleitung von Kirchenasylen. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Martina C. Schneider 9

Brücken bauen im neuen Syrien Nach dem Sturz von Baschar al-Assad erlebt Syrien einen von Spaltungen markierten neuen Anfang. Gerald Baumgartner SJ erzählt, wie Grenzen zwischen Menschen überwunden werden können. Es ist im Spätherbst des letzten Jahres, ich sitze mit zehn Frauen und Männern verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen in der Bibliothek unserer Jesuitenkommunität. Die Gruppe besteht aus Teilnehmern des learning-facilitator-Kurses (ein von Jesuit Worldwide Learning angebotener Kurs zu Pädagogik und Didaktik), die zugleich als Lehrerinnen oder WorkshopLeiter in unserer Kommunität wirken. Die Stimmung ist etwas angespannt; in der Woche zuvor konnten wir uns nicht treffen, weil es zwischen den kurdisch kontrollierten und von der Regierung kontrollierten Gebieten gewaltsame Auseinandersetzungen gab, einschließlich Mörser- und Raketenbeschusses. Unsere Kommunität war ungefähr zwei Kilometer vom Kampfgeschehen entfernt, daher konnten wir das Haus nicht verlassen. Die Spannung hat einen klaren Grund: In unserer Gruppe sind sowohl Kurden als auch Musliminnen und Christen, und ausgerechnet in dieser Woche sprachen wir über kulturelle und religiöse Unterschiede im pädagogischen Kontext. Über diese Unterschiede zu sprechen, ist im heutigen Syrien kaum möglich. Zu frisch sind die Erfahrungen des 14-jährigen Krieges, zu tief die Wunden. Religiöse und ethnische Zugehörigkeit prägen Begegnungen stark: Bei einer ersten Begegnung stellt man sich innerlich sofort die Frage, zu welcher Gruppe das Gegenüber gehört – auch wenn man sie nicht ausspricht. Die Grenzen zwischen den Gruppen wirken wie unüberwindbare Gräben, ein echter Austausch ist oft unmöglich. Als Jesuiten sehen wir die Zerstörung und die Spaltung zwischen den verschiedenen Gruppen in diesem Land, und in seelsorglichen Gesprächen nehmen wir die tiefen Verwundungen in den Seelen der Menschen wahr. Aufgrund dieser Wahrnehmung sehen wir als erste Berufung unserer Präsenz in diesem Land den Auftrag zur Versöhnung. Wir versuchen, unsere Kommunitäten als Orte der Gastfreundschaft und als sichere Orte zu gestalten, die zuerst jede Person als Mensch auf- und wahrnimmt. Während wir Gebete und spirituelle Angebote speziell für Christen haben, bieten wir auch eine Vielzahl von kulturellen, akademischen und künstlerischen Veranstaltungen an, die Menschen aller religiösen und ethnischen Zugehörigkeiten einladen. Der sichere Raum schafft mit der Zeit Vertrauensbeziehungen, die es ermöglichen, auch über die Unterschiede und persönlichen Verwundungen und Vorurteile zu sprechen und im Kleinen Versöhnung geschehen zu lassen. Im Frühjahr haben wir den learning-facilitator-Kurs beendet. Fast alle Teilnehmenden haben in der Reflexion unser Gespräch über die kulturellen Unterschiede hervorgehoben. Es gab ihnen Hoffnung, dass auch sie als Lehrerinnen und Workshop-Leiter dazu beitragen können, Grenzen zu überwinden und etwas in dieser verwundeten Gesellschaft zu verändern. Mir persönlich geben diese Momente Hoffnung, dass trotz aller Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Probleme Veränderung möglich ist und unsere Präsenz tatsächlich einen Unterschied macht. P. Gerald Baumgartner SJ wurde letztes Jahr zum Priester geweiht und macht sein Pastoralpraktikum in Aleppo. Dort arbeitet er in der christlichen Jugendarbeit und in der interreligiösen Bildungs- und Kulturarbeit. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Christian Harder 11 SCHWERPUNKT

Eine begrenzte Welt Grenzen schützen uns – und grenzen uns aus. Was, wenn wir selbst die Grenze sind? Lena Schützle wirft einen Blick auf den Menschen in einer begrenzten Welt. Grenzen sind ambivalente Phänomene. Sie grenzen ein und aus, bezeichnen ein Innen in Abgrenzung zum Außen und können sowohl schützend als auch bedrohend wirken. Darüber hinaus sind Grenzen oft uneindeutig, verhandelbar und verändern sich, während wir sie gleichzeitig als gesetzt verstehen müssen, um uns an ihnen zu orientieren. Dass es sich lohnt, aus verschiedenen Perspektiven auf den Menschen in einer begrenzten Welt zu blicken, zeigen die Themen des vorliegenden Heftes. Zur Einstimmung möchte ich auf zwei Grenzphänomene verweisen. Und zwar, dass wir uns als Menschen in einer – durch uns und für uns – begrenzten Welt befinden. Zunächst zu menschengemachten staatlichen Grenzen: Wer ist drin, wer ist draußen, ich male eine Linie, du darfst nicht vorbei. Grenzen bieten Schutz für die einen und verbieten Schutz für die anderen. Nicht nur in ihrer Folge sind sie ambivalent – Grenzen sind in ihrem Wesen nach beweglich und starr zugleich. Grenzen bedürfen einer Setzung, die meist historisch, naturwissenschaftlich, juristisch und/ oder philosophisch begründet und stetig argumentativ verteidigt werden muss. Wo welche Grenze exakt verläuft, kann selten objektiv „abgelesen“ werden, sondern ist immer auch eine folgenschwere Interpretationsfrage. Es braucht Verständigung und Zuschreibung, um sie erhalten und verändern zu können; zuweilen wird auch Gewalt akzeptiert, um Frieden durch Abgrenzung zu verteidigen. Grenzen sind also nicht unveränderlich, sondern verschieben sich mit der Zeit. Manche lassen sich sogar zeitlich aussetzen. Anhand der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) lässt sich paradigmatisch zeigen, wie es möglich ist, staatliche Grenzen gerade dadurch zu stärken, indem man sie vermeintlich aufhebt. Personen, die nach der Reform – also ab diesem Sommer – eine EUAußengrenze ohne rechtliche Erlaubnis übertreten, müssen einen Überprüfungsprozess von sieben Tagen durchlaufen. In dieser Zeit gelten diese Menschen jedoch als noch nicht eingereist, obwohl sie eine EU-Außengrenze physisch überschritten haben müssen, um überhaupt in den Überprüfungsprozess aufgenommen zu werden. Die Staatsgrenze wird für diesen Fall zeitlich verschoben. Damit wird das internationale Übereinkommen umgangen, 12

dass Zufluchtsuchende Schutz finden können, sollten sie eine nationale Grenze trotz widrigster Bedingungen übertreten. Menschgemachte Grenzen können also nach politischem Interesse verschoben und als Fiktion betrachtet werden, ohne ihre Wirkmächtigkeit zu untergraben. Im Gegenteil: Durch die Fluidität der Grenze verstärkt sich in diesem Fall ihre ausgrenzende Wirkung. Da trifft Luft auf Luft, da trifft Land auf Land, da trifft Haut auf Blei. Die Reflexion von Grenzen ist also keineswegs schöngeistiges Gerede oder gar realitätsfern: Seit mindestens zwölf Jahren ist auch im europäischen Raum wieder spürbar, dass Staatsgrenzen sich mittels kriegerischer, propagandistischer und – mit Blick auf die benannte Asylrechtsreform – auch juristischer Mittel verschieben lassen. Diese Verschiebungen haben teils dramatische Auswirkungen auf die Menschen, die in dieser begrenzten Welt leben. Gerade deshalb ist es wichtig, das Augen- und Ohrenmerk auf jene Menschen at the margins zu richten, also an den Rändern. Dieses Hinschauen oder -hören kann abseits des Geschehens eingeübt werden und ermöglicht die Erfahrung der ohnehin bestehenden Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie. Wo ist oben, wo ist unten, wer könnte, wer wollte das ändern? Grenzen unterliegen also der menschlichen Interpretation – doch auch der Mensch selbst verkörpert eine Grenze. Eindrücklich beschreibt dies etwa der Philosoph Helmuth Plessner in seinem Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie: Der Mensch lebt einerseits aus seiner Mitte heraus – er ist Leib – und kann sich andererseits dabei beobachten – er hat einen Körper. Der Mensch ist immer sowohl erfahrender Leib als auch dasjenige, was sich von außen selbst betrachtet. Diese beobachtende Rolle wird ihm jedoch nie gänzlich zuteil – immer bleibt der Mensch auch das Tier, das sich – ohne aus seiner Haut zu können – scheinbar unmittelbar auf seine Umwelt bezieht. Diese Verfasstheit stellt den Menschen vor die Herausforderung, sich selbst Sinn zu geben – sei es durch Religion oder kulturelle Bedeutungssysteme. Der Mensch ist also insofern ein Grenzwesen, als dass er stetig die eigenen Grenzen übersteigt und doch in ihnen gefangen bleibt. Die Grenze und das Übertreten dieser ist dem Menschen also vertraut – wir kennen auf eine Art das Gefühl, „an den Rändern“ zu sein, aus unserer eigenen menschlichen Erfahrung. Indem wir uns unserer eigenen Grenzhaftigkeit bewusst werden und uns selbst in dieser Zerrissenheit zuhören, schaffen wir möglicherweise auch Raum, weitere Stimmen „an den Rändern“ zu vernehmen. Denn Grenzen verlaufen nicht nur entlang territorialer Linien, sondern ziehen sich durch unsere Köpfe und Herzen. Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, aber zwischen den Menschen. Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen. Liedzeilen aus: Dota Kehr (2016): Grenzen Lena Schützle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie München und schreibt aus sozialphilosophischer und phänomenologischer Perspektive zum Themenfeld Mitgefühl. Portrait: © Kristina Kleiß-Baier; Foto: © Christian Harder 13 SCHWERPUNKT

Wo das Vertraute endet Was bedeutet es für Jesuiten, „an die Grenzen zu gehen“? Gedanken von P. Lukas Kraus SJ. „Die Kirche braucht euch an den Grenzen – seien sie geografischer, kultureller, intellektueller oder spiritueller Natur.“ – Mit diesen Worten hat Papst Leo XIV. uns Jesuiten daran erinnert, wie wir der Kirche dienen sollen. Oder besser: Wo wir dienen sollen. An den Grenzen! Was meint man, wenn man das Wort „Grenze“ verwendet? Das Grimmsche Wörterbuch liefert als Hauptbedeutung: Eine „gedachte linie, die zur scheidung von gebieten der erdoberfläche dient“. Man vermutet, dass das slawische Lehnwort im 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit der exakten Bestimmung von privatem Landbesitz in die deutsche Sprache eingeführt wurde. Es wurde dann auf politische Gebilde übertragen und schließlich auch in abstrakten Kontexten gebraucht. Eine Grenze ist etwas, das zwei benachbarte Gebiete voneinander trennt. Zugleich gilt: Zwei benachbarte Gebiete sind durch ihre gemeinsame Grenze miteinander verbunden. „An die Grenzen gehen“ könnte für uns Jesuiten bedeuten, dorthin zu gehen, wo sich unterschiedliche Kulturen, Gedankenwelten oder Glaubensvorstellungen begegnen. Dort können wir einen unserer klassischen Aufträge erfüllen: die Versöhnung der Zerstrittenen. Dabei gilt es, das Trennende genauso ernst zu nehmen wie das Verbindende, also sowohl Unterschiede zu respektieren als auch Gemeinsamkeiten zu finden und Räume der Begegnung zu schaffen. Das Grimmsche Wörterbuch führt aber noch eine weitere Bedeutung an. Das Wort Grenze wird dabei beinahe gleichbedeutend mit Schranke, Abschluss, Ziel oder Ende. Man kann eine solche Grenze nur von jeweils einer Seite aus betrachten. Erst wenn ich mich auf eine Seite stelle, kann ich von dort aus die Grenze betrachten. An der Grenze endet dann das Gebiet, auf dem ich stehe. Den Raum jenseits der Grenze nehme ich kaum noch wahr. In geografischer, kultureller, intellektueller und spiritueller Hinsicht befinde ich mich in vielen Fällen von vornherein auf einer Seite. Etwa weil ich bereits auf dieser Seite geboren wurde. Oder meine Erziehung und Ausbildung mich dorthin gebracht haben. Die Grenzen sind dann meine Grenzen. Innerhalb meiner Grenzen kenne ich mich aus. Je mehr ich mich den Grenzen nähere, umso unheimlicher wird es. Aber auch umso spannender. Wer an die Grenzen geht, der kennt sich nicht mehr so gut aus. Und der setzt sich potenziellen Bedrohungen aus dem unbekannten Gebiet jenseits der Grenze aus. Andererseits haben solche Grenzen schon immer Abenteurer und Entdecker angezogen. Menschen, die Neues lernen, die Fragen beantworten und Rätsel lösen wollen. Aber auch Menschen, die eine Mission haben. Die eine Botschaft verbreiten wollen. Der Auferstandene hat zu den Aposteln gesagt: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8) Die Heilsbotschaft Christi ist universell, sie gilt allen Menschen. Wenn wir das ernst nehmen wollen, dann müssen wir an die Grenzen gehen. Und das nicht nur im geografischen Sinne. P. Lukas Kraus SJ ist Hochschulseelsorger und Kaplan der Pfarrei St. Eugenia in Stockholm. Vor dem Ordenseintritt im Jahr 2016 promovierte er in Philosophie an der Universität Innsbruck. Das Thema seiner Doktorarbeit war Ontologie der Grenzen ausgedehnter Gegenstände. Portrait: © SJ-Bild 14 SCHWERPUNKT

„Game over“ Es ist eine trügerische Idylle: Julius Schmitzer berichtet von der EU-Außengrenze in Kroatien und den häufig vergeblichen Versuchen von Flüchtlingen, diese zu überqueren. Die im äußersten Nordwesten von Bosnien gelegene Kleinstadt Bihać wirkt in der warmen Jahreszeit idyllisch. Am Ufer des bläulich schimmernden Flusses Una sitzen die Menschen in Cafés und das Leben scheint leicht. Und doch verläuft nur wenige Kilometer entfernt eine andere Wirklichkeit, eine, die mit dieser Idylle in hartem Kontrast steht: An der Grenze zu Kroatien und damit auch zur EU endet für viele Flüchtlinge auf brutalste Weise die Hoffnung auf Schutz in Europa. Wenn wir morgens das Tageszentrum des JRS (Jesuit Refugee Service) neben der katholischen Kirche öffneten, begegnete ich Menschen, deren Körper und Blicke davon erzählten. „Game“ nennen viele der Flüchtlinge den Versuch, die Grenze zu überqueren. Es ist ein zynischer Begriff für etwas, das fast immer mit brutaler Gewalt der Grenzpolizei endet: „Game over“. Die Spuren sind unübersehbar: tiefrote Marken von Schlagstöcken, aufgeschürfte Glieder, gebrochene Knochen, schmerzverzerrte Gesichter. Doch die gezielte Entmenschlichung geht oft noch tiefer. Ich sah immer wieder junge Frauen und Männer, denen beim Grenzübertritt das Handy zerstört und der letzte Besitz entrissen wurde. Das Zerstören der Handys ist eine kalkulierte Methode, um den Flüchtlingen die Navigation und den Kontakt zu Familie und Freunden zu rauben. Viele von ihnen probierten das „Game“ schon mehr als zehn Mal. In den Augen der Menschen liegt eine Erschöpfung, die weit über das Körperliche hinausgeht. Es ist die Erfahrung, von Europa nicht als Mensch, sondern als „illegales Problem“ behandelt zu werden; ein gezielter Angriff auf die menschliche Würde. Kurz vor meiner Ausreise nach Bosnien habe ich mich im Abitur intensiv mit der Theodizeefrage beschäftigt. Am Schreibtisch war ich sprachfähig, doch angesichts dieser mutwilligen Härte wurde ich stumm. Die LehrbuchAntworten wirken in Bihać oft hohl. An dieser Grenze stellt sich für mich die Frage nach Gott im Schrei nach Gerechtigkeit. Ich habe gelernt, ihn im radikalen Hinsehen und Handeln zu suchen: Einen Schlafsack ausgeben, einer Geschichte zuhören, beim Kartenspiel Witze machen oder über Fußball philosophieren – das alles ist ein Akt des Widerstands gegen ein System, welches diese Menschen unsichtbar machen möchte. Es ist das Zeichen: Ich sehe dich. Du hast einen Namen. Deine Würde darf niemand angreifen. Diese Gewalt ist kein Unfall. Sie ist die grausame Konsequenz eines Europas, das seine Werte an den Außengrenzen opfert und die Folgen für die betroffenen Menschen lieber verschweigt. Diese Grenze veranschaulicht eine tiefe Grenze unserer eigenen Menschlichkeit. Sie schreit förmlich zu uns, nicht länger wegzusehen, sondern dort da zu sein, wo Menschen und ihre Würde mit Schlagstöcken verprügelt werden. Denn am Ende entscheidet sich genau hier, an den Grenzen, wer wir als Europäer*innen und Christ*innen sein wollen. Ich finde: Wir wollen und sollen Menschen sein. Wir alle. Egal auf welcher Seite einer künstlich gezogenen Linie wir das bläulich schimmernde Wasser eines Flusses bewundern und Kaffee genießen. Julius Schmitzer arbeitete nach seinem Abitur am Canisius-Kolleg in Berlin ein Jahr als Jesuit Volunteer beim JRS BosnienHerzegowina und studiert jetzt Evangelische Theologie in Berlin. Portrait: © privat 15 SCHWERPUNKT

Geh fort – Gottes Einladung an der Grenze „Du sollst die Grenze deines Nächsten nicht verschieben“. P. Vyacheslav Okun SJ schreibt über ein Gebot (vgl. Dtn 19,14), das zu den ältesten Rechtsnormen menschlichen Zusammenlebens zählt. Die Grenze schützt, stiftet Ordnung und weist jedem seinen Raum zu. Ohne sie gäbe es weder Eigentum noch Würde noch Identität. Doch die biblische Tradition belässt es nicht bei dieser trennenden Funktion. Sie führt uns weiter: an den Punkt, wo die Grenze aufhört, bloße Trennlinie zu sein, und zu einem Ort der Begegnung wird. Schon die Herkunft des deutschen Wortes birgt eine Geschichte der Überschreitung. „Grenze“ ist ein Lehnwort, das im 13. Jahrhundert aus dem Altslawischen in den deutschen Sprachraum gelangte, als germanische und slawische Welt in enger, oft spannungsreicher Nachbarschaft lebten. Die urslawische Wurzel gran- bezeichnete den Rand, jenen Ort, wo eine Realität endet und eine neue beginnt. Der Begriff für die Trennlinie musste selbst Sprachgrenzen überwinden, um im Deutschen heimisch zu werden. Das Wort trägt die Erfahrung des Übergangs gleichsam in sich selbst. Genau diese Erfahrung kennt auch Abraham. Seine Familie lebt in Ur in Mesopotamien, mit festen geografischen, kulturellen und religiösen Grenzen. Doch das Leben dort ist vom Tod gezeichne: Aran ( הרן ), sein Bruder, der jüngere Sohn Terachs, starb noch zu Lebzeiten seines Vaters (vgl. Gen 11,28). Sara, seine Frau, bleibt unfruchtbar (vgl. Gen 11,30), eine Zukunft scheint es nicht zu geben. Terach bricht auf und lässt sich mit der Familie in Haran ( חרן ) nieder, einer Stadt, deren Name den seines toten Sohnes in sich trägt. Hier stirbt Terach auch. Gerade in dieser Zeitspanne zwischen zwei Todesfällen, zwischen Ur und Kanaan, ertönt das Wort Gottes an Abraham: „Geh fort aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus“ (Gen 12,1). Gott hebt die menschliche Entscheidung zum Aufbruch nicht auf, sondern verleiht ihr eine neue Dimension. Abraham wird eingeladen, eine tiefere Grenze zu überschreiten: die der Gewohnheiten, der alten Identität. Die begleitende Verheißung ist in ihrer Tragweite überwältigend: Nicht ein einziges Volk, sondern „alle Geschlechter der Erde“ sollen durch sein Überschreiten der Grenze einen Segen empfangen (vgl. Gen 12,3). Die überschrittene Grenze öffnet keinen abgeschlossenen Raum der Auserwähltheit, sondern einen Horizont, der alle umfasst. Das ist die tiefe biblische Logik der Grenze: Sie existiert nicht, um abzuschotten, sondern damit der Mensch weiß, woher er kommt und wohin er geht. In der Heiligen Schrift ist die Grenze der Ort, an dem Gott erscheint, Begegnung geschieht und Neues entsteht. Diese Einladung gilt auch uns heute. In einer Zeit, in der Grenzen wieder schmerzhaft werden, Familien und Völker trennen und Angst erzeugen, ruft die Bibel nicht zur Naivität auf, wohl aber zur Wachheit: Wer an der Grenze steht, steht an einem heiligen Ort. Dort, wo das Vertraute endet, beginnt die Möglichkeit der Begegnung mit dem anderen und mit Gott selbst. Die Grenze ist real und muss respektiert werden, aber sie ist nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat die Begegnung. P. Vyacheslav Okun SJ ist ukrainischer Jesuit. Er arbeitete mit den Geflüchteten in der Ukraine und auf Malta. Derzeit promoviert er an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Portrait: © privat 16 SCHWERPUNKT

Portrait: © privat Bruder András ist seit 2003 Mitglied der Communauté von Taizé und stammt aus Ungarn. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Begleitung Jugendlicher und hat die Vorbereitung zahlreicher Europäischer Jugendtreffen am Jahresende mitgestaltet. Das Außergewöhnliche im Alltäglichen einer Begegnung Vier Monate Vorbereitung, Tausende Begegnungen: Bruder András ermöglicht uns einen Blick hinter die Kulissen des Europäischen Jugendtreffens in Paris Ende 2025. Für die 30-köpfige Vorbereitungsgruppe vergingen die fünf Tage des Jugendtreffens wie im Flug. Doch hinter dieser Intensität verbirgt sich ein viermonatiges Abenteuer. Von September bis Januar tauchte unsere Gruppe – junge Erwachsene in unterschiedlichen Lebenssituationen – völlig in diese Aufgabe ein. Mehr als tausend Besuche in Kirchengemeinden der acht Diözesen der Île-de-France ließen, lange vor Ankunft der Pilger, tiefe Verbindungen entstehen. 150 Kirchengemeinden wurden zu „lokalen Gastorten“. Dort wurde die Ökumene konkret greifbar. An vielen Orten weitete die eucharistische Gastfreundschaft den Horizont und vertiefte eine Gemeinschaft, die während des gesamten Treffens spürbar war. Die Workshops wirkten wie ein Spiegel für das Interesse der Jugendlichen an diesem Mikrokosmos. Sie konnten aus einem großen Angebot auswählen, sich austauschen und entdecken. Hier sprachen Theologinnen verschiedener Konfessionen über Wege für Frauen in der Theologie; dort lernte man das Vaterunser in Gebärdensprache. Ein Anabaptist und ein Dominikaner zeigten, wie man Divergenzen in einen Weg der Einheit verwandelt; andere erkundeten, was das Konzil von Nicäa vor 1700 Jahren heute für den Glauben bedeutet. Ein ukrainischer Chor sang Weihnachtslieder, während man andernorts lernte, mit der Bibel nach dem Vorbild des Ignatius zu beten. Wir befanden uns ständig an Grenzen: zwischen unterschiedlichen Sensibilitäten – unseren eigenen wie denen der Menschen, denen wir begegneten – weit über Konfessionen hinaus. Wir stellten unsere Kleinheit der Unermesslichkeit der Metropole gegenüber und unseren „begeisterten Amateurismus“ der Professionalität der Institutionen. In dieser Zerbrechlichkeit traten Prioritäten klar hervor: auf den anderen zuzugehen, präsent zu sein und zu wagen, um Hilfe zu bitten. Zu akzeptieren, dass man manchmal überfordert ist: Sich zwar ernsthaft zu bemühen, aber sich von Zeit zu Zeit damit zu begnügen, nur „gut genug“ zu sein, um Raum für anderes zu lassen. In diesem Raum für das Unvorhergesehene blieb eine Anekdote unter vielen haften. In einer Gemeinde war vergessen worden, das Abendessen für den 28. Dezember vorzubereiten. Als man merkte, dass eine Menschenmenge verpflegt werden musste, improvisierte das Team eine Suppe. Am Ende fehlte es an nichts. Beim Rückblick war es genau dieser Moment, den die Teilnehmenden am häufigsten erwähnten. Als ob dieses Beinahe-Scheitern eines alltäglichen Augenblicks zu einem Gleichnis für das geworden wäre, was wir gemeinsam an Außergewöhnlichem erleben durften. 17 SCHWERPUNKT

Die Grenzen des Dialogs Der interreligiöse Dialog ist nicht grenzenlos. P. Felix Körner SJ zeigt drei Grenzen auf, die weiterführen. „Das war die aufregendste Vorlesung meines ganzen Studiums“, schwärmt ein katholischer Student, als die Stunde vorbei ist. Eine muslimische Studentin ist noch ein wenig verwirrt: „Haben Sie sich gerade gestritten?“ Wenn ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen von der Islamischen Theologie gemeinsam unterrichte, dann sind wir uns durchaus nicht immer einig. Und dann wird auch hart argumentiert. Diesmal hatte die Kollegin eingewandt, man könne die Theologie doch wohl kaum wissenschaftlich nennen, wenn sie so „blumige“ Formeln verwendet wie die Rede von der Osterfreude. Man kann in die Wissenschaft schon auch bezeugte Erfahrungen einbringen, denke ich hingegen – solange man anschließend die Lebensperspektive verständlich macht, die sich in solchen Erfahrungen eröffnet. Aber ist der interreligiöse Dialog dann grenzenlos? Man kann über alles reden, ja, aber nicht in jedem Rahmen, nicht mit jedem, nicht auf jede beliebige Weise. Es gibt Grenzen des Dialogs. Ich sehe drei Typen: Grenzen, die wir uns eingestehen müssen (limitations), Grenzen, die wir achten müssen (boundaries), und Grenzen, die uns in Neuland locken (frontiers). Nennen wir sie Beschränkungen, Schranken und Horizonte. Beschränkungen Was wir uns eingestehen müssen, ist: Manche Gesprächspartner wollen einfach keinen theologischen Dialog führen, etwa weil sie in ihrem Glaubensverständnis verstockt sind und vielleicht sogar zur Gewalt neigen. Das gibt es auf beiden Seiten. Ist der Dialog damit am Ende? Nein. Dann kann man immer noch einen „diplomatischen Dialog“ führen: Man klammert alles aus, worin man derzeit nicht weiterkommt, und bespricht eine Frage, in der es trotzdem ein wenig vorangehen kann. – Eingestehen aber müssen wir uns auch, dass wir vieles noch nicht verstan18

P. Felix Körner SJ ist Islamwissenschaftler und gilt als Kenner der türkisch-islamischen Theologie. An der Humboldt-Universität zu Berlin hat der Theologieprofessor den Nikolaus-­ Cusanus-Lehrstuhl für Theologie der Religionen inne. 2022 wurde er zum Erzbischöflichen Beauftragten für den Dialog mit dem Islam und zum Mitglied des Vorstandes der Kommission für den interreligiösen Dialog des Erzbistums Berlin ernannt. den haben, auch an unserem eigenen Glauben. Deshalb müssen wir gelegentlich einfach nochmals nachdenken, nachforschen oder bei Fachleuten nachfragen. Ein echter Dialog ist keine einmalige Begegnung, sondern ein Prozess, in dem man immer neu lernen und sich erneut treffen kann. Schließlich gehört zu den Limitationen auch, dass wir mitunter etwas falsch verstehen oder falsch darstellen oder uns falsch verhalten. Manchmal können wir nur um Verzeihung bitten und hoffen, dass wir weder unser Gegenüber noch das ganze Dialoggeschehen dauerhaft verletzt haben. Schranken Wenn das interreligiöse Gespräch ein wirklich theologischer Dialog werden soll, ist die erste Grenze, die wir zu achten haben, die unserer eigenen Gemeinschaft. Wir sollten nämlich dazu bereit sein, von anderen als Zeugen einer bestimmten Tradition wahrgenommen zu werden: als Vertreterinnen unserer Glaubensgemeinschaft. Papst Franziskus hat das einmal „die Pflicht zur Identität und den Mut zum Anderssein“ genannt. Deshalb sollte man sich nach Kräften bemühen, den eigenen Glauben getreu darzustellen. Und es gibt bleibende Unterschiede. Die hindern uns zwar nicht daran, gemeinsam zu handeln und die Zukunft zu gestalten; aber wenn wir Unterschiede verwischen, verletzen wir die Grenzen unserer eigenen Glaubensgemeinschaft. – Zu den Grenzen, die wir achten müssen, gehört jedoch auch, dass sich meine Gesprächspartnerin vielleicht in einer ganz anderen Situation befindet als ich selbst: Besteht eine unfaire Ungleichheit zwischen uns? Beispielsweise im Rechtsstatus, in der Freiheit, in der Ausdrucksfähigkeit, in der Verletzlichkeit oder auch der Verwurzelung im Glauben? Achten wir solche Grenzen, dann kann man durchaus versuchen, die Gesprächspartnerin von der Wahrheit des eigenen Glaubens zu überzeugen. Das macht Religionsgespräche besonders interessant. Nur – wenn die andere Person sich nicht überzeugen lässt, muss unsere Beziehung erst recht ungetrübt und offen weitergehen. Denn auch das erfordert unsere Achtung. Horizonte Bei aller Treue zur eigenen Tradition kommen wir im Religionsdialog aber auch an Grenzen, bei denen es nicht mehr ausreicht, die alten Formeln zu wiederholen. Ein Beispiel: Es heißt, ein Hauptunterschied zwischen christlichem und islamischem Glauben sei das Bekenntnis zu Christus, dem Sohn Gottes. Unsere Gesprächspartner heute sind aber immer häufiger gebildete Muttersprachler, die den christlichen Glauben gut genug kennen, um zu wissen: Christlicherseits glaubt man auch nicht, dass Jesus von einem himmlischen Elternpaar biologisch gezeugt wurde. Dass er der Gottessohn ist, besagt vielmehr seine einzigartige Gottesnähe. Inzwischen aber haken Muslime hierzulande nach. Sie können sagen: „Dann besteht ja doch kein Unterschied! Denn der Koran sagt ja ebenfalls, dass Jesus der Messias ist, Gottes Wort und Geist von ihm. Was ist das anderes als einzigartige Gottesnähe?“ Hier sind wir an einer Grenze, die uns ins Neuland hinausruft. Ich antworte nun: „Wir Christen bekennen damit aber: Jesus ist die entscheidende Geschichtswende.“ Das ist wohl eine zugleich neue, getreue und den Unterschied benennende Formel. Aber damit sind natürlich nicht alle Fragen beantwortet. Denn jetzt heißt es etwa: „Warum hat Gott diese Wende erst so spät geschickt?“ Der Dialog geht eben auch morgen weiter. Da hat er keine Grenze. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Anne Andrei 19 SCHWERPUNKT

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