Brücken bauen im neuen Syrien Nach dem Sturz von Baschar al-Assad erlebt Syrien einen von Spaltungen markierten neuen Anfang. Gerald Baumgartner SJ erzählt, wie Grenzen zwischen Menschen überwunden werden können. Es ist im Spätherbst des letzten Jahres, ich sitze mit zehn Frauen und Männern verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen in der Bibliothek unserer Jesuitenkommunität. Die Gruppe besteht aus Teilnehmern des learning-facilitator-Kurses (ein von Jesuit Worldwide Learning angebotener Kurs zu Pädagogik und Didaktik), die zugleich als Lehrerinnen oder WorkshopLeiter in unserer Kommunität wirken. Die Stimmung ist etwas angespannt; in der Woche zuvor konnten wir uns nicht treffen, weil es zwischen den kurdisch kontrollierten und von der Regierung kontrollierten Gebieten gewaltsame Auseinandersetzungen gab, einschließlich Mörser- und Raketenbeschusses. Unsere Kommunität war ungefähr zwei Kilometer vom Kampfgeschehen entfernt, daher konnten wir das Haus nicht verlassen. Die Spannung hat einen klaren Grund: In unserer Gruppe sind sowohl Kurden als auch Musliminnen und Christen, und ausgerechnet in dieser Woche sprachen wir über kulturelle und religiöse Unterschiede im pädagogischen Kontext. Über diese Unterschiede zu sprechen, ist im heutigen Syrien kaum möglich. Zu frisch sind die Erfahrungen des 14-jährigen Krieges, zu tief die Wunden. Religiöse und ethnische Zugehörigkeit prägen Begegnungen stark: Bei einer ersten Begegnung stellt man sich innerlich sofort die Frage, zu welcher Gruppe das Gegenüber gehört – auch wenn man sie nicht ausspricht. Die Grenzen zwischen den Gruppen wirken wie unüberwindbare Gräben, ein echter Austausch ist oft unmöglich. Als Jesuiten sehen wir die Zerstörung und die Spaltung zwischen den verschiedenen Gruppen in diesem Land, und in seelsorglichen Gesprächen nehmen wir die tiefen Verwundungen in den Seelen der Menschen wahr. Aufgrund dieser Wahrnehmung sehen wir als erste Berufung unserer Präsenz in diesem Land den Auftrag zur Versöhnung. Wir versuchen, unsere Kommunitäten als Orte der Gastfreundschaft und als sichere Orte zu gestalten, die zuerst jede Person als Mensch auf- und wahrnimmt. Während wir Gebete und spirituelle Angebote speziell für Christen haben, bieten wir auch eine Vielzahl von kulturellen, akademischen und künstlerischen Veranstaltungen an, die Menschen aller religiösen und ethnischen Zugehörigkeiten einladen. Der sichere Raum schafft mit der Zeit Vertrauensbeziehungen, die es ermöglichen, auch über die Unterschiede und persönlichen Verwundungen und Vorurteile zu sprechen und im Kleinen Versöhnung geschehen zu lassen. Im Frühjahr haben wir den learning-facilitator-Kurs beendet. Fast alle Teilnehmenden haben in der Reflexion unser Gespräch über die kulturellen Unterschiede hervorgehoben. Es gab ihnen Hoffnung, dass auch sie als Lehrerinnen und Workshop-Leiter dazu beitragen können, Grenzen zu überwinden und etwas in dieser verwundeten Gesellschaft zu verändern. Mir persönlich geben diese Momente Hoffnung, dass trotz aller Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Probleme Veränderung möglich ist und unsere Präsenz tatsächlich einen Unterschied macht. P. Gerald Baumgartner SJ wurde letztes Jahr zum Priester geweiht und macht sein Pastoralpraktikum in Aleppo. Dort arbeitet er in der christlichen Jugendarbeit und in der interreligiösen Bildungs- und Kulturarbeit. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Christian Harder 11 SCHWERPUNKT
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