dass Zufluchtsuchende Schutz finden können, sollten sie eine nationale Grenze trotz widrigster Bedingungen übertreten. Menschgemachte Grenzen können also nach politischem Interesse verschoben und als Fiktion betrachtet werden, ohne ihre Wirkmächtigkeit zu untergraben. Im Gegenteil: Durch die Fluidität der Grenze verstärkt sich in diesem Fall ihre ausgrenzende Wirkung. Da trifft Luft auf Luft, da trifft Land auf Land, da trifft Haut auf Blei. Die Reflexion von Grenzen ist also keineswegs schöngeistiges Gerede oder gar realitätsfern: Seit mindestens zwölf Jahren ist auch im europäischen Raum wieder spürbar, dass Staatsgrenzen sich mittels kriegerischer, propagandistischer und – mit Blick auf die benannte Asylrechtsreform – auch juristischer Mittel verschieben lassen. Diese Verschiebungen haben teils dramatische Auswirkungen auf die Menschen, die in dieser begrenzten Welt leben. Gerade deshalb ist es wichtig, das Augen- und Ohrenmerk auf jene Menschen at the margins zu richten, also an den Rändern. Dieses Hinschauen oder -hören kann abseits des Geschehens eingeübt werden und ermöglicht die Erfahrung der ohnehin bestehenden Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie. Wo ist oben, wo ist unten, wer könnte, wer wollte das ändern? Grenzen unterliegen also der menschlichen Interpretation – doch auch der Mensch selbst verkörpert eine Grenze. Eindrücklich beschreibt dies etwa der Philosoph Helmuth Plessner in seinem Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie: Der Mensch lebt einerseits aus seiner Mitte heraus – er ist Leib – und kann sich andererseits dabei beobachten – er hat einen Körper. Der Mensch ist immer sowohl erfahrender Leib als auch dasjenige, was sich von außen selbst betrachtet. Diese beobachtende Rolle wird ihm jedoch nie gänzlich zuteil – immer bleibt der Mensch auch das Tier, das sich – ohne aus seiner Haut zu können – scheinbar unmittelbar auf seine Umwelt bezieht. Diese Verfasstheit stellt den Menschen vor die Herausforderung, sich selbst Sinn zu geben – sei es durch Religion oder kulturelle Bedeutungssysteme. Der Mensch ist also insofern ein Grenzwesen, als dass er stetig die eigenen Grenzen übersteigt und doch in ihnen gefangen bleibt. Die Grenze und das Übertreten dieser ist dem Menschen also vertraut – wir kennen auf eine Art das Gefühl, „an den Rändern“ zu sein, aus unserer eigenen menschlichen Erfahrung. Indem wir uns unserer eigenen Grenzhaftigkeit bewusst werden und uns selbst in dieser Zerrissenheit zuhören, schaffen wir möglicherweise auch Raum, weitere Stimmen „an den Rändern“ zu vernehmen. Denn Grenzen verlaufen nicht nur entlang territorialer Linien, sondern ziehen sich durch unsere Köpfe und Herzen. Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, aber zwischen den Menschen. Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen. Liedzeilen aus: Dota Kehr (2016): Grenzen Lena Schützle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie München und schreibt aus sozialphilosophischer und phänomenologischer Perspektive zum Themenfeld Mitgefühl. Portrait: © Kristina Kleiß-Baier; Foto: © Christian Harder 13 SCHWERPUNKT
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