Wo das Vertraute endet Was bedeutet es für Jesuiten, „an die Grenzen zu gehen“? Gedanken von P. Lukas Kraus SJ. „Die Kirche braucht euch an den Grenzen – seien sie geografischer, kultureller, intellektueller oder spiritueller Natur.“ – Mit diesen Worten hat Papst Leo XIV. uns Jesuiten daran erinnert, wie wir der Kirche dienen sollen. Oder besser: Wo wir dienen sollen. An den Grenzen! Was meint man, wenn man das Wort „Grenze“ verwendet? Das Grimmsche Wörterbuch liefert als Hauptbedeutung: Eine „gedachte linie, die zur scheidung von gebieten der erdoberfläche dient“. Man vermutet, dass das slawische Lehnwort im 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit der exakten Bestimmung von privatem Landbesitz in die deutsche Sprache eingeführt wurde. Es wurde dann auf politische Gebilde übertragen und schließlich auch in abstrakten Kontexten gebraucht. Eine Grenze ist etwas, das zwei benachbarte Gebiete voneinander trennt. Zugleich gilt: Zwei benachbarte Gebiete sind durch ihre gemeinsame Grenze miteinander verbunden. „An die Grenzen gehen“ könnte für uns Jesuiten bedeuten, dorthin zu gehen, wo sich unterschiedliche Kulturen, Gedankenwelten oder Glaubensvorstellungen begegnen. Dort können wir einen unserer klassischen Aufträge erfüllen: die Versöhnung der Zerstrittenen. Dabei gilt es, das Trennende genauso ernst zu nehmen wie das Verbindende, also sowohl Unterschiede zu respektieren als auch Gemeinsamkeiten zu finden und Räume der Begegnung zu schaffen. Das Grimmsche Wörterbuch führt aber noch eine weitere Bedeutung an. Das Wort Grenze wird dabei beinahe gleichbedeutend mit Schranke, Abschluss, Ziel oder Ende. Man kann eine solche Grenze nur von jeweils einer Seite aus betrachten. Erst wenn ich mich auf eine Seite stelle, kann ich von dort aus die Grenze betrachten. An der Grenze endet dann das Gebiet, auf dem ich stehe. Den Raum jenseits der Grenze nehme ich kaum noch wahr. In geografischer, kultureller, intellektueller und spiritueller Hinsicht befinde ich mich in vielen Fällen von vornherein auf einer Seite. Etwa weil ich bereits auf dieser Seite geboren wurde. Oder meine Erziehung und Ausbildung mich dorthin gebracht haben. Die Grenzen sind dann meine Grenzen. Innerhalb meiner Grenzen kenne ich mich aus. Je mehr ich mich den Grenzen nähere, umso unheimlicher wird es. Aber auch umso spannender. Wer an die Grenzen geht, der kennt sich nicht mehr so gut aus. Und der setzt sich potenziellen Bedrohungen aus dem unbekannten Gebiet jenseits der Grenze aus. Andererseits haben solche Grenzen schon immer Abenteurer und Entdecker angezogen. Menschen, die Neues lernen, die Fragen beantworten und Rätsel lösen wollen. Aber auch Menschen, die eine Mission haben. Die eine Botschaft verbreiten wollen. Der Auferstandene hat zu den Aposteln gesagt: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8) Die Heilsbotschaft Christi ist universell, sie gilt allen Menschen. Wenn wir das ernst nehmen wollen, dann müssen wir an die Grenzen gehen. Und das nicht nur im geografischen Sinne. P. Lukas Kraus SJ ist Hochschulseelsorger und Kaplan der Pfarrei St. Eugenia in Stockholm. Vor dem Ordenseintritt im Jahr 2016 promovierte er in Philosophie an der Universität Innsbruck. Das Thema seiner Doktorarbeit war Ontologie der Grenzen ausgedehnter Gegenstände. Portrait: © SJ-Bild 14 SCHWERPUNKT
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