„Game over“ Es ist eine trügerische Idylle: Julius Schmitzer berichtet von der EU-Außengrenze in Kroatien und den häufig vergeblichen Versuchen von Flüchtlingen, diese zu überqueren. Die im äußersten Nordwesten von Bosnien gelegene Kleinstadt Bihać wirkt in der warmen Jahreszeit idyllisch. Am Ufer des bläulich schimmernden Flusses Una sitzen die Menschen in Cafés und das Leben scheint leicht. Und doch verläuft nur wenige Kilometer entfernt eine andere Wirklichkeit, eine, die mit dieser Idylle in hartem Kontrast steht: An der Grenze zu Kroatien und damit auch zur EU endet für viele Flüchtlinge auf brutalste Weise die Hoffnung auf Schutz in Europa. Wenn wir morgens das Tageszentrum des JRS (Jesuit Refugee Service) neben der katholischen Kirche öffneten, begegnete ich Menschen, deren Körper und Blicke davon erzählten. „Game“ nennen viele der Flüchtlinge den Versuch, die Grenze zu überqueren. Es ist ein zynischer Begriff für etwas, das fast immer mit brutaler Gewalt der Grenzpolizei endet: „Game over“. Die Spuren sind unübersehbar: tiefrote Marken von Schlagstöcken, aufgeschürfte Glieder, gebrochene Knochen, schmerzverzerrte Gesichter. Doch die gezielte Entmenschlichung geht oft noch tiefer. Ich sah immer wieder junge Frauen und Männer, denen beim Grenzübertritt das Handy zerstört und der letzte Besitz entrissen wurde. Das Zerstören der Handys ist eine kalkulierte Methode, um den Flüchtlingen die Navigation und den Kontakt zu Familie und Freunden zu rauben. Viele von ihnen probierten das „Game“ schon mehr als zehn Mal. In den Augen der Menschen liegt eine Erschöpfung, die weit über das Körperliche hinausgeht. Es ist die Erfahrung, von Europa nicht als Mensch, sondern als „illegales Problem“ behandelt zu werden; ein gezielter Angriff auf die menschliche Würde. Kurz vor meiner Ausreise nach Bosnien habe ich mich im Abitur intensiv mit der Theodizeefrage beschäftigt. Am Schreibtisch war ich sprachfähig, doch angesichts dieser mutwilligen Härte wurde ich stumm. Die LehrbuchAntworten wirken in Bihać oft hohl. An dieser Grenze stellt sich für mich die Frage nach Gott im Schrei nach Gerechtigkeit. Ich habe gelernt, ihn im radikalen Hinsehen und Handeln zu suchen: Einen Schlafsack ausgeben, einer Geschichte zuhören, beim Kartenspiel Witze machen oder über Fußball philosophieren – das alles ist ein Akt des Widerstands gegen ein System, welches diese Menschen unsichtbar machen möchte. Es ist das Zeichen: Ich sehe dich. Du hast einen Namen. Deine Würde darf niemand angreifen. Diese Gewalt ist kein Unfall. Sie ist die grausame Konsequenz eines Europas, das seine Werte an den Außengrenzen opfert und die Folgen für die betroffenen Menschen lieber verschweigt. Diese Grenze veranschaulicht eine tiefe Grenze unserer eigenen Menschlichkeit. Sie schreit förmlich zu uns, nicht länger wegzusehen, sondern dort da zu sein, wo Menschen und ihre Würde mit Schlagstöcken verprügelt werden. Denn am Ende entscheidet sich genau hier, an den Grenzen, wer wir als Europäer*innen und Christ*innen sein wollen. Ich finde: Wir wollen und sollen Menschen sein. Wir alle. Egal auf welcher Seite einer künstlich gezogenen Linie wir das bläulich schimmernde Wasser eines Flusses bewundern und Kaffee genießen. Julius Schmitzer arbeitete nach seinem Abitur am Canisius-Kolleg in Berlin ein Jahr als Jesuit Volunteer beim JRS BosnienHerzegowina und studiert jetzt Evangelische Theologie in Berlin. Portrait: © privat 15 SCHWERPUNKT
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