Geh fort – Gottes Einladung an der Grenze „Du sollst die Grenze deines Nächsten nicht verschieben“. P. Vyacheslav Okun SJ schreibt über ein Gebot (vgl. Dtn 19,14), das zu den ältesten Rechtsnormen menschlichen Zusammenlebens zählt. Die Grenze schützt, stiftet Ordnung und weist jedem seinen Raum zu. Ohne sie gäbe es weder Eigentum noch Würde noch Identität. Doch die biblische Tradition belässt es nicht bei dieser trennenden Funktion. Sie führt uns weiter: an den Punkt, wo die Grenze aufhört, bloße Trennlinie zu sein, und zu einem Ort der Begegnung wird. Schon die Herkunft des deutschen Wortes birgt eine Geschichte der Überschreitung. „Grenze“ ist ein Lehnwort, das im 13. Jahrhundert aus dem Altslawischen in den deutschen Sprachraum gelangte, als germanische und slawische Welt in enger, oft spannungsreicher Nachbarschaft lebten. Die urslawische Wurzel gran- bezeichnete den Rand, jenen Ort, wo eine Realität endet und eine neue beginnt. Der Begriff für die Trennlinie musste selbst Sprachgrenzen überwinden, um im Deutschen heimisch zu werden. Das Wort trägt die Erfahrung des Übergangs gleichsam in sich selbst. Genau diese Erfahrung kennt auch Abraham. Seine Familie lebt in Ur in Mesopotamien, mit festen geografischen, kulturellen und religiösen Grenzen. Doch das Leben dort ist vom Tod gezeichne: Aran ( הרן ), sein Bruder, der jüngere Sohn Terachs, starb noch zu Lebzeiten seines Vaters (vgl. Gen 11,28). Sara, seine Frau, bleibt unfruchtbar (vgl. Gen 11,30), eine Zukunft scheint es nicht zu geben. Terach bricht auf und lässt sich mit der Familie in Haran ( חרן ) nieder, einer Stadt, deren Name den seines toten Sohnes in sich trägt. Hier stirbt Terach auch. Gerade in dieser Zeitspanne zwischen zwei Todesfällen, zwischen Ur und Kanaan, ertönt das Wort Gottes an Abraham: „Geh fort aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus“ (Gen 12,1). Gott hebt die menschliche Entscheidung zum Aufbruch nicht auf, sondern verleiht ihr eine neue Dimension. Abraham wird eingeladen, eine tiefere Grenze zu überschreiten: die der Gewohnheiten, der alten Identität. Die begleitende Verheißung ist in ihrer Tragweite überwältigend: Nicht ein einziges Volk, sondern „alle Geschlechter der Erde“ sollen durch sein Überschreiten der Grenze einen Segen empfangen (vgl. Gen 12,3). Die überschrittene Grenze öffnet keinen abgeschlossenen Raum der Auserwähltheit, sondern einen Horizont, der alle umfasst. Das ist die tiefe biblische Logik der Grenze: Sie existiert nicht, um abzuschotten, sondern damit der Mensch weiß, woher er kommt und wohin er geht. In der Heiligen Schrift ist die Grenze der Ort, an dem Gott erscheint, Begegnung geschieht und Neues entsteht. Diese Einladung gilt auch uns heute. In einer Zeit, in der Grenzen wieder schmerzhaft werden, Familien und Völker trennen und Angst erzeugen, ruft die Bibel nicht zur Naivität auf, wohl aber zur Wachheit: Wer an der Grenze steht, steht an einem heiligen Ort. Dort, wo das Vertraute endet, beginnt die Möglichkeit der Begegnung mit dem anderen und mit Gott selbst. Die Grenze ist real und muss respektiert werden, aber sie ist nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat die Begegnung. P. Vyacheslav Okun SJ ist ukrainischer Jesuit. Er arbeitete mit den Geflüchteten in der Ukraine und auf Malta. Derzeit promoviert er an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Portrait: © privat 16 SCHWERPUNKT
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